Letztes Update am So, 15.04.2018 11:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Harley-Kult in Tirol

Vier Biker für ein Harleyluja

Harley-Davidson will mit 115 Jahren noch nicht zum alten Eisen zählen. Drohende Strafzölle der EU und zu wenig junge Kunden könnten die Marke ausbremsen. Steckt das Kult-Motorrad in einer Midlife-Crisis? Sie müssen es am besten wissen: Tirols Harley-Fahrer – vom „Eisen-Hintern“ bis zum „Crazy Rider“.

© Michael KristenHannes Happ zeigt das blaue Schmuckstück vor seinem Hotel, dem Bierwirt.



Von Matthias Christler

Natürlich steht auf der Schildkappe „HarleyDavidson“, genauso wie auf der Jacke, und so geht Hannes Happ stilecht gekleidet auf ein kleines Garagentor zu. Die Sonne schafft es an diesem Frühlingstag noch nicht zwischen den Vordächern hindurch, um den Platz zu erhellen. Leuchten wird er trotzdem gleich. Happ schiebt das Tor nach oben und da steht sie, seine blaue Panhead, Baujahr 1948. Da strahlt sie. Sein Schmuckstück.

Fotos in dem Buch, das er über Harley geschrieben hat, zeigen, wie er statt Schildkappe bei Ausfahrten einen Retro-Helm aus Leder trägt. Seit Jahren jucke es ihn immer zwei Wochen vor dem Saisonstart, sagt der 57-jährige Chef des Bierwirts in Innsbruck. Natürlich auch heuer, das sind die Harley-Gene, doch eine Verletzung verzögert den Ausritt um ein paar Tage. Er schiebt die Panhead trotzdem zum Präsentieren sanft ins Sonnenlicht. „Wow“, hört man jemanden staunen über das 70 Jahre alte Motorrad. Es feiert Jubiläum, genauso wie die Marke, die heuer 115 Jahre alt wird.

Außerdem wird der Harley Club Tirol 20 Jahre. Also der perfekte Zeitpunkt, um zu erfahren, was es mit dem Kult auf zwei Reifen auf sich hat. Wir haben vier Tiroler besucht, die besondere Geschichten zu erzählen haben, nicht alles gut finden, aber immer einen kultigen Spruch auf den Lippen haben. Happ ist einer von ihnen. Er ist ein „Iron Butt“, ein Eisen-Hintern.

Der „Eisen-Hintern“

Der Name klingt zwar nach einer harten Rocker-Vereinigung, Marke Hells Angels, doch den Mitgliedern geht es um eine andere Härte – der des Sitzfleisches. „Iron Butt“ Hannes Happ fährt schon mal 1000 Kilometer am Tag.

„Einmal bin ich von Innsbruck nach Kärnten, in die Steiermark, das Wald- und Mühlviertel über Salzburg zurück nach Hause. An einem Tag, das ist dann nur noch Fahren, Tanken, Fahren, Tanken, Fahren“, erzählt er von seiner Leidenschaft für Langstreckentouren. Die einen würden eben gerne den Zirbenweg gehen, andere auf den Everest steigen, er sitze lieber stundenlang auf der Harley und lenke sie über Landstraßen durch die Natur.

Der Virus hat ihn gepackt, als er auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitete und sich bei einem Landgang in den USA eine Harley auslieh. Zurück in Tirol, kurz bevor er sich beim Bierwirt selbstständig gemacht hat, und kurz vor seiner Hochzeit, erfüllte er sich 1992 den amerikanischen Motorrad-Traum. „Die Maschine habe ich in die Ehe mitgebracht.“ Und jetzt gehört Harley-Davidson quasi zur Familie. Die Frau tritt aus dem Hotel und blickt auf das Schmuckstück. Putzen müsste man sie. Das ist nicht die große Stärke von Happ und beim Reparieren habe er zwei linke Hände. „Ich bin nicht so der Schrauber, ich bin ein Rider.“

Er fährt die meisten Strecken alleine, im Film „Easy Rider“ waren Peter Fonda und Dennis Hopper zu zweit unterwegs. Beim Harley Club Tirol sind es immerhin 43. Michael Harb führt den Verein an.

Der „Präsident“

Harb und Happ haben etwas gemeinsam. Auch der 44-jährige Vereinspräsident verbindet die erste Harley mit seiner Hochzeit. Geheiratet hat er in Las Vegas. Mit einer geliehenen E-Glide, einer Tourenmaschine, fuhr er den historischen Teil der Route 66. Zurück daheim, verheiratet und mit dem Harley-Virus infiziert, legte er sich eine eigene zu. Klingt nach Midlife-Crisis. „Eigentlich war meine Frau beim Kauf die treibende Kraft“, lacht Harb. Mit seinen langen Haaren passt er perfekt ins Bild des wilden Motorradfahrers. Von wegen, der Harley Club Tirol, der heuer 20 Jahre alt wird, besteht aus gemütlichen Typen, „familiär“, nennen es Harb und sein Vize Manfred Ratz (53). Man berät sich beim Kauf, man hilft sich auf der Straße. „Ein Biker wird nie zurückgelassen“, sagt Ratz. Hat einer eine Panne, wird geholfen.

Und warum ausgerechnet eine Harley? „Es ist ein Lebensgefühl und ein Gleiten auf der Straße“, schwärmt Harb von den glänzenden Maschinen. Ihr Vereinsmotto lautet, angelehnt an den Spruch „born to ride“, aber auf Tirolerisch: Sie sind „born zu foahren“. Leidenschaft pur für eine Marke, wobei das Image zuletzt Kratzer abbekommen hat. Im Vorjahr musste die Konzernleitung in Milwaukee eingestehen, dass die Nachfrage nach den schweren Maschinen gesunken sei und man junge Kunden gewinnen müsse. Die Imagepflege wird aber manchmal übertrieben: Der Harley Club darf das Logo nicht mehr verwenden. Das hängt auch damit zusammen, weil ein offizieller Club, ein „Chapter“, aufgebaut wird. Ein Streit unter Harley-Rockern? Eher nicht.

Emanuel Steffen (l.) und André Nordmann repräsentieren die junge Harley-Generation und den Tiroler „Chapter“, den offiziellen Club.
- Thomas Boehm / TT

Harb betritt den Shop an der Bundesstraße in Hall und grüßt in die Runde. Darunter André Nordmann (31) und Emanuel Steffan (21), zwei der jungen Generation, die das „Chapter“ in Tirol vertreten. Ihnen zur Seite steht Knuth Jung. Er betreibt neben dem Tiroler noch Harley-Davidson-Standorte in Bozen und Trient. Sie quatschen über die Clubs, den Mythos, die Marke oder auch die vielen Tiroler Fans.

Der „Geschäftsmann“

Der 56-jährige Jung schätzt, dass einige tausend Tiroler eine Harley besitzen und 1000 bis 1500 sie regelmäßig ausfahren. Den typischen Rider gebe es nicht, sagt er. Als Beweis reicht ein Blick durchs Geschäft. Junge Typen mit Jeansjacken, ältere mit grauen Haaren und Frauen im Rocker-Style schauen sich die Motorräder an oder sitzen an der Bar und philosophieren gemeinsam mit Jung. Er ärgert sich. Weil EU-Kommissionspräsident Juncker als Retourkutsche mögliche Strafzölle auf US-Produkte in Aussicht stellte. Namentlich erwähnte er Harley-Davidson. „Das könnte uns ruinieren“, poltert Jung, denn dann würde eine Harley nicht nur 1000 Euro, sondern ordentlich mehr kosten. Pro Jahr werden 40.000 Harleys in die EU importiert, in Europa hängen ca. 8000 Arbeitsplätze daran. „Deshalb sollte man nicht frei von jeglicher Sachlichkeit leichtfertig Politik damit betreiben.“

Michael Harb (l.) leitet den Harley Club Tirol, Knuth Jung drei Geschäfte.
- Thomas Boehm / TT

Es wäre doch schade, wenn einer der Heroen am Motorrad-Markt von der europäischen Bühne verschwindet. Der Händler ist jedenfalls überzeugt, dass Harley diese und andere Krisen übersteht. „Wir sind eine Lebensphilosophie, aber wir dürfen nicht selbstgefällig werden. Dann wird es Harley auch in 115 Jahren noch geben.“

Das bedeutet wohl auch, dass man sich an den Zeitgeist anpassen muss. 2020 wird Harley ein Motorrad mit E-Antrieb auf den Markt bringen. Jung runzelt die Stirn. „Harley-Fahrer wollen Benzin riechen. Das ist wie Parfüm für sie.“ Jung spricht einem wie Giovanni Riedmann aus der Seele. Er ist der vierte Biker für ein „Harleyluja“, der Barbesitzer ist der „Crazy Rider“ aus dem Unterland.

Giovanni Riedmann fuhr vor ein paar Jahren am Ufer des Achensees – und auch durchs Wasser.
- Michael Kristen

Der „Crazy Rider“

Den Namen hat er sich verdient, als er vor mittlerweile mehr als zehn Jahren mit einer umgebauten E-Glide, Baujahr 1956, am Achensee durchs knietiefe Wasser gerollt ist. Ein bisschen verrückt eben. Verrückt nach Harleys. „Die Freiheit auf der Straße, der Fahrtwind, das Geräusch und der Gestank nach Benzin. Ich will nicht nur Leitplanken sehen und Asphalt inhalieren, mir ist wichtiger, mit offenen Augen durch die Natur zu gleiten“, sagt er. Harleys hätten vielleicht nicht die allerbeste Qualität, aber man fährt in bester Gesellschaft. „Sobald du auf ihr sitzt, fühlst du dich gut und hast jeden Ärger vergessen.“ Riedmann ist für jeden Spaß zu haben. Helm, Schildkappe, nein, bei seinem Achensee-Austritt setzte er sich Indianer-Federschmuck auf. Vielleicht alles nicht ganz korrekt, aber Riedmann meint: „Ja, ich bin eben ein Crazy Rider.“

Harley-Davidson-Rider, sie fahren auf ihre Maschinen ab und haben immer einen Spruch auf Lager. Willie G. Davidson, der Enkel des Firmengründers, hat einmal gemeint: „Am achten Tag schuf Gott die Harley.“ Er sagte das mit der Überzeugung, dass die Harley der Himmel auf zwei Reifen sei.