Letztes Update am Mo, 05.03.2018 08:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Magazin

Der Hype um die Mini-Influencer

Es sind Märchen, wie sie nur das Internet schreiben kann: Mit mäßigem Talent und null Startkapital verdienen sich YouTube- und Instagram-Stöpsel eine goldene Nase. Wir sind einigen von ihnen für einige Tage gefolgt.

© Screenshot / TTMiley in der Barbie-Welt: Die achtjährige Miley (hier mit ihrem Vater) testet Spielzeug, singt und macht auf YouTube alle, was kleine Mädels lieben.



Von Kathrin Siller

Desmond Napoles trägt künstliche Wimpern, grellen Nagellack und ein ziemlich hysterisches Outfit. In einem Alter, in dem andere Knirpse auf Bäume klettern oder das erste Mal allein ins Ferienlager fahren, flaniert der 12-Jährige über Laufstege, posiert mit Promis, die dreimal so alt sind wie er, und tritt als Kämpfer für Transsexuellenrechte in TV-Shows auf. Schon als Achtjähriger führte er mit Unterstützung seiner stolzen Eltern in regenbogenfarbenem Tutu den New Yorker „Pride Marsch“ an. Auf Instagram erreicht die jüngste Dragqueen der Welt Tausende Follower. Als Gründer des „Haus of Amazing“ schart er andere so genannte Dragkids unter 20 um sich. In der Szene wird der bunte Vogel mit der altklugen Schnauze als Genie gefeiert. Und trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine Kindheit eventuell etwas mehr Bullerbü-Unschulds-Charakter vertragen könnte. Der Grat zwischen Bewunderung und Ablehnung ist bei jemandem wie Napoles jedenfalls schmal. Die Hass-Kommentare wären selbst für einen Erwachsenen nur schwer zu ertragen.

Schwarzer Pelz, goldenes Bustier: So aufgebrezelt erschien der New Yorker Desmond Napoles vor 
Kurzem zu einer Filmpremiere. 
Der Zwölfjährige lebt das Leben eines Erwachsenen.
- imago/Pacific Press Agency

Die 12-Jährige im Oma-Look

Auch Tavi Gevinson entwuchs ihren Kinderschuhen schnell. Als 12-Jährige gründete sie einen Fashion Blog, der in Windeseile Zehntausende Leser gewann, und tingelte fortan von Modeschau zu Modeschau – die Haare grau-blau gefärbt, versteckt hinter großen Brillengläsern. Die zierliche Teen­agerin verschwand in ihren sackartigen Jacken, wurde von Karl Lagerfeld für ihren Style gelobt und sah doch furchtbar verloren aus. Irgendwie ließ einen ihr Anblick verstört zurück: Passt Mama backstage hoffentlich gut auf? Oder gibt es schlichtweg Menschen, die niemals Kinder sein wollten? Heute hat der Instagram-Account der 21-Jährigen aus Chicago über eine halbe Million Fans.

Die Mutter der Internet-Stars: Mit nur zwölf Jahren wurde die US-Amerikanerin Tavi Gavinson zum Star. Heute ist die 21-Jährige immer noch dick im Geschäft.
- AFP

Eine riesige Anhängerschaft steht auch hinter Lisa und Lena. Die Zahnspange tragenden Teenies aus Stuttgart sind die drittbeliebtesten Instagram-Stars Deutschlands, 12,4 Millionen Abonnenten vergöttern die 15-Jährigen. Bekannt wurden sie durch ihre „Musical.ly“-Videos, in denen sie ihre Lippen synchron zu ausgewählten Songs bewegen. Ziemlich banal. Trotzdem haben sie heute ihre eigene Modelinie, einen Modelvertrag und ihre Schullaufbahn vorerst auf Eis gelegt.

Als „Ich-Ich-Ich-Generation“ beschrieb das Magazin Time vor einigen Jahren die um die Jahrtausendwende Geborenen. Es fehle ihnen an „Empathie, die es ihnen erlauben würde, Mitgefühl für andere Menschen zu entwickeln, und sie haben Probleme damit, die Argumente anderer Menschen intellektuell zu verstehen“, so Time. Aber: „Was sie können, ist, sich selbst in Marken zu verwandeln.“ Oder von ihren Eltern zu selbigen geformt zu werden.

Zwillinge mit Millionen-Wert: Lisa und Lena (mit Instagram-Königin Caro Daur auf der Fendi-Show in Mailand) haben über zwölf Millionen Follower.
- Fendi PR

Bestes Beispiel: Ryan. Der Dreikäsehoch rangiert mit dem YouTube-Kanal „Ryans Toys Review“ unter den 20 erfolgreichsten YouTube-Stars der Welt und kassiert Millionen. Über zwölf Millionen Menschen sehen dabei zu, wie der Sechsjährige auf einem Plas­tikherd einen Plastikpilz wendet oder in einem Babyswimmingpool mit Bällen überschüttet wird. Viel knallfarbiges Plastik, viel Konsum, viel Spaß für ein Kind und dessen Eltern, die mit diesem kapitalistischen Quatsch die Spielzeugindustrie dirigieren.

Ein vergleichsweise kleiner Fisch unter den YouTubern ist Miley. Mit einer halben Million Abonnenten ist aber selbst die Deutsche top im Geschäft. Wie der kleine Ryan testet auch sie sich durch diverses Spiel-Glumpert. Die amateurhaften Videos zeigen die Achtjährige beim Hantieren mit ihren Puppenhäusern, bei der Barbie-Modeschau oder im grünen Schleim-Bad. Miley singt, schminkt sich und wird auf YouTube sogar ins Krankenhaus begleitet. Papa und Mama drängen sich meistens auch ins Bild.

Wir teilen unsere Familie

„Der Unterschied zu anderen Familien liegt lediglich in der Entscheidung, unser Privatleben größtenteils mit der Öffentlichkeit zu teilen“, heißt es auf der Homepage von Mileys Familie. Aus der digitalen Welt, mit der sie aufgewachsen sind, holen die Kinder und Teenies bzw. ihre Eltern das Beste heraus. Startkapital braucht es für die große Karriere genauso wenig wie ein spezielles Talent.

Bleibt nur zu hoffen, dass die kleinen Schwerverdiener hin und wieder – analog, ohne Kameraverfolgung oder Make-up-Set – auf einen Baum klettern dürfen.

Das erfolgreichste Kind im Netz: Ryan (Nachname und Wohnort unbekannt) ist einer der millionenschwersten YouTube-Stars der Welt. Er ist sechs.
- Screenshot/TT