Letztes Update am So, 04.02.2018 06:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zaubern

Ein unfassbarer Trick im Video: Magier verzauberten TT-Redaktion

Thommy Ten und Amélie van Tass haben das US-Publikum verzaubert und das Nationalratswahl-Ergebnis vorhergesagt. Zu den Tricks der Mentalmagier gibt es viele Theorien, aber muss man wirklich alles wissen?

© Rudy De MoorZeit für eine neue Generation von Zauberkünstlern: Thommy Ten und Amélie van Tass wollen am Mittwoch das Publikum in Innsbruck beeindrucken.



Von Matthias Christler

Simsalabim – und Amélie van Tass weiß trotz verbundener Augen, dass ihr Partner Thommy Ten einen Lippenstift aus der Handtasche einer jungen Frau in der Hand hält. Abrakadabra, auch die Seriennummer auf dem Geldschein ist kein Problem. Und wenn sie wollen würde, könnte sie auch die Kreditkartennummer und den dazugehörigen Sicherheitscode mit Kraft ihrer Gedanken entschlüsseln. Die „Kraft ihrer Gedanken“, merken Sie sich das, denn das ist näher an der Wahrheit, als man denkt.

Was die beiden Mentalmagier bei einem Besuch in der Redaktion der Tiroler Tageszeitung vorzaubern, lässt die sonst um Worte nicht verlegenen Mitarbeiter verstummen. Erst später wird getuschelt, gerätselt und werden krude Theorien aufgestellt. „Er hat ihr sicher mit den Schuhen Zeichen gegeben.“ Nein, hat er nicht. „War einer von uns eingeweiht?“ Nein, niemand. Wenn alles nichts mehr hilft, weiß das Internet Bescheid. Unter der Google-Eingabe „Gedankenlesen, Trick“ finden sich genug Erklärungen. Skeptiker und diejenigen, die es nicht aushalten, etwas nicht zu wissen, dürfen gerne selbst in den unzähligen Foren stöbern und die Magie zerstören.

Thommy Ten und Amélie van Tass, die am kommenden Mittwoch (19.30 Uhr) im Congress Inns­bruck auftreten, nehmen es locker: „Es sind kreative Theorien dabei, wir nehmen die und bauen sie in die Show ein. Eine Theorie ist auch, dass er mir Zeichen mit seinen Schuhen gibt. Also zieht er die Schuhe aus, um das Gegenteil zu beweisen“, erklärt die 31-jährige Niederösterreicherin über die, wie beide sagen, „gleichberechtigte Zusammenarbeit“ mit ihrem 30-jährigen Partner. Seit 2011 zaubern die beiden gemeinsam, traten bei der „Großen Chance“ (ORF) auf, beim „Supertalent“ (RTL) und 2016 schafften sie bei der US-Version „America’s Got Talent“ mit dem zweiten Platz den Durchbruch in den Staaten. Sie haben Shows am Broadway, in Las Vegas und wurden mit dem Award der Academy of Magical Arts Hollywood, quasi dem Zauber-Oscar, für ihre Bühnen-Show ausgezeichnet.

Skeptiker gehen baden

Beim Finale von „America’s Got Talent“ stellten sie unter Beweis, dass so mancher Skeptiker mit seiner Theorie baden gehen kann. Zum Beispiel, dass Thommy Ten seiner Partnerin durch die Wahl seiner Worte Hinweise gibt. Sie kommt also „Kraft ihrer Gedanken“, indem sie sich unzählige Codes und Wortkombinationen merkt, auf den Gegenstand oder die richtigen Zahlen. Nur, wie soll das funktionieren, wenn sie unter Wasser taucht und nichts hört? „Weil es so viele Theorien gab, wollten wir die alle auflösen und zeigen, dass Gedankenlesen unter Wasser geht. Unsere Inspiration war ein Trick von Harry Houdini“, spricht Thommy Ten den legendären Entfesselungskünstler (1874–1926) an, der in einem Wassertank Schlösser knackte.

Nach der goldenen Ära von Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es still um die Zauberkunst, bis David Copperfield oder Siegfried und Roy wieder glanzvolle Zeiten mit gigantischen Shows einleiteten. Obwohl Copperfield in Las Vegas weiterhin die Massen anzieht, hat sich eine neue Generation der Magier etabliert.

Darunter sind die deutschen Ehrlich Brothers, der Aktionskünstler David Blaine oder auch Thommy Ten und Amélie van Tass.

Nicht mehr nur ein Kaninchen

Stefan Schertler, der als Hobby-Zauberer Pipo auftritt und dem Magischen Zirkel Tirol als Vereins­präsident vorsteht, sieht die Entwicklung der Zauberei im Internet-Zeitalter kritisch: „Wir haben derzeit 13 Mitglieder, aber junge kommen keine nach. Zauberervereine, die früher der Eintritt in die Szene waren, wo man Material bekommen hat und Zugang zu Kongressen, haben den Reiz verloren. Heute lernt einer im Internet fünf Zaubertricks und tritt dann auf“, hat für Schertler die Magiekunst etwas von ihrem Zauber verloren.

Gedankenübertragung? Bei der Talentshow "America‘s Got Talent" notiert Amélie van Tass unter Wasser Zahlen von einer Kreditkarte, die ihr Partner Thommy Ten in der Hand hält.
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Heute muss man mehr aus dem Hut zaubern als ein Kaninchen. Trotzdem schaut er sich gerne die Shows großer Künstler an, obwohl ihm dabei eine Berufskrankheit manchmal den Spaß verdirbt. „Die kindliche Faszination, dort zu sitzen und zu staunen, geht bei uns leider verloren, weil man viele Tricks in der Theorie kennt. Ein Schnürsenkel von links auf rechts rübergeschupft verrät oft schon etwas“, gibt er ein kleines Beispiel für versteckte Codes.

Zufällig begann Thommy Tens Karriere mit einem Schnürsenkel. Sein erster Trick, den er als Kind aus einem Zauberkasten hatte, drehte sich darum, zerschnittene Schnürsenkel wieder ganz zu machen. Er baute seine Tricks immer weiter aus. Bis zur wahren Magie? Eher nicht. Uri Geller war einer, der viele Jahre behauptet hatte, übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen. James Randi, ein anderer Zauberkünstler und Begründer der Skeptiker-Vereinigung forderte Geller heraus, indem er ihm anbot, eine Million Dollar zu zahlen, sollte dieser die übernatürlichen Kräfte beweisen. Geller konnte es nicht.

Amélie van Tass liest Gedanken, sagt aber nicht wie Geller, dass ihr diese Kraft durch eine göttliche Eingebung oder Aliens übertragen wurde. „Wir lenken nicht mit Gorillas auf der Bühne ab. Aber natürlich passiert etwas, das der Zuseher nicht mitbekommt. Das ist unser Job“, meint sie zum Start der „Einfach Zauberhaft“-Tour. Bei ihren Auftritten wollen sie „Wunder im Kopf kreieren“, wird Thommy Ten mystisch. Ein „Wunder“ schafften sie im Herbst, als sie den Ausgang der Nationalratswahl auf die Prozentpunkte genau voraussagten.

Man muss nicht alles wissen

Das war echte Zauberei – wenn man den Begriff so deutet, wie es in früheren Zeiten gemacht wurde. Damals, etwa im Mittelalter, waren die Zauberer die Intellektuellen, die „Wissenden“. Nur sie wissen genau, was auf der Bühne passiert. Vor allem aber das Nicht-Wissen sei im Zeitalter, in dem man fast alles im Internet nachlesen kann, für die Besucher einer Zaubershow etwas Schönes, glaubt Thommy Ten.

Sogar Amélie van Tass genießt das hin und wieder noch. Bei einigen Tricks weiß selbst sie nicht, was genau dahintersteckt. „Diesen Luxus, das nicht zu wissen, und immer wieder überrascht zu werden, will ich nicht verlieren.“ Genau, man muss nicht alles wissen.


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