Letztes Update am Mo, 05.02.2018 09:48

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nachwuchsspringer

Tiroler Schanzen: Wo Adler fliegen lernen

Im Schatten der weltbekannten Bergisel-Schanze kämpfen viele Sportler, Trainer und Eltern dafür, dass die kleinen Bakken von Breitenwang bis Fieberbrunn nicht verschwinden. Ein Besuch beim Nachwuchstraining in Absam, wo seit 50 Jahren in einer idyllischen Lichtung abgehoben wird.

© Rudy De MoorDie sechsjährige Nora springt bei der 15-Meter-Schanze in Absam ab. Trainerin Esther Steindl hat sie im Blick.



Von Matthias Christler

Jetzt pumpt es am Anfang gleich ordentlich, das Herz des Springer-„Kükens“. Nicht aus Angst, denn die habe sie auf der Schanze nie, schüttelt die sechsjährige Nora ihren Kopf. Aber sie hat sich übermotiviert die Sprungski zu früh angeschnallt und muss jetzt einen kleinen Schneehügel überwinden, damit sie zum Schlepplift kommt, der sie zum Absprung zieht. Puh, geschafft. Gleich wird sie unter den Augen ihrer Trainerin Esther Steindl über die 15-Meter-Schanze springen. Im Hintergrund durchschneiden schon die etwas Älteren mit einem schönen V den Himmel über der Lichtung zwischen Absam und Gnadenwald.

Zehn Nachwuchsspringer zwischen sechs und 14 Jahren fliegen auf den Spuren ihrer Springer-Vorfahren. Vor genau 50 Jahren, Ende Jänner 1968, weihten die Teilnehmer der Universiade die Bettelwurfschanze mit dem ersten großen internationalen Bewerb ein.

Vor 50 Jahren, Ende Jänner 1968, weihten die Teilnehmer der Universiade die Schanze in einer Lichtung im Wald zwischen Absam und Gnadenwald ein.
- Stockhammer Hall

Bei der Anfahrtshocke von Nora würden sich die Springer von damals sicher etwas abschauen können. „Das macht sie schon richtig gut“, lobt Steindl ihr einziges Mädel an diesem Trainingsnachmittag. Ein mutiges Küken. „Man muss schon eine Wildsau sein“, stellt die 26-jährige Absamerin klar, die seit acht Jahren als Trainerin beim Nordic Team Absam dabei und davor wettkampfmäßig um die Welt gereist ist. Noras Mama Silvia Adamo aus Reith bei Seefeld blickt auf den ersten Sprung ihrer Tochter. Natürlich stolz, und wenn sie Angst um ihre Tochter hat, dann lässt sie sich das nicht anmerken. „Sie hat mit Langlaufen angefangen und war nach einem Schnupperspringen begeistert. Jetzt springt sie seit einem dreiviertel Jahr. Ich find’s lässig, weil sie dadurch richtig Selbstvertrauen gewonnen hat“, sagt sie und zahlt dafür gerne den Preis, dass sie wie die meisten anderen Eltern bei jedem Training mitanpackt.

Eltern packen mit an

Die „Trettel“-Ski, um Aufsprung und Auslauf jedes Mal neu herzurichten, liegen immer im Auto bereit. Die Eltern machen das Nest, die Kinder können flügge werden. Hat es geschneit, dauert es schon mal zwei bis drei Stunden, damit die Anlage bereit ist und die Kinder ein paar Sekunden Glücksgefühle in der Luft verspüren.

2016 wurden 100.000 Euro und an die 1000 Arbeitsstunden inves­tiert, um die insgesamt vier Schanzen mit Flutlicht und einer Verrohrung für die Beschneiungsanlage auszustatten. Ulli Arnold, ebenfalls eine der Schanzen-Mamis, hat bei der Planung und Umsetzung maßgeblich mitgewirkt. „Ohne die Erneuerung hätten wir den Standort wahrscheinlich aufgeben müssen“, spricht sie Klartext und eine Situation an, die viele der kleinen Anlagen in Tirol vor Probleme stellt. Am Nachmittag ist der Auslauf oft zu weich, um sicher zu landen. Am Abend fehlt vielen Standorten die Beleuchtung. Außerdem haben sich Auflagen für Sicherheit, also Banden, Zäune und Schutzmatten, in den vergangenen Jahren erhöht.

Das Jubiläum wurde Ende Dezember mit einem Bewerb auf der modenisierten Anlage gefeiert.
- Rudy De Moor

Das führte schon dazu, dass die Anlagen in St. Johann, Kössen oder Fulpmes eingestellt wurden. Harald Haim, der Sportliche Leiter im Schigymnasium Stams, sagt, dass es gute Anlagen in Kitzbühel, Natters, Wörgl oder eben Absam gebe und andere wie die in Fieberbrunn, Mayr­hofen und zum Teil in Imst oder Breitenwang „mit großem Aufwand am Leben erhalten werden“.

Modernisierung muss sein

Trotzdem seien die Schanzen in Tirol nicht am letzten, modernsten Stand. „Da sich die Haupttrainingszeit längst in den Sommer verlagert hat, sind Mattenschanzen unbedingt notwendig, und auch im Winter genügt es nicht mehr, die Schanzen zu tretteln, sondern es braucht auch da eine künstliche Anlaufspur.“

Und damit die Kinder konkurrenzfähig bleiben, seien Lifte oder Förderbänder wichtig, um eine hohe Trainingssprung-Frequenz zu erreichen, fasst Haim die modernen Anforderungen zusammen. Beim Training in Absam blickt Kurt Walter, Referent für Sprunglauf und Nordische Kombination beim Tiroler Skiverband, auf die Brettln der Nachwuchssportler. Am Wochenende müsse man oft nach Salzburg ausweichen, weil es in Tirol keine Möglichkeit zum Springen gebe. Dabei war das Land, das legendäre Springer wie Andi Felder, Ernst Vettori oder Gregor Schlierenzauer hervorgebracht hat, einmal eine Destination, die von vielen beneidet wurde.

Diese Meinung hat sich geändert, findet der Sprungschanzen-Experte schlechthin. Oliver Weeger betreibt das Online-Portal www.skisprungschanzen.com, auf dem so gut wie jede Sprungschanze der Welt, sei sie aktuell oder so wie ein kleiner Hügel in Breitenbach längst Geschichte, mit allen verfügbaren Daten von Weitenrekord bis Baujahr verzeichnet ist. „Tirol hat mit dem Berg­isel eine der bekanntesten und markantesten Schanzen der Welt – auch dieser könnte eine Modernisierung des Schanzenprofils und eine Flutlichtanlage nicht schaden. Und man kann schon feststellen, dass es insgesamt immer weniger aktiv genutzte Anlagen gibt – aber nicht nur in Tirol“, meint Weeger, der auf der Online-Seite seine Leidenschaft für den Sport, den er als Kind im Fernsehen verfolgte, und seine Freude an Physik, Mathematik sowie Architektur verbindet.

Die „lange und sehr lebendige Schanzen-Geschichte Tirols“, wie er es nennt, sieht man auf einem alten Bild von der Seegrube.

Es stammt aus der Mitte der 30er-Jahre, als einige Enthusiasten am Hang neben der Karrinne über eine Natur-Schanze springen. Die Historie des Sports reicht noch weiter zurück und nahm ihren Ausgang im 19. Jahrhundert in Norwegen und kam über Deutschland nach Österreich. Laut Legende soll im steirischen Mürzzuschlag ein verschneiter Misthaufen als Schanzentisch gedient haben. Wildsau hin oder her, so dreckig muss es heute nicht mehr sein. In Absam springen sie über Schanzentische aus Holz, die teils morsch sind und schon wieder renoviert werden müssten. Alex Leitner hat inzwischen ein paar Sprünge auf der K40-Schanze gemacht und hört sich im Auslauf über Funk die Anmerkungen des Trainers an. „Sehr gut, jetzt versuch den Telemark reinzusetzen“, krächzt es aus dem Lautsprecher. Der Zwölfjährige hat Lust auf mehr bekommen und fragt über Funk den Trainer, ob er auf den größeren K63-Bakken wechseln könne. Beim ersten Mal habe ihn der Luftstand von drei, vier Metern dort schon imponiert. Immer höher und weiter liegt den Adlern aber in den Genen.

300 Meter und mehr?

Kürzlich sagte der ehemalige deutsche Olympiasieger Martin Schmitt, dass er sich Weiten jenseits der 300 Meter vorstellen könne. „Das Limit hängt allein von der Größe der Schanze ab.“ Vor einigen Jahren brach Red Bull einen Versuch mit einer solchen Schanze ab, weil der ÖSV die Sicherheit seiner Springer, u. a. von Gregor Schlierenzauer, nicht gefährden wollte. Derzeit hält der Österreicher Stefan Kraft mit einem Flug über 253,5 Meter den Weltrekord. Seit der Grazer Uni-Professor Wolfram Müller 1997 in einer Studie feststellte, dass vom Standpunkt der Physik und der Aerodynamik 400-Meter-Flüge nicht auszuschließen seien, nimmt der Traum vom Rekordflug gigantische Ausmaße an. Der internationale Skiverband wehrt sich jedoch gegen diese „Weitenjagd um jeden Preis“.

In Tirol müssen sie so oder so kleinere Brötchen backen und auch in Absam bleiben sie heute auf dem K40-„Bäkkchen“, weil beim größeren der Aufsprung schwierig aussieht. „Meine größte Schanze war bisher die K80 in Garmisch“, erzählt Leitner und bekommt große Augen, wenn man ihn auf den Berg-isel anspricht. Sein älterer Bruder Clemens („Er ist mein Vorbild, neben Kamil Stoch“) holte dort im Jänner erstmals Weltcup-Punkte. Der dritte Bruder Felix hingegen springt nicht, er schießt lieber beim Biathlon scharf. Ob Alex ein Weitenjäger bleibt, will Vater Josef Leitner nicht beurteilen und schon gar nicht festlegen. „Er hat auch viele andere Talente.“ Aber als Milser, der nur wenige Gehminuten von der Anlage entfernt wohnt, hat sich die noch junge Sportlerlaufbahn fast zwangsläufig ergeben. „Und ich finde, es ist ein besonderer Kraftplatz“, beschreibt Josef Leitner, der natürlich auch bei der Präparierung hilft, die windstille Lichtung, die jetzt schon künstlich erhellt wird.

Talent für etwas Unnatürliches

Im Licht der Scheinwerfer setzt Nora zu ihrem letzten Sprung an. Weil ihr etwas kalt wird, hetzt ihre Mutter den Hügel hinauf und bringt ihr dickere Handschuhe. Dann kann es weitergehen. Nora fährt in die Anlaufspur und springt ab. Steindl nickt zufrieden. „Skispringen ist ja eigentlich eine unnatürlich Bewegung. Springt man ab, zieht man normalerweise die Knie an. Beim Skispringen musst du dich gut durchstrecken und eine Körperspannung haben. Das macht Nora nach so kurzer Zeit echt super“, freut sich die Trainerin und sieht sogar noch eine sichere Landung.

Keine Spur von Angst. Nicht heute, nicht bei Schnee. „Auf Matten springe ich nicht so gerne, das bremst und tut beim Hinfallen auch etwas weh“, erklärt die Sechsjährige. Sie sei schon auf größeren Schanzen gesprungen, wo sie den Aufsprung nicht gesehen habe. Das flößt ihr noch Respekt ein. Aber sie hat ja noch Zeit. Viel Zeit, damit aus einem Küken mit dem Mut einer Wildsau ein echter Adler wird.

Tirols Sprungschanzen auf einen Blick

Bergisel. Schanzengröße: Konstruktionspunkt 120 m (K120), Schanzenrekord: 138 m (Michael Hayböck). 1927 gab es die ersten Springen am Berg­isel, zu den Winterspielen ’64 und ’76 wurde die Schanze modernisiert. Zaha Hadid plante den Turm, der seit 2002 einer der architektonischen Hingucker Innsbrucks ist. Matten für Sommerspringen vorhanden.

Seefeld.

Schanzengröße: K99 und K68. Seit 1931 wird in Seefeld gesprungen, bei beiden Oylmpischen Spielen wurden hier die Normalschanzen-Bewerbe ausgetragen. Drei kleine Schanzen wurden 2003 abgerissen, 2010 wurden die zwei aktuellen für die Jugendspiele errichtet. Keine Matten.

Breitenwang „Otto Wagner“:

Im Zentrum des Ortes gab es früher mehrere Schanzen, heute gibt es noch eine K20- und K35-Schanze. 2002 wurde die Anlage generalsaniert und mit Matten für den Sommerbetrieb ausgestattet.

Breitenwang „Raimund Ertl“:

Im Ortsteil Lähn wurde in den 30er Jahren eine Schanze gebaut, ihr K-Punkt wurde 1993 auf 85 Meter ausgebaut. Weil die strengeren Normen nicht mehr erfüllt werden konnten, hat sich der SC Breitenwang entschlossen, den Betrieb 2016 einzustellen. Es steht nur noch der Sprungturm.

Fieberbrunn.

Vierfach hoch hinaus geht es bei der Simon-Schwaiger-Anlage (K50, K25, K14 und K5), die vor vier Jahren saniert wurde. Die Weitenjäger werden per Schneemobil zum Absprung gebracht. Ende Februar finden die Tiroler Meisterschaften im Sprunglauf und der Nord. Kombination in Fieberbrunn statt. Matten vorhanden.

Fulpmes.

Das Dreikönigsspringen auf der Fischteichschanze (K60) war legendär, am 6.1.2002 fand es zuletzt statt, auf der Startliste ein 12-jähriger Gregor Schlierenzauer. 2012 wurde der Sprungrichterturm abgebaut.

Stams.

Die Brunnentalschanze (K105, K60) gehört zur Kaderschmiede in Stams. Im Sommer 2010 wurde die Anlage für 1,4 Millionen Euro erneuert und u. a. mit modernen Matten ausgelegt.

Imst.

Schon 1910 fanden ers­te Springen in Imst statt. 1930 wurde die geschichtsträchtige Schanzenanlage im Putzenwald gebaut, später öfter modernisiert. Heute gibt es die Größen K35, K25 und K15 und eine Mattenbelegung.

Natters.

Die ersten weiteren Sätze in der Karriere machten viele Tiroler Springer seit den 60ern auf der Toni-Geiger-Anlage (K38, K24, K15). Derzeit bemühen sich die Verantwortlichen, Geld für eine Renovierung des morschen Unterbaus zu bekommen. Matten vorhanden.

Absam.

E

Ehrwald.

Kitzbühel.

Kössen. Früher gab es hier K64- und K35-Schanzen.

Mayrhofen. Im Zillertal findet ein jährliches Stefanispringen statt, Schanzen mit K67, K40 und K20. Keine Matten.

St. Johann. Die Schanzen K42, K26 und K16 sind außer Betrieb.

Wörgl. Vier Schanzen zwischen K15 und K60 machen Wörgl zum wichtigen Zentrum im Unterland.