Letztes Update am Mi, 07.03.2018 16:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


USA

#Oneless: Ein Schuss gegen die Gewalt

17 Tote: Wieder wütete ein Amokläufer in Florida. Die 18. Schießerei an einer US-Schule, allein heuer. Nun greifen die Amerikaner zu rabiaten Mitteln.

© iStock(Symbolfoto)



Von Judith Sam und Evelin Stark

Amerikaner gelten als Waffennarren. Ein Klischee. Warum sonst würde der New Yorker Scott Pappalardo sein Gewehr mit einer elektrischen Säge zerstören? Im zugehörigen Video, das seit Tagen im Internet kursiert, sagt er: „Ist das Recht, diese Waffe zu besitzen, wichtiger als das Leben von jemandem?“

Kein Einzelfall: Unter dem Hashtag #oneless („eine weniger“) findet man unzählige ähnliche Videos – eine Reaktion auf das Schulmassaker am Valentinstag, das 17 Schüler in Florida das Leben kostete. Die 18. Schießerei in einer US-Schule seit Jahresbeginn.

Die traumatisierten, wütenden Schüler und Eltern wollen sich so der Waffenlobby entgegenstellen. Ihr Ziel? Verschärfte Gesetze.

Es scheint, als kämpfe David gegen Goliath. US-Präsident Donald Trump stellte sich bisher stets auf die Seite der Waffenfans. Wie sonst soll man seinen Vorschlag, Lehrer mit Waffen auszurüsten, deuten?

Grund genug für die TT, einen Innsbrucker Waffenhändler, eine #oneless-Teilnehmerin und einen amerikanischen Journalisten nach deren Meinungen zu befragen.

„Die Zahl der Waffenverkäufe sinkt leicht“

Der Innsbrucker Waffenhändler Martin Scheidle von „Jagdwaffen Fuchs“ hat Einblick, welchen Standpunkt viele Tiroler zu Waffen haben.

Wie groß ist die Nachfrage nach Pfefferspray und Co. in Tirol?

Pfefferspray wird ohne Ende gekauft – vor allem von Frauen. Männer bevorzugen Schlagstöcke und Pistolen. Halbautomatische Gewehre, die teurer sind als Pistolen, verkaufen wir vereinzelt. Vollautomatische Waffen, die feuern, solange man den Abzug drückt, sind bei uns sowieso verboten.

Sollten die Voraussetzungen, eine Waffe zu erlangen, strikter sein?

Man muss einen zweistündigen psychologischen Test und eine Einschulung im Umgang mit der Waffe absolvieren, muss unbescholten und über 21 Jahre alt sein. Ich finde, das reicht. Wer einen Anschlag plant, besorgt sich vermutlich ohnehin illegale Waffen – etwa aus dem Internet.

Hat sich das Sicherheitsbedürfnis der Tiroler während der letzten Jahre verändert?

Im Vergleich zu der Zeit vor zwei, drei Jahren auf jeden Fall. Der Wunsch, sich verteidigen zu können, ist gewachsen, hat allerdings den Höhepunkt bereits überschritten. Die Zahl der Waffenkäufe sinkt derzeit wieder leicht.

Was halten Sie von der Idee US-Lehrer für die Selbstverteidigung mit Waffen auszurüsten?

Ein Laie müsste viel trainieren, um eine Waffe sinnvoll einsetzen zu können. Pfefferspray, den man bis zu sechs Meter weit verspritzen kann, wäre sinnvoller. Er brennt höllisch, ist aber nicht so fatal wie ein Gewehr.

„Oneless“ ist immerhin eine Waffe weniger

Amanda Meyer lebt in Connecticut und ist Redakteurin und Autorin für naturwissenschaftliche Themen. Sie hat im Zuge von #oneless ihr Gewehr vor laufender Kamera zersägt.

Warum haben Sie sich entschieden, Ihre Waffe zu zerstören?

Weil ich nicht mehr guten Gewissens zu einem Markt beitragen konnte, der zu so vielen unnötigen Todesfällen führt. Ich hätte sie verkaufen können, aber dann würde ich nie wissen, ob sie nicht noch zur Mordwaffe wird.

Aus welchem Grund gibt es so oft Schießereien in US-Schulen?

Es gibt keinen Grund, sondern eine Vielzahl komplexer Faktoren. Schießereien sind in bestimmten Bereichen der Gesellschaft schon sehr lange üblich. Unser Lohngefälle ist größer als je zuvor, die Gesundheitsversorgung ist schlecht und es gibt mehr Waffen als Menschen. Meistens sind es auch keine psychisch Kranken, die Verbrechen begehen, sondern es sind wütende Menschen.

Ist jetzt nicht die Regierung gefragt, etwas zu unternehmen?

Ich glaube nicht, dass unsere Regierung sofort etwas unternehmen wird, um das Problem zu lösen. Angstbasierte Politik war in diesem Land in den letzten Jahren äußerst erfolgreich, und ohne angst-basierte Propaganda hätten viele Konservative keine politische Plattform, um ihre Kampagnen zu stützen und würden daher nicht gewählt werden.

Was kann die #oneless-Bewegung bewirken?

Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die das Gleiche fühlen wie ich. Sie sehen sich die Fakten an, erkennen, dass die Verwendung einer Waffe zur Selbstverteidigung eine Fantasie ist. Eine Waffe wird ihren Besitzer fast immer überleben, und es ist unmöglich zu wissen, was mit ihr passieren wird, wenn wir weg sind.

Hat der Mann vor mir im Stau ein Gewehr?

Patrick Riley wuchs in Ampass auf und arbeitet seit 2015 in Naples, Florida, bei den Naples Daily News. Er war in der Redaktion, als sich am Valentinstag die Nachrichten über das Schulmassaker via Twitter verbreiteten.

Wie haben Sie die Nachricht von dem Anschlag wahrgenommen?

Der erste Gedanke war: „Nicht schon wieder.“ Zwei unserer Fotografen und eine Journalistin mussten zum Anschlagsort fahren. Die ersten Stunden waren hektisch. Ein Fotograf lichtete die Verletzten im Krankenhaus ab. Die Trauer war immens, der Schock saß tief. Begräbnisse folgten. Für viele Einheimische war es unfassbar, dass so etwas in einer idyllischen und wohlhabenden Gegend passierte. Wenn ich mich recht erinnere, wurde Parkland letztes Jahr von einem Handelsverband im Bereich „Home Security“ zur sichersten Stadt in Florida erklärt.

Fühlen Sie sich in Florida unsicher?

Im Großen und Ganzen nicht. Doch die Bewohner Floridas genießen recht großzügige Waffenrechte. Das hat man immer im Hinterkopf – dass jemand, dem man zum Beispiel im Stau in die Quere kommt, bewaffnet sein könnte. Seit ich in Florida wohne, bin ich allerdings noch nie jemandem begegnet, der eine Waffe dabei hatte.

Warum kaufen die Amerikaner so engagiert Waffen?

Waffenbesitz gehört dort zur Lebensart. Für viele dürfte das Recht auf ein Gewehr Teil der Identität sein. Gleichzeitig befürworten Amerikaner striktere Regeln und Hintergrundchecks von Käufern. Die Waffenlobby wiederum hat es geschafft, durch Geld und Werbung Politiker und Normalverbraucher zu beeinflussen. Dieser Lobby ist jegliche Regulation ein Dorn im Auge.

Haben Sie überlegt, sich selbst zu bewaffnen?

Ich hatte nie das Bedürfnis, mich zu schützen. Ich sperre die Türe zu und habe einen Hund, der gerne bellt.




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