Letztes Update am Mo, 23.04.2018 08:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Beziehung

Die rostfreie Liebe ist harte Arbeit

Gegensätze ziehen sich an, aber nur Gemeinsamkeiten halten Paare zusammen. Und dann müssen sie ja auch noch fest an ihrer Liebe arbeiten.

© iStock(Symbolfoto)



Von Kathrin Siller

Vor einigen Tagen saß ich mit einer Freundin im Restaurant. Am Nebentisch ein Pärchen in einer beneidenswerten Frischverliebtheitsblase. Sie teilten sich einen Teller, hielten Händchen, fütterten sich. Immer wieder schauten wir verstohlen rüber. „Das hätte ich auch gerne wieder“, seufzte meine Singlefreundin. „Ich auch“, lache ich, Nicht-Single. „Aber nach ein paar Wochen ist’s mit dem Füttern vorbei, weißt eh.“

Dass Dinnerdates (neben vielen anderen „Arbeitsschritten“) die Liebe am Leben halten, davon sind die Psychotherapeuten Eva-Maria Casata und Michael Allinger überzeugt. Man wird sich zwar nach einer zehnjährigen Liaison nicht gegenseitig die Nudeln in den Mund gabeln, aber zwischen frischverliebt und totgelangweilt gibt es schließlich viel Spielraum.

„Die Beziehung wird von selbst schlechter. Beziehungsarbeit gehört dazu, auch wenn es unromantisch ist“, sagt Allinger. Aber wie geht das eigentlich – eine gute Beziehung führen? „Grundsätzlich sind Gemeinsamkeiten sehr wichtig“, sagt Casata. „Allen voran das Freiraum-Nähe-Bedürfnis, Werte und die Zukunftsplanung.“ Will ein Partner Kinder, der andere nicht, hat man schnell ausdiskutiert. Tendiert der eine zu einem symbiotischen Verhältnis, während der andere lieber auf eine Wochenendbeziehung reduziert, sind die Konflikte vorprogrammiert.

Die Partner sollten sich eben nicht nur fragen: „Was braucht die Beziehung?“, sondern auch: „Was brauche ich?“ Will heißen: „Sich Freiräume schaffen oder sich pflegen, um sich selbst attraktiv zu fühlen“, betont Casata. Wenn die Zeit knapp bemessen ist, sind diese Freiräume gut zu planen.

Ebenso wie die Zeit als Paar: Dazu gehört auch das als unromantisch verschriene „Sexdate“. „Das Sexleben verändert sich eben, das gehört früh genug thematisiert“, sagt Allinger. Wer den ganzen Tag hektisch durchs Leben rennt, kann nicht plötzlich in den Romantik-Modus schalten.

Gerade für Eltern kleiner Kinder ist das ein großes Thema: „Ich rate gerade Frauen, Kinder loszulassen und etwa einem Babysitter anzuvertrauen, um sich Zeit füreinander zu nehmen.“ Körperlichkeit heißt aber nicht automatisch in die Kiste zu hüpfen. „Es sind auch kleine Berührungen im Alltag, die ihm zeigen, dass man noch den Partner in ihm sieht.“

Gewisse Phasen muss man als Paar einfach gut überstehen: z. B. den Übergang vom Verliebtsein zum Alltag, wenn Kinder kommen und Jahre später, wenn der Nachwuchs das Haus verlässt. Da werde das Paar getestet. Auch Seitensprünge sind eine solche Prüfung. „Die Beziehung wird durch eine Affäre sicher nicht besser, aber sie kann anders geführt werden, wenn man sich dann bewusster damit auseinandersetzt“, hat Allinger beobachtet. Weil es so weh tut, muss der Betrüger allerdings alle Fragen des Betrogenen beantworten und sich um eine ehrliche Wiedergutmachung bemühen.

Eine funktionierende Liebe hat keinen Einschaltknopf. Sie entwickelt sich. Streiten gehört genauso dazu wie Reden. „Viele tun sich damit aber schwer“, sagt Casata. „Kommunikation ist Arbeit. Es geht um die richtige Mischung aus Über-sich-Erzählen und Nachfragen.“ Auch zusammenkrachen heißt kommunizieren. „Streit belebt die Beziehung und gehört dazu“, sagt Allinger. Leider streiten wir häufig nicht konstruktiv. „Die offene Zahnpastatube ist ja meist nur der Auslöser für einen Ausraster. Wahrscheinlich geht es einem aber grundsätzlich nicht gut. Deshalb gilt es, Konflikte früh genug anzusprechen. Und dem Gegenüber immer Respekt entgegenzubringen. Nicht anklagen, sondern die eigene Wahrnehmung schildern, etwa „Das stört mich, weil ...“ Sätze wie „Warum streiten wir eigentlich?“, „Jetzt beruhigen wir uns mal!“ oder „Ich brauche mal eine Pause“ können vor der totalen Eskalation schützen.

Was würde ein glückliches Paar bei seiner goldenen Hochzeit wohl über das Rezept seiner Verbindung sagen? Gegenseitige Wertschätzung, Vertrauen, miteinander lachen, Emotionen teilen. Und: Wer den anderen nicht verändern möchte, hat gute Chancen, die „Ich-füttere-dich“-Phase ins nächs­te Liebes-Stadium zu retten.




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