Letztes Update am Di, 13.03.2018 10:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Mit 530 PS über die Pisten tanzen

Während die Skifahrer Party machen, beseitigen die Pistenraupen die Spuren des Tages. Die Dompteure der Schneeraupen können heute auf viel Technik zurückgreifen. Eine Ausstellung zeigt, wie es früher war.

© Rudy De MoorEinsteigen: Michael Scheiber (25) mit seiner 530 PS starken Pistenraupe in Hochgurgl.



Die letzten Sonnenstrahlen beleuchten die leergefegte Piste. Die Gondeln hängen still. Das Thermometer zeigt in Hochgurgl minus 22 Grad an.

Eisige Stille ist nach einem sonnigen Skitag eingekehrt. Um halb fünf nähert sich ein dumpfes Wummern. Über einer Pistenkuppe tauchen zunächst drei Scheinwerfer auf. Dann kommt die ganze Pistenraupe ins Blickfeld, rechtzeitig hält der Knapp-14-Tonnen-Koloss an.

„Ihr wollt’s mitfahren?“, ruft Michael „Michl“ Scheiber von der Fahrerkabine der mehr als drei Meter hohen Maschine heraus.

Tonnenschwere Feinarbeit

Mit zwei Tritten auf die Alukette geht es in den Führerstand. Scheiber setzt sich auf den mittleren Sitz – linkerhand befinden sich zwei Fahrthebel für die beiden Ketten. Rechterhand ein Joystick, viele Knöpfe und ein Display.

Sonderausstellung Pistengeräte

Pistengeräte aus vergangenen Zeiten zeigt die Sonderausstellung im „Top Mountain Motorcycle Museum“ am Fuße der Timmelsjoch Hochalpenstraße in Hochgurgl. Neben Pistenraupen und Schneemobilen finden sich hier auch Raritäten wie ein Motorschlitten von Harley Davidson oder ein Schneemotorrad von Honda.

Die Sonderausstellung ist im Erdgeschoß des Museums bis Anfang 2019 geöffnet.

Kaum Platz genommen, beginnt es leicht zu rütteln und die Raupe bewegt sich rückwärts. Mit einem Gaspedal am Boden regelt der 25-Jährige die Geschwindigkeit, die beiden Arme ruhen auf Fahrthebel und Joystick. „Man kann die Ketten getrennt steuern und auf der Stelle wenden“, erklärt er den Laien. Das tonnenschwere Gefährt folgt auf den leisesten Befehl. Scheiber drückt ein paar Knöpfe, im Rückspiegel kann man die Fräse und Matten am Heck auf dem Boden sehen. Wieder ein Knopf, gefolgt von einer feinen Joystickbewegung und das Frontschild stemmt sich etwas steiler dem Schnee entgegen. „Das ist ein Zwölf-Wege-Schild“, sagt Scheiber. Neigung, Höhe, Schnitt, insgesamt zwölf Parameter – alles lässt sich verändern. „Die Ohrlappen kann man damit auch klappen.“ Gemeint sind die äußeren Enden des Schildes. Der Laie kommt aus dem Staunen nicht heraus.

Locker und lässig sitzt Scheiber hinter dem Steuerplatz vom „Leitwolf“, einer Pistenraupe der Firma Prinoth, die zum Südtiroler Seilbahnbauer Leitner gehört. Im Hintergrund läuft leise das Radio, ab und zu quäkt eine Stimme eines anderen Pistenraupenfahrers aus dem Funkgerät. Sieben Fahrer sind allein für den Hochgurgler Teil unterwegs. Der 530-PS-Motor treibt die Raupe – ganz leicht und mit ruhigem Lauf – die blaue Piste hinauf, verdrängt vorne etwas Schnee und fräst und glättet ihn hinten.

Auf einem zweiten Bildschirm am unteren Teil der Frontscheibe sieht Scheiber die aktuelle Schneehöhe. „Das geht über GPS. Dafür vermessen wir im Sommer den ganzen Berg.“ Auch außerhalb der Skisaison gibt es also etwas zu tun. Aber auch im Winter arbeitet er immer wieder einmal abseits der Fahrerkabine – in der Werkstatt und an Schneekanonen. Scheiber hat, wie viele seiner Kollegen, eine Ganzjahresstelle. Einige andere sind im Sommer aber auch Baggerfahrer.

Scheiber, der mit Pistenraupen an der Talstation „aufgewachsen“ ist, fährt seit dem Abschluss seiner Mechanikerlehre. „Mich fasziniert an diesem Job alles zusammen, vom Ausblick bis zur Technik.“ Zu einsam sei die Arbeit nicht, beteuert er. „Es gibt ja Handys, da kann man jemanden anrufen, wenn es einem zu einsam ist“, scherzt er.

Seit fünf Jahren fährt er schon mit dem schweren Gerät. „Größeres ist zum Glück noch nie passiert.“ Sollte die Raupe doch mal stecken oder mit einem Schaden stehen bleiben, müssen die Kollegen zur Hilfe kommen. Ski hat Scheiber nämlich keine mit. Mehrmals fährt er die Piste mit rund 15 km/h hinauf und hinab, lässt Spur um Spur die Spuren des Tages verschwinden.

Samantha Bird steuert seit heuer in der Axamer Li­zum die Pistenraupe in den Snowparks.
- sammybird

Einen eigenen Führerschein für Pistenraupen gibt es in Österreich nicht, dafür aber innerbetriebliche Fahrgenehmigungen. „Die vergibt der Betriebsleiter für das jeweilige Gerät nach einer Einweisung“, erklärt Christian Felder von der Wirtschaftskammer Tirol, Ausbildungsleiter der Betriebsleiter. Die Erlaubnis gilt allerdings nur für das jeweilige Skigebiet. „Wechselt jemand, muss er eine neue Einweisung machen.“

Einen Tag dauert diese in Hochgurgl. Über 18 Jahre muss man sein, und am besten einen Führerschein der Klasse C (Lkw) besitzen.

„Als Neuling fährt man dann drei Wochen in der Flotte mit. Vor einem einer, hinter einem einer“, sagt Scheiber. Das erste Mal allein in der 530-PS-Raupe sei schon spannend. „Da fährt man vielleicht nicht ganz so nah am Rand wie ich jetzt“, grinst er, als auf einem Zwischenstück der steil abfallende Pistenrand näher kommt. Die Maße des Geräts – neun Meter lang, über sechseinhalb Meter breit – hat er im Gefühl. Bis man gut fahren könne, dauere es aber ein, zwei Jahre.

Auch Samantha Bird steuert Pistenraupen. Die passionierte Snowboardfahrerin und Funpark-Designerin sitzt in der Axamer Lizum hinter dem Joystick, ein Platz, der sonst fast nur von Männern eingenommen wird. „Es macht riesigen Spaß“ erzählt sie.

Seit vier Jahren arbeitet die 23-Jährige aus Milton Keynes im Winter in Tirol, im Sommer als Krankenschwester in England. Die Faszination Pistenraupe begann bei ihrem Job in einer Skihalle in England. Seit diesem Winter fährt sie alleine Pistenraupen. „Beim ersten Mal war es etwas beängstigend, hat aber gleichzeitig ganz viel Spaß gemacht. Nachts am Berg zu arbeiten ist ein ganz besonderes Erlebnis.“ Ob Mann oder Frau hinter dem Steuer sitzt, mache dabei keinen Unterschied, auch wenn sie auf mehr Kolleginnen hofft.

Gefährliche Begegnungen

Immer wieder begegnen Pistenraupen Skifahrern und Tourengehern – zwei Todesfälle mit Pistengeräten gab es diesen Winter bereits. „Es ist klar geregelt, wann Pistengeräte fahren dürfen“, erklärt Felder. Während des laufenden Betriebs – also wenn Skifahrer und Snowboarder die Pisten stürmen – soll nicht gefahren werden. Ausnahmen sind z.B. der Transport verletzter Skifahrer, notwendige Arbeiten an Pisten oder die Beseitigung von Gefahrenstellen.

Doch eines ist klar: „Das lässt sich nicht verallgemeinern, eine Piste ist ja keine Straße, die immer gleich ist“, sagt Felder. Danach richten sich auch einige der Vorschriften an die Pistenraupenfahrer für einen Einsatz bei laufendem Skibetrieb: vom bloßen Drehlicht über zusätzliche akustische Signale und Schrittgeschwindigkeit bis zu Warnposten und Sperren.

„Das große Problem sind die Seilwinden, mit denen Pistengeräte im steilen Gelände gesichert werden.“ Diese dürften nur auf einer gesperrten Piste zum Einsatz kommen, bei Dunkelheit seien die über 500 Meter langen Seile aber schlecht zu erkennen - vor allem für Tourengeher. „Im Großen und Ganzen funktioniert das gut, aber leider gibt es Ausnahmen“, sagt Felder und denkt an Unfälle, bei denen Tourengeher gegen Seile fuhren und sich schwer verletzten.

Mit Sonnenbrille, Kappe und Arbeitsoverall genießt Scheiber derweil die letzten Sonnenstrahlen in seinem „Cockpit“, das auf wohlige 22 Grad temperiert ist. „Bei manchen ist es im Wohnzimmer nicht so fein“, feixt der 25-Jährige. „Als ich anfing, gab es noch ein Modell, bei dem die Heizung nicht gut funktionierte. Das ist jetzt feiner.“

Attila Scheiber sitzt stolz auf der alten "Ratrac"-Pistenraupe in seiner Ausstellung.
8 Das „Snowmobile“ fuhr ab 1947 auf Ottawas verschneiten Straßen als Acht-Personen-Taxi.
9 Der enge Führerstand eines „Pistenbullys“ aus dem Jahr 1973.
- Rudy De Moor

Von Heizungen konnten Kollegen in früheren Zeiten nur träumen. Über Pisten-Oldtimer freut sich aktuell aber Attila Scheiber, nicht direkt mit Michl Scheiber verwandt. Im „Top Mountain Motorcycle Museum Hochgurgl“hat der Geschäftsführer eine Sonderausstellung zu alten Pistengeräten eröffnet.

Mehr als ein Dutzend alte Pistenraupen und andere Schneemobile aus aller Welt hat er gesammelt. „Das ist ein toller Sechs-Zylinder“, sagt er voller Stolz vor einem blauen Schneegefährt stehend, das er extra aus Kanada geholt hat, Geschichten und Zahlen sprudeln aus ihm heraus. „Ich war auf der Suche nach einer attraktiven Sonderausstellung“, sagt der passionierte Oldtimer-Sammler.

Als jemand aus dem Unternehmen Bombardier dann einmal zu Gast war, erzählte der Scheiber von dem „Snowmobile“ aus dem Jahre 1947. „Ich bin dann nach Ottawa geflogen und habe es gekauft. Die Spedition zum Verschiffen kenne ich nach 80 Motorrad-Importen aus Nordamerika ja schon“, schmunzelt Attila Scheiber.

Artensterben bei den Raupen

Angefixt und im Sammlerfieber inseriert er in Fachzeitschriften, spricht Seilbahner-Kollegen an. Mit Erfolg: Eine Raupe des Schweizer Herstellers „Ratrac“, früher das Synonym für Pistenraupen, hat er zum Beispiel auftreiben können. Heute ist der „Pistenbully“, ein Modell von Kässbohrer, das Synonym.

„Früher gab es viel mehr Hersteller. ,Ratrac’ etwa ging pleite“, weiß der 50-Jährige. Und auch wenn er viele Fahrzeuge aufgetrieben hat, eines der deutschen Firma „Fendt“ vermisst er noch.

Das "Snowmobile" fuhr ab 1947 auf Ottawas verschneiten Straßen als Acht-Personen-Taxi.
- Rudy De Moor

Draußen vor dem Museum steht ein Pistenbully aus dem Jahr 1973, wie er bis vor Kurzem auch noch in Obergurgl fuhr. „3,5 Tonnen, 160 PS. Heute sind das ganz andere Werte“, lacht Attila Scheiber. Auf der Interalpin-Messe in Innsbruck werden die Oldtimer nächstes Jahr zu sehen sein. „Danach verleihe ich die Ausstellung nach Schladming.“

Natürlich saß der 50-jährige Hotellier schon in jeder der ausgestellten Maschinen. „Die sind alle fahrtüchtig. Manche fuhren nicht mehr gut, die haben wir selbst hergerichtet.“ Falls die neuen Geräte also einmal streiken sollten, steht fahrbarer Ersatz im Museum.

Zurück auf die Piste, wo die moderne Pistenraupe von Michl Scheiber gerade Höchstleistung bringt. 30 Grad Steigung. Da hilft die Seilwinde. Sie übernimmt bis zu 4,5 Tonnen Gewicht. Beim anschließenden Talwärtsfahren neigt sich die Kabine merklich nach unten. „Beim Hochfahren zieht die Winde mit, beim Herunterfahren hält sie den Pistenbully, damit die Ketten nicht zu viel Schnee hinunterziehen“, erklärt der Fahrer.

Stundenlang durch den Schnee

1000 Stunden sitzt er pro Saison in der Pistenraupe, sechs Tage die Woche. Längeren Urlaub gibt es im Winter keinen. „Man freut sich am Ende vom Winter, dass man nicht mehr hier drin sitzt, im Herbst aber, dass es bald wieder losgeht.“

Inzwischen ist es 19 Uhr und dunkel. Zwei Stunden ist der 25-Jährige noch unterwegs. 35–40 Liter verbraucht er dabei – je nach Schneekonsistenz – pro Stunde. „Wir fahren normalerweise abends, bei schlechtem Wetter aber auch mal morgens um fünf.“ Der Abenddienst geht teils bis tief in die Nacht. „Wenn es viel schneit, fahren wir bis eins“, erzählt Scheiber, ehe seine Raupe blinkend in der Dunkelheit verschwindet. (Philipp Schwartze)