Letztes Update am Fr, 26.01.2018 08:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Innsbrucker Quantenphysikerin

Ferlaino: „Bei zu viel Schlaf bekomme ich Kopfweh“

Francesca Ferlaino ist erst 40 Jahre alt, aber bereits eine der erfolgreichsten Quantenphysikerinnen der Welt. Wir haben die zweifache Mutter in ihrem Labor besucht und nachgefragt, wie sie den Spagat zwischen Quanten und Kindern meistert.

Francesca Ferlaino wurde 1977 in Neapel geboren, hat in Neapel und Florenz Physik studiert. 2006 kam sie erstmals als Gastwissenschafterin nach Innsbruck.

© Rudy De MoorFrancesca Ferlaino wurde 1977 in Neapel geboren, hat in Neapel und Florenz Physik studiert. 2006 kam sie erstmals als Gastwissenschafterin nach Innsbruck.



Frau Professor Ferlaino, was tun Sie in diesem Labor hier genau?

Wir erhitzen Flocken von Erbium und Dysprosium (magnetische Elemente, Anm.), bis ein Gasstrahl aus Millionen von Atomen entsteht. Dann kühlen wir die Atome mithilfe von Laserlicht bis auf Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt (minus 273 Grad C.elsius) ab. Anhand dieser ultrakalten Atome lassen sich quantenphysikalische Phänomene untersuchen. Wir haben etwa entdeckt, dass sich aus dem Gas, das wir über ein äußeres Magnetfeld kontrollieren, ein Tropfen formen kann. Das Gas nimmt also Eigenschaften einer Flüssigkeit an.

Und was hat der Otto Normalverbraucher von den Erkenntnissen?

Wir machen Grundlagenforschung, die etwa für das Funktionieren von Atomuhren und vieler zukünftiger Quantentechnologien bedeutend ist.

Heute ist sie Direktorin am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation der Akademie der Wissenschaften. 2013 wurde ihr eine mit fünf Mio. Euro dotierte Humboldt-Professur zuerkannt.
Heute ist sie Direktorin am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation der Akademie der Wissenschaften. 2013 wurde ihr eine mit fünf Mio. Euro dotierte Humboldt-Professur zuerkannt.
- Rudy De Moor

Sie haben schon viele Preise gewonnen. Was bedeuten Ihnen diese?

Sie zeigen, dass die weltweite Forschungsgemeinschaft, die mich ja dafür nominieren muss, meine Arbeit bzw. die meines Teams schätzt. Insofern bedeuten sie mir viel.

Sie leiten ein Team aus über Dutzend Forschern. Was würden die wohl über ihre Chefin sagen?

Dass ich taff bin wahrscheinlich. Wer an der Weltspitze mitforschen will, muss eben für die Arbeit brennen. Ich tausche mich aber auch intensiv mit meinen Leuten aus. Teamgeist ist mir total wichtig.

Wie fördern Sie den Teamgeist?

Gemeinsame Forschungsreisen, einmal pro Woche zusammen frühstücken. Und Karaoke singen – darauf steht mein Team total.

Sie sind ja nicht nur Wissenschafterin, sondern auch Mutter eines siebenjährigen Buben und einer vierjährigen Tochter. Da brauchen Sie ein optimales Zeitmanagement, oder?

Mehr als sechs Stunden schlafe ich nie. Bei zu viel Schlaf bekomme ich Kopfweh. Bis vor Kurzem hatten wir aber auch eine Vollzeit-Nanny. Mein Mann (ein Streetworker, Anm.) hilft voll mit und beschwert sich zum Glück auch nie.

Viele Frauen gibt es unter den Wissenschafterinnen nicht, oder?

In der Physik leider nicht! Unter den Physik-Erstsemestern sind noch zirka 25 Prozent Frauen, aber nur zehn bis 15 Prozent schließen das Studium ab. Um diese Situation zu ändern, müssen wir zunächst die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern. Das gilt aber nicht nur für Frauen, deshalb ermutige ich meine männlichen Mitarbeiter, nach der Geburt ihrer Kinder eine Zeit zu Hause zu bleiben.

Ich mache mich seit Jahren für eine Kinderbetreuung am Technik Campus stark und hatte bereits ein Konzept ausgearbeitet. Dieses Projekt hat die Unterstützung der Uni, wir brauchen aber noch weitere Hilfe der Stadt, um das umzusetzen.

Schlummerte in Ihnen immer schon eine Wissenschafterin?

Ich war jedenfalls ein neugieriges Kind. Mit einem „Das ist halt so“ hab’ ich mich nie abspeisen lassen. Für meine Eltern (einen Ingenieur und eine Philosophin, Anm.) war ich wohl anstrengend. Als Elfjährige besuchte ich mit der Schule ein Atomkraftwerk in Frankreich. Das hat mich so fasziniert, dass ich beschloss, Forscherin zu werden. In der Oberschule fand ich Physik aber langweilig und bin erst mit 17 durch einen älteren Freund zu meiner „alten Liebe“ zurückgekehrt.

Wie beginnt bei Ihnen ein typischer Wochentag?

Mit Kaffee natürlich (lacht). Dann bringe ich meinen Sohn in die Schule und gehe zur Uni: 2000 E-Mails beantworten, unterrichten, Labors besuchen, mit Mitarbeitern diskutieren, Forschungsberichte schreiben, Verwaltungsarbeit.

Das klingt heftig. Wie können Sie bei diesem Pensum abschalten?

Mit meiner Familie beim Skifahren, Rodeln, am Spielplatz. Oder ich gehe zu Konzerten ins Treibhaus und mache Yoga.

Sie stammen aus Neapel. Vermissen Sie die italienische Lebensart?

Ich vermisse viele Dinge, das Meer, den guten Fisch. Aber wenn ich in Neapel bin, vermisse ich die Berge und den Schnee. Mein Mann kommt übrigens aus San Sebastian in Spanien. Auch dorthin fahren wir öfters. Wir erleben das als Privileg, ich fühle mich überall wohl.

Obwohl die Tiroler recht eigen sind?

Wir haben fantastische Freunde hier. Außerdem arbeiten die Tiroler gerne mit ihren Händen. Für die experimentelle Physik braucht man genau solche Leute.

Hand aufs Herz: Liebäugeln Sie manchmal mit einem Nobelpreis?

Oh nein! Obwohl es für die Blaue-Himmel-Forschung, die wir machen, also Forschung, bei der alles möglich ist und es kein genaues Ziel gibt, häufig Nobelpreise gibt. Einen solchen hätten sich andere Tiroler Wissenschafter mehr verdient. Ich möchte nur weiterhin viele interessante Dinge entdecken.

Das Interview führte Kathrin Siller