Letztes Update am Mi, 25.04.2018 15:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Massensterben

Die Welt im Würgegriff der Menschheit

Die menschliche Zerstörung der Umwelt können Geologen mittlerweile sogar im Gestein nachweisen. Im Erdzeitalter des Menschen steht das nächste große Massenaussterben bevor. Mit fatalen Folgen, auch für uns.

© iStockZu heiß: Der Eisbär gilt als Sinnbild für den Klimawandel. Ihm wird es in der Arktis zu warm.



Von Philipp Schwartze

Der Mensch breitet sich immer weiter aus, hinterlässt durch seine Lebensweise immer mehr Spuren auf dem Planeten Erde. Spuren, die so stark und dauerhaft sind, dass sie bereits jetzt von Geologen feststellbar sind. Diese Wissenschafter beschäftigen sich sonst mit Überresten aus der Milliarden Jahre langen Erdgeschichte, mit radikalen Veränderungen und untersuchen daraus resultierendes Massenaussterben von Arten.

Verglichen damit erscheint die Zeit des Menschen eigentlich kurz. Experten sehen aber ein neues Massensterben auf den Planeten zukommen. Verursacht durch den Menschen. Geht es ihm wie den Dinosauriern, die das letzte große Massensterben vor 66 Millionen Jahren auslöschte?

Der Niederländer Paul Crutzen erfand bereits 2002 den Begriff Anthropozän, die Erdepoche des Menschen. Denn dessen Umweltveränderung habe eine neue Dimension erreicht.

Der Wiener Geologe Michael Wagreich beschäftigt sich als Mitglied einer internationalen Forschergruppe mit diesem Thema. „Es ist nicht so, dass morgen alles augestorben ist. Die Organismen haben eine gewisse Anpassungszeit“, sagt er. „Aber es gibt statis­tische Daten, die sagen: Das Aussterbe-Ereignis hat begonnen.“ Auch wenn es noch 300 Jahre dauern könnte, bis es die Dimension eines Massensterbens erreicht.

Anstieg der Aussterberate

Der Dodo, das nördliche Breitmaulnashorn, der tasmanische Tiger – Beispiele für kürzlich ausgestorbene Arten gibt es genügend, die Liste der bedrohten ist noch länger. Und auch wenn Tausende Arten noch unbekannt sind: „Es gibt einen Anstieg der Aussterberate. Das ist nicht mehr das durch normale Evolution bedingte Artenverschwinden“, sagt Wagreich.

Kohlenstoff, Stickstoff – all diese Stoffe treten durch Düngung oder Verbrennung von fossilen Brennstoffen vermehrt auf. „Vom Menschen erzeugter Stickstoff kommt im Erdkreislauf inzwischen doppelt so oft vor, wie aus natürlichen Quellen“, berichtet der Forscher. Diese unverkennbaren Spuren haben den Wissenschafter, der beim Begriff Anthropozän zunächst skeptisch war, inzwischen überzeugt, dass der Mensch massiv in die Kreisläufe und Prozesse der Erde eingreift.

Das sieht auch der deutsche Autor und Umweltjournalist Chris­tian Schwägerl so. „Wir haben nukleare Endlager gebaut, Tunnel gegraben, die bestehen bleiben, und fast fünf Prozent der Landfläche auf der Erde sind heute Städte“, sagt er, spricht vom Ende der unberührten Natur und von einer neuen geologischen Zeit.

Doch es gibt in der Fachwelt auch Zweifler. Der Mensch könne nie so gefährlich wie ein Supervulkan oder ein Asteroid werden, die in der Vergangenheit zumeist für Massensterben verantwortlich waren. „Auch der Mensch kann aber radikale, schnelle Änderungen auslösen“, sagt Schwägerl. Dazu gehöre die Versauerung der Ozeane oder das Methan, das freigesetzt wird, wenn der Permafrost durch die Erwärmung schmilzt.

Dominanz starb aus

„Einen Supervulkan können wir nicht aufhalten. Aber wir sind das Rädchen, an dem wir drehen können“, entgegnet Wagreich den Skeptikern und führt das letzte große Massensterben ins Feld. „Es gibt den ewigen Streit: Die einen meinen, es war ein Asteroid, die anderen meinen ein Supervulkan. Es war der doppelte Effekt.“

Deshalb solle der Mensch auch zusehen, dass er sich mit einer zusätzlichen Bedrohung nicht sein eigenes Grab schaufelt. Sollte es tatsächlich zu einem Massensterben kommen, ist Wagreich zutiefst überzeugt, dass auch der Mensch nicht verschont bleibt. „Was man aus den bisherigen Massensterben lernen kann: Ausgestorben sind immer die beherrschenden Arten wie die großen Dinosaurierarten, die in der Kreidezeit dominierten.“

Noch sei aber genug Zeit, etwas gegen die drohende Gefahr zu unternehmen. „Den Klimawandel können wir nicht stoppen, ihn selbst hat es in der Natur immer wieder gegeben.“ Aber diverse Umweltverschmutzungen, Belastungen durch Gifte, das aktuelle Bienensterben ließen sich aufhalten.

„Es gibt immer Apokalyptiker, die sagen, wir brauchen die Katastrophe, um zu lernen“, sagt Schwägerl. „Das finde ich zynisch. Ich hoffe, dass wir aus den kleinen Krisen lernen.“

Am Ende sterben alle Arten aus, meint Geologe Wagreich. Die große Frage ist, wann.

Zeitalter der Erdgeschichte

1. großes Massensterben: vor 444 Millionen Jahren

Verlust: 86 Prozent der Arten, Armfüßer (Brachiopoden), Nautiloiden (Ur-Tintenfische), Korallen

Mögliche Ursachen: Eiszeit, sinkender Meeresspiegel

2. großes Massensterben:

vor 372 Millionen Jahren

Verlust: 50 Prozent der Arten, vor allem im Wasser, darunter der Panzerfisch

Mögliche Ursachen: Gletscherbildung, Atmosphären-Änderung durch mehr Wälder

3. großes Massensterben:

vor 252 Millionen Jahren

Verlust: 95 Prozent der Meeresbewohner (z. B.) Ur-Krebse, 75 Prozent der Landbewohner, (z. B. Insekten)

Mögliche Ursachen: saure Ozeane durch zwei Vulkanausbrüche in Sibirien, Kometen-Einschlag

4. großes Massensterben:

vor 201 Millionen Jahren

Verlust: 50 bis 75 Prozent der Arten, viele Reptilien, Amphibien und Weichtiere, Kopffüßer

Mögliche Ursachen: Rückgang des Meeresspiegels, Vulkanausbruch

5. großes Massensterben:

vor 66 Millionen Jahren

Verlust: 70 Prozent der Arten, unter anderem Dinosaurier

Mögliche Ursachen: Meteoriten-Einschlag und Supervulkan-Ausbruch

Kommt das sechste?

Verluste: etwa Dodo, tasmanischer Tiger, nördliches Breitmaulnashorn

Umweltbelastungen, schwindende Biodiversität (Vielfalt), Meeresspiegel steigt, Klimaerwärmung




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