Letztes Update am Di, 17.04.2018 09:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Drehtanz

Mit den Füßen drehen und sehen lernen

Durchdrehen ist out, Drehtanz ist in! Was im Orient die Derwische machen, um zu beten, hat eine Wiener Tänzerin in Innsbruck unterrichtet.

© Vanessa RachleJulia Fraunlob unterrichtet regelmäßig Drehtanz.




Ringel, Ringel, Reihe“: Bis „husch, husch, husch“, im Kreis zu tanzen, macht wohl allen Kindern Spaß. Ebenso sich so lange um die eigene Achse zu drehen, bis man vor Schwindel umfällt. Kinder folgen ihren natürlichen Instinkten. Die Drehtanzlehrerin Julia Fraunlob aus Wien macht das auch.

Derwische und Sufis

Die tanzenden Derwische des Mevlevi-Ordens in der Türkei sind einer der bekanntesten Sufi-Orden des Orients. Sufismus ist die mystische Strömung des Islam. Toleranz, Liebe und die Ansichten aller Menschen zu achten, ist die Essenz des Sufismus.

Die Mevlevi-Derwische drehen sich bereits seit ihrer Gründung im 13. Jahrhundert: „Drehtanz ist eine Form des Gebets. Den Derwischen geht es dabei darum, ihre Herzensliebe zu stärken und mit Gott in Verbindung zu treten“, erklärt Fraunlob. „Das Drehen um die eigene Achse zentriert, erdet und bringt Balance.“

Spätestens seit 1923, als die türkische Republik gegründet wurde, ist es auch Frauen erlaubt, den Drehtanz auszuüben. Julia Fraunlob ist 2010 zum ersten Mal in Kairo damit in Berührung gekommen, wo sie einem Derwisch dabei zusah, wie er sich zwei Stunden lang drehte: „Das hat mich fasziniert und ich wollte es unbedingt lernen.“

Christian Haas war einer der Teilnehmer des Drehtanzkurses an der USI.

- Vanessa Rachle

Beim Wiener Tanzfestival „Impulstanz“ habe sie den Drehtanz bei dem türkischen Tänzer Ziya Azazi gelernt, was sie in einigen weiteren Lehrstunden – auch in der Türkei – verfeinerte. „Mir war schon sehr übel am Anfang“, lacht sie. Inzwischen sei ihr aber nicht einmal mehr schwindlig nach einer Stunde Drehen.

Die Füße lernen sehen

„Während meiner Tanzpädagogik-Ausbildung habe ich ein Konzept entwickelt, wie ich anderen Menschen Drehtanz beibringen kann“, erzählt die Wienerin. Der natürliche Instinkt von Kindern, sich im Spiel frei zu drehen und Spaß daran zu haben, habe sie motiviert, auch spielerische Elemente in den Unterricht zu integrieren und das Ganze „frei“ anzugehen.

Es sei dabei besonders wichtig, die eigene Körperwahrnehmung zu sensibilisieren und den Fokus auf die Füße zu legen. „Die Derwische selbst sagen: Drehen bedeutet, mit den Füßen zu sehen“, so die Tanzlehrerin. Deshalb müssten auch die Augen „ausgeschaltet“ werden, um dem Tastsinn der Füße mehr Raum zu geben. Das reduziere wiederum den Schwindel.

Sabine Wutte hat bereits mehrere Drehtanzkurse besucht und hat in Innsbruck eine Stunde lang durchgehalten.
- Vanessa Rachle

Letztes Wochenende zauberte Julia Fraunlob einen Hauch Derwisch-Mystik in die Hallen der Innsbrucker Sportuniversität. Eine Gruppe Tiroler Kursteilnehmer hat in wenigen Stunden und kleinen Schritten gelernt, sich sicher und über einen längeren Zeitraum um die eigene Achse zu drehen. Wie bunte Kreisel sausten die Frauen und Männer über den grünen Parkett der Halle 6, allein der Anblick verzauberte. „Nur zwei Teilnehmern wurde leicht übel“, erzählt Fraunlob.

Warum tut man das eigentlich? „Mich hat das Drehen mutiger gemacht. Ich habe gelernt, dass ich über meine Grenzen hinausgehen kann“, sagt die Wiener Derwisch-Frau. Sie fühle sich beim Drehen mit dem Universum verbunden. Vielleicht deshalb, so meint sie, weil es eine universelle Grundbewegung sei: „Alles rotiert – Planeten, Atome, Wasser, der Wind.“ Und die Kinder drehen sich auch. Infos: www.juliafraunlob.at (Evelin Stark)