Letztes Update am Mo, 19.02.2018 14:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

„Schatzi, schenk mir ein Foto“: Das Geheimnis hinter Après-Ski-Hits

Keine Musikrichtung ist so einfach gestrickt wie Après-Ski-Hits. Kann ja nicht so schwierig sein, selbst ein Lied zu kreieren: banaler Text, Bass, Melodie. Was braucht man mehr? Doch halt! Vier Experten erklären, warum Après-Ski-Hits viel komplexer sind, als man meint. Hurra die Gams!

"Après-Ski-Lieder leben vom Flair der Alpen und Tirols. Da dürfen Kuhglocken nicht fehlen", sagt  Andreas Rosmiarek, 
Geschäftsführer beverly.de. (Symbolfoto)

© "Après-Ski-Lieder leben vom Flair der Alpen und Tirols. Da dürfen Kuhglocken nicht fehlen", sagt Andreas Rosmiarek, 
Geschäftsführer beverly.de. (Symbolfoto)



Was bringt seriöse Geschäftsmänner dazu, sich auf den Boden eines Lokals zu setzen, wie besessen „Ich verkaufe meinen Körper ganz, ganz billig“ zu grölen und mit den Armen zu wachteln? Die Antwort ist simpel: Après-Ski-Hits. Ein Phänomen.

Sie reißen die Leute mit. Aber warum? An den ergreifenden Texten kann es jedenfalls nicht liegen. Beispiel „Johnny Däpp“ von Lorenz Büffel: „Heute seh’ ich dich endlich wieder. Warum jetzt? Warum heute? Wir sind einfach geile Leute.“

Klingt ein wenig plump – und wird beim Refrain „Depp, Depp, Depp“ nicht besser. Das Ganze noch mit einem Jodler garnieren, ein wenig Bass und Melodie – mehr braucht’s nicht für einen Hit?

„So einfach ist es nicht. Leider. Sonst könnte ja jeder einen Après-Ski-Kracher schreiben“, relativiert Gerhard Schmiderer. Der DJ beim Mooserwirt in St. Anton am Arlberg geht sogar noch einen Schritt weiter und bezeichnet Après-Ski-Lieder als Kunstrichtung: „Ein guter Song vermittelt Gefühl, hat ein komplexes Soundgefüge und eine Dramaturgie – schließlich steigert er sich ja bis zum Höhepunkt: dem Refrain.“

„Däpp“ komplexer als gedacht

Der ist bei „Johnny Däpp“ übrigens komplexer, als man meinen könnte. Davon ist zumindest Andreas Rosmiarek überzeugt, Geschäftsführer der Kölner Künstleragentur beverly.de, die Schlager-Größen wie Peter Wackel, Tim Toupet und Mickie Krause vertritt: „Der Refrain bei ,Johnny Däpp‘ besteht aus drei Songteilen, die durch eine komplexe ,Bridge‘ verbunden sind. Diese Übergänge gehen normalerweise meist Richtung Techno. Bei ,Däpp‘ ist die Bridge langsam und ohne Bass. Ganz atypisch für Après-Ski.“

Auch die Instrumentierung sei hier gelungen. Und die sei essentiell: „Après-Ski-Lieder leben vom Flair der Alpen, der Berge und Tirols. Da dürfen Kuhglocken, Tuba, Alphorn oder Akkordeon nicht fehlen, um Heimatgefühle entstehen zu lassen. Dazu noch ein Sänger im Tiroler oder bayerischen Dialekt. Perfekt.“

So viel zur Melodie. Kommen wir zum Text. Der ist gespickt mit eingängigen Reimen, Wiederholungen und grammatischen Fehlern. Oder klingt die Textzeile „da hat das rote Pferd sich einfach umgekehrt“ richtig? Egal. Beim Après-Ski gelten andere Regeln. Hauptsache, die Mischung ist so banal und eingängig, dass man sie auch nach dem fünften Bier noch mitsingen kann.

Moment! Ein Aspekt fehlt: sexuelle Doppeldeutigkeiten, wie „der schönste Stern, ich hol’ dir einen runter“. Die klingen losgelöst vom Rest versaut, sind im Kontext aber harmlos. Meistens. Es gibt natürlich Ausreißer. Beispiel: „Dicke Titten Kartoffelsalat“ von Ikke Hüftgold. Ja, das Lied heißt wirklich so. Ein Auszug: „Mit dem Arsch in der Sonne und ’ner Büchse in der Hand. Und ’nem Eimer auf dem Kopf liegen wir am Strand.“

Peinliche Musikwahl

Wenn Schmiderer diese Zeilen hört, wird er fast ein wenig rot: „Solche Lieder versuche ich zu vermeiden und lege sie nur auf, wenn sie gewünscht werden. Und selbst dann – wie soll ich sagen – kann es schon vorkommen, dass man einen Song zu spielen vergisst.“

Kein Einzelfall. Auch Roman Schuchter, besser bekannt als DJ Bomba aus der Schirmbar und dem Club „Fire & Ice“ in Sölden, umgeht allzu versaute Lieder: „Die kann man in Mallorca hören. Aber das ist kein Niveau für Tirol.“

Genug der Zutaten für einen Après-Ski-Hit? Nein. Die psychologische Komponente fehlt.

Das Spektrum an Hits muss so breit sein, dass sie in die Dramaturgie eines Nachmittags passen. „Wenn die Gäste um 15 Uhr von der Piste kommen, sind sie müde und schunkeln bestenfalls ein wenig mit. Da spiele ich Bekanntes wie Andrea Berg, Wolfgang Petry oder Claudia Jung“, erzählt DJ Bomba.

Ein paar Getränke und 90 Minuten später wehen die Arme durch die Luft und das Grölen beginnt: „Da gemma Gas! Von vielen Liedern gibt es Remixe, in denen die Leute aufgefordert werden, zu hüpfen oder sich auf den Boden zu setzen. Da hocken dann 400 von 500 Besuchern vor mir, im Lied ertönt ein ,Brrrrrt‘ und auf geht’s mit dem Refrain und der Party! Übrigens sind die Frauen die Mutigeren und singen meist schon lang vor den Männern mit.“

Diese Gruppendynamik macht für Daniela Eisenrauch einen wichtigen Aspekt eines erfolgreichen Hits aus: „Für das Online-Magazin skigebiete-test.de werten wir jährlich die Après-Ski-Newcomer aus.“ Wenn die Dynamik passt, die Bässe durch den Körper wummern und der Alkohol fließt, wären Leute bereit zu Musik zu tanzen, die sie privat vermutlich nie hören würden.

Après-Ski-Hits

Die Hits 2018

„Ingo ohne Flamingo": Die Band hat sich offenbar kreativ verausgabt und den Hit „Saufen morgens, mittags, abends" geschaffen.

„Peter Wackel" hat eine dubiose Idee, um seinen Skiurlaub zu fianzieren: „Ich verkaufe meinen Körper", singt er.

Die Band „Rigoros" hat den Hit „Despacito" des Puertoricaners Luis Fonsi zu ihrer bayerischen Version „Despassiertda" umgewandelt.

Die Inhalte

Tiere sind der Hit. Bei Markus Becker hat „das rote Pferd mit seinem Schwanz die Fliege abgewehrt" und Matty Valentino feiert „Hurra die Gams".

Beim Refrain wird lauthals mitgegrölt. Klar, ein „Hodi odi ohh di ho di eh", „Lalalalala" und „Oooohooohoooohohoooo" hat noch jeder geschafft.

Weniger ist mehr. Die Band „Puhdys" singt sich mit 50 Wörtern durch ihren Hit „Hey, wir woll'n die Eisbären sehn".

Die Evergreens

Wolfgang Ambros' „Schifoan", das beinahe 40 Jahre alt ist, wird wohl auch die kommende Generation noch singen.

Andreas Gabalier rockt mit dem eingängigen Lied „Hulapalu" aus dem Jahr 2015 noch immer in den Tiroler Après-Ski-Lokalen.

DJ Ötzi schuf mit „Anton aus Tirol" nicht nur einen zeitlosen Mitgröl-Klassiker, sondern begann 2000 auch seine Karriere damit.

Die ultimativen Après-Ski-Hits zum Nachhören gibt es auf skigebiete-test.de

Bestes Beispiel, wenn im Mooserwirt „Cowboy und Indianer“ läuft. „Ein zehn Jahre altes Lied, das immer noch oft gewünscht wird. Gerade von Dänen. Die denken sich zuhause Choreographien aus, die sie dann im Lokal mit ihrer Reisegruppe tanzen“, plaudert Schmidinger aus. So hätten sie ein Erlebnis, das die Gruppe verbindet.

Apropos Dänen: Ein Hit muss natürlich nicht nur Tiroler ansprechen, sondern auch fremdsprachige Touristen. DJ Bomba legt gerne eine Version des Lieds „Schatzi, schenk mir ein Foto“ auf, dessen letzte Strophe auf Holländisch gesungen wird: „Dass jeder mal mitsingen kann. Die Mischung macht’s: neben deutschen Liedern immer wieder mal fremdsprachige spielen.“

Als DJ kann der gebürtige Vorarl- berger auch zu einem gewissen Grad beeinflussen, was zum Hit wird: „Kennen Sie das ,Fliegerlied‘ der Jungen Zillertaler? Die Band The Monroes hat mich 2012 angeschrieben, ob ich ihre englische Version des Lieds spielen könnte. Habe ich gemacht. Und es kam großartig an.“ Damit es auch über die Landesgrenzen bekannt wird, rief DJ Bomba einen Kollegen an – den DJ des Bierkönigs auf Mallorca. „Und siehe da, es hat ihm so gefallen, dass die Monroes innerhalb von 15 Minuten einen Plattenvertrag hatten“, freut sich der 38-Jährige noch heute.

Doch nicht jede junge Band hat gute Beziehungen zu einem DJ. „Kein Problem. In Sachen Marketing ist die virale Welt heute ausschlaggebend. Wer es geschickt anstellt, kann sein Lied online platzieren, verlinken und anklicken lassen. Das hilft ungemein“, beruhigt Eisenrauch von skigebiete-test.de. Der Song „Despacito“ von Luis Fonsi wurde unlängst etwa zum meistgeklickten YouTube-­Lied aller Zeiten gekürt.

Kein Wunder, dass es gleich Trittbrettfahrer gab: „Die Band Rigoros hat die bayerische Après-Ski-Version ,Despassiertda‘ kreiert, die Platz drei unserer Charts errungen hat – nach den Hits von ,Ingo ohne Flamingo‘ sowie ,Almklausi und Specktakel‘.“

Regeln über Regeln. Schon klingt es gar nicht mehr so einfach, den ultimativen Hit zu schreiben. Davon kann auch Schmiderer ein Lied singen: „Ich stehe seit 26 Jahren am Mischpult. Ein Haufen Routine. Trotzdem werde sogar ich von so manchem Hit überrascht.“ Im Jahr 2000, als DJ Ötzi „Anton aus Tirol“ herausbrachte, spielte Schmiderer das Lied ab und an: „Ich habe es aber nicht in die Mooserwirt-CD aufgenommen, die ich für jede Saison erstelle. Aus dem schlichten Grund, weil ich dem Lied nicht viel zugetraut habe.“ Grober Fehler. Der „Anton“ wurde so beliebt, dass Schmiderers CD ohne dieses Lied beinahe unverkäuflich war.

Bleibt zu sagen, dass man von Après-Ski-Hits halten kann, was man will. Aber sie bringen die Mengen zum Grölen und die Zeit vergeht rasch. Vermutlich singt Peter Wackel darum von der „Nacht von Freitag auf Montag“. (Judith Sam)