Letztes Update am So, 01.04.2018 07:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Raumfahrt

Mit dem Raketen-Hammer auf Asteroiden-Jagd

Der 500-Meter-Gesteinsbrocken Bennu bedroht uns - in mehr als 100 Jahre könnte er auf die Erde krachen. Schon jetzt plant die NASA seine Abwehr. Der Plan klingt nach Science Fiction, doch was steckt wirklich dahinter?

© iStockImmer wieder steuern Asteroiden auf die Erde zu. Fast 200 Krater zeugen von vergangenen Einschlägen.



Von Philipp Schwartze

Der Himmel wird uns auf den Kopf fallen, heißt es bei Asterix und Obelix. Nach einem Blick auf die Internetseite der Europäischen Weltraumagentur ESA könnte man sich den Comic-Galliern glatt anschließen: 732 erdnahe Objekte sind dort zurzeit gelistet. Sie alle könnten einmal auf die Erde krachen.

Doch nur eines von ihnen sorgt im Moment für Schlagzeilen: Bennu. Hinter dem unscheinbaren Namen steckt ein Gesteinsbrocken, der 484 Meter groß und 79 Milliarden Kilogramm schwer ist. Mit 100.000 Kilometern pro Stunde kreist er um die Sonne.

Größenvergleich: Bennu überragt das Empire State Building (New York) und ist größer als die weltgrößte Rakete (Deltay Heavy IV). Das Hammer-Raumschiff ist im Vergleich winzig.
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In vielen Medien ist zu lesen, er könnte unsere Welt laut dem US-Forschungszentrum LLNL im Jahre 2135 treffen. Eine Angba, die von der US-Raumfahrtbehörde NASA dementiert wird. Erst zwischen 2175 und 2199 sei das möglich – theoretisch. In der ESA-Datenbank, der eigene Berechnungen zu Grunde liegen, ist der 24. September 2196 der wahrscheinlichste Tag, an dem Bennu die Erde trifft. Bei einer Chance von 1:10.000 ist „wahrscheinlich“ aber noch deutlich übertrieben.

„Es gibt auf der Liste viel gefährlichere Objekte, eines könnte uns schon 2026 treffen. Bennu aber ist in den Schlagzeilen, weil er mit fast 500 Metern relativ groß ist – und die Amerikaner gerade hinfliegen, um Bodenproben zu entnehmen“, sagt Rüdiger Jehn vom European Space Operations Center in Darmstadt, das zur ESA gehört. Die Aufgabe seines Teams: Erdnahe Objekte (near earth objects) beobachten und ergründen, ob sie für uns gefährlich werden könnten.

Atomare Antwort

Würde Bennu auf die Erde aufprallen, käme das der Wucht von 80.000 Hiroshima-Atombomben gleich. Eine atomare Antwort auf diese Bedrohung schwebt auch der NASA zurzeit vor. In der ersten Variante des Abwehrplans soll ein Raumschiff, neun Meter lang und 90 Tonnen schwer, als Rammbock gegen Bennu verwendet werden und mit einem geplanten „Auffahrunfall im Weltall“ den Asteroiden von seiner Bahn schubsen. Reicht das nicht, fungiert der als Hammer (Hypervelocity Asteroid Mitigation Mission for Emergency Response vehicle) bezeichnete Flugkörper als Transporter für nukleare Waffen.

Und genau deshalb ist Bennu zurzeit in aller Munde – wohl auch, weil vielen bei diesem Plan der Film „Armageddon“ einfällt.

„Das sind aber zwei völlig verschiedene Paar Schuhe“, sagt Chris­tian Köberl, einer der führenden Forscher im Bereich Asteroiden und Generaldirektor des Naturhistorischen Museums Wien. Hollywood schummelt im berühmten Science-Fiction-Film mit Bruce Willis bei der Physik. „Das, was im Film dargestellt wird, ist absoluter Unsinn“, sagt Köberl.

Erstens könne das Space Shuttle aus dem Film nie außerhalb der nahen Erdumlaufbahn fliegen und käme so nicht bis zum Asteroiden. Zweitens würde keine bemannte Mission losgeschickt, weil das eine lange Vorlaufzeit braucht. „Wir haben momentan keine einzige Rakete, mit der Menschen überhaupt bis zum Mond geschossen werden können“, sagt Köberl. Innerhalb zwei, drei Wochen – bei akuter Bedrohung – wäre eine solche Mission wie im Film also nicht möglich. „Wenn der Asteroid bereits auf Kollisionskurs ist, dann hat er eine so große Bewegungsenergie, dass eine Ablenkung nur mit physikalisch unmöglichen Explosionsenergien möglich wäre.“ Und dann würde das Objekt in viele Teile zerbrechen – aber nicht abgelenkt. „Dann fliegen nur mehrere Teile auf die Erde zu.“ Keine wirkliche Lösung.

Doch zurück in die Realität und zu den NASA-Plänen, die, wie Jehn und Köberl unisono betonen, rein theoretischer Natur sind. „Man muss sich damit beschäftigen, auch wenn solch ein Szenario sehr unwahrscheinlich ist. Es wäre sträflich, das nicht zu tun“, sagt Jehn. Die NASA-Pläne wirken – mehr als 100 Jahre vor einem hypothetischen Zusammenstoß – für den Laien seltsam und verfrüht, sind für Experten aber nur logisch. „Wenn ich dem Asteroiden bereits früh einen kleinen Schubs gebe und ihn nur ein bisschen aus seiner Bahn ablenke, dann summiert sich dieser Schubs über die Jahre mit den Umläufen mehr und mehr“, erklärt Köberl. Am Ende könnte er die Erde dann tatsächlich verfehlen. „Das ist die Idee hinter allen Abwehrtechniken.“

Viel Theorie, wenig Praxis

Von diesen sind in der Theorie viele denkbar: Auf einem Asteroiden landen und Raketen zünden, die in die andere Richtung feuern oder mit einer Explosion oder mit einem Raumschiff den Asteroiden aus der Bahn werfen.

Im Fall Bennu stehen 79 Milliarden Kilogramm Masse dem 90-Tonnen-Raumschiff gegen­über. David gegen Goliath.

„Da reicht natürlich nicht ein solcher Einschlag, sondern da braucht man mehrere“, sagt Köberl. So erklärt sich auch die NASA-Überlegung mit der atomaren Waffe. „Mit einer nuklearen Bombe an Board braucht man weniger Einschläge und damit weniger Zeit. Wenn ich sonst zum Beispiel 50 Einschläge bräuchte, sind es dann nur noch ein oder zwei.“

Gerade wenn die Zeit drängt, und „nur“ zehn Jahre Zeit sind, um den Asteroiden von seiner Bahn abzubringen, scheint das, was derzeit für so viel Aufregung sorgt, in der Theorie ein probates Mittel.

Eigentlich sei ein solcher Einsatz zwar rechtlich im Weltall nicht erlaubt, Köberl hätte aber keine Bedenken, dass alle Nationen ihm – im Ernstfall – zustimmen würden. Gefahren für die Erdbevölkerung – etwa durch Strahlung – gäbe es nicht zu befürchten.

Recht und Ordnung im All

Tatsächlich bildet sich bei den Vereinten Nationen eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema Asteroiden-Abwehr beschäftigt. „Die Frage kam auf: Was ist, wenn etwa die Amerikaner sehen, dass ein Asteroid nicht mehr Amerika trifft, wenn sie ihn ein bisschen ablenken und sie ihn so hinschieben können, wo sie möchten“, sagt Jehn. Dann wird es schnell politisch. Ein überparteiliches Gremium soll entstehen, jeder mit entsprechenden Raketen sich verpflichten, im Ernstfall zu helfen. „Technisch ist ein Ablenken möglich. Ich halte die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, aber für sehr gering, auch wenn das schwierig zu sagen ist“, sagt Jehn.

Viel mehr Sorgen als Bennu und die Abwehr seiner ähnlich großen Artgenossen bereiten ihm kleinere Asteroiden. „Die nähern sich viel öfter der Erde“, sagt er. Im Februar 2013 explodierte etwa ein 20 Meter großer Meteor – so werden Asteroiden genannt, wenn sie auf die Erde treffen – 65 Kilometer nahe der russischen Stadt Tscheljabinsk. „Das war in 25 Kilometern Höhe. Wäre er weiter runtergekommen, hätte es nicht nur 1500 Verletzte gegeben, sondern sicherlich Tausende Tote“, sagt Köberl. So aber blieb nach der Explosion eine Druckwelle über, die Dächer und Scheiben zerstörte.

„Solche Objekte sieht man erst ein paar Wochen vorher“, beschreibt Jehn die Gefahr der kleineren Gesteinsbrocken. In der kurzen Zeit ist dann keine Abwehrmaßnahme mehr möglich.

Asteroiden-Warnsystem

Die ESA will künftig vor solchen Ereignissen aber warnen können. Asteroiden-Alarm hieße es dann statt Tornado- oder Tsunami-Warnung. „Wir können sagen, auf diesen 1000 Kilometer langen und 20 Kilometer breiten Streifen gibt es um die und die Uhrzeit eine Schockwelle“, erklärt Jehn. Dann hieße es Rollläden runter, vom Fenster wegbleiben und in den Keller gehen.

Eine weitere Asteroiden-Explosion ereignete sich 1908 in Sibirien. Der 50 Meter große Brocken zerstörte eine Waldfläche in der Größenordnung von London.

Fast 200 Meteoritenkrater gibt es auf der Erde. „Bislang ist noch niemand vom Asteroiden getroffen worden. Aber in der letzten Zeit ist die Bevölkerung der Erde stark gestiegen, immer mehr der Erdfläche besiedelt“, sagt Köberl.

Bei fast einer Million bekannter Gesteinsbrocken, die noch aus der Enstehungszeit des Sonnensystems stammen, und 150.000 erdnahen Objekten, die über 100 Meter groß sind, ist also ein Plan für den Fall der Fälle wohl keine schlechte Idee. Trotz der Beobachtung vieler dieser Himmelskörper – ein Restrisiko bleibt. „Aber wir können mit der Forschung das Risiko für Todesfälle reduzieren“, sagt Jehn. Ob Koloss Bennu also eines Tages tatsächlich abgelenkt wird, steht noch in den Sternen.

Asteroid, Meteor, Meteorit

Viele Namen, für ein Objekt: Ein zerbröselter Asteroid im Weltall heißt Meteoroid, die Leuchterscheinung beim Eintritt in die Erdatmosphäre Meteor und alles, was es bis auf die Erde schafft, Meteorit.

Raumsonde Osiris Rex

2016 startete die NASA-Mission „Osiris Rex“. Eine Sonde befindet sich derzeit auf dem Weg zu Bennu. Sie soll den Asteroiden untersuchen. Eine Kapsel soll 2023 eine Probe des Gesteins zur Erde bringen.

Fliegen-Augen-Teleskop

2019 will die ESA ein Fly-Eye-Teleskop auf Sizilien aufstellen. Es besitzt Facetten mit 16 Kameras, 40 Prozent des Himmels können in einer Nacht erfasst werden. Es soll vor allem vor kleinen Asteroiden warnen.

Buchtipp

Wer mehr über Asteroiden wissen will, findet Antworten im Buch „Achtung Steinschlag“ von Christian Köberl und dem Wissenschaftsjournalist Alwin Schönberger. Brandstätter Verlag, 2018, 208 Seiten, 22,90 Euro.