Letztes Update am Di, 15.05.2018 09:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fussball-WM 2018

Panini-Stickeralbum: Kostspieliges Kleben oder Kampf dem Kommerz

Wie die WM in Russland boykottieren manche Fußball-Fans auch das neue Panini-Stickeralbum, das immer dicker und damit teurer wird. Aber es geht auch anders, wie uns leidenschaftliche Sammler erzählen.

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Von Matthias Christler

Neymar liegt wieder einmal flach, über ihm kommen sich Ronaldo, Messi und Thomas Müller in die Haare und Luisz Suarez’ Gesicht ist gefährlich nahe an seinen Gegenspielern dran. Rudelbildung am Esstisch – mit den Stickern für das Panini-Sammelalbum zur WM 2018, die erst am 14. Juni be­ginnt, aber das Sammelfieber hat schon den Höhepunkt erreicht.

Wir haben bei Klebe-Profis aus Tirol, Wien und der Schweiz nachgefragt, wie sie das Album vollmachen, was sie von der Preiserhöhung halten, ob tatsächlich manche Sticker zurückgehalten werden und wie ein Kunst-Projekt dem Kommerz entgegentritt.

Zuerst aber die perfekte Taktik: Es wird eine kontrollierte Kauf-Offensive empfohlen, „bei der man 100 Euro investiert“, rät Michael Fiala. Der Wiener sammelt seit der WM 1986 jedes Album bei Fußball-Großereignissen und betreibt seit 2006 die Online-Tauschbörse mystickerbook.at. Rein theoretisch könnte man das Album durch die 100-Euro-Investition fast vollbekommen. Könnte. Aber dass Wacker Innsbruck in zwei Jahren in der Champions League spielt, wäre realistischer als so ein Glück ohne doppelte Bildchen. Das lässt sich wissenschaftlich nachweisen.

Michael Fiala betreibt eine Online-Tauschbörse, bis auf eines hat er seit 1986 jedes Album vollbekommen.
- Fiala

Ein Mathematik-Professor der Uni Cardiff hat ausgerechnet, dass man genau 4832 Sticker brauchen würde, dafür 869,76 Euro ausgeben müsste, um das Album vollzubekommen. Auch wenn nur noch 19 Felder frei sind, würden rein statistisch noch 483 Päckchen fehlen, um die letzten Bilder zu ergattern.

„Irgendwann ist der Punkt erreicht, ab dem Kaufen sich nicht mehr auszahlt. Wenn man viele Freunde hat, mit denen man tauscht, schafft man ein fertiges Album in vier, fünf Wochen. Oder man versucht es online. Wahrscheinlich ist eine Kombination aus allem – Kaufen, Tauschen mit Freunden und online – die beste Taktik“, sagt der 42-Jährige.

Auf der Onlinebörse verzeichnet er derzeit ca. 16.000 Tauschvorgänge pro Woche. So funktioniert es: Zuerst füttert man die Seite mit den fehlenden Bildern, dann sucht ein Programm den optimalen Tauschpartner aus, das Geschäft wird vereinbart und die Fußballer-Gesichter werden in Briefen auf Reisen geschickt. Fiala schätzt, dass im Mai der Höhepunkt der Tauschzeit ist.

Viele, die sich das Album bereits am Erscheinungstag, dem 26. März geholt haben, sind schon ins Sammel-Finale eingezogen. So wie der siebenjährige Felix, der mit seiner Schwester Helena (9) und den Eltern Daniela und Albert Koini aus Lienz kurz vor der Fertigstellung steht. „Uns fehlen nur noch 30 Bilder“, sagt der Nachwuchsfußballer stolz.

Leider werde in der Schule nicht so viel getauscht. Seine Mutter vermutet, weil sich Öster­reich dieses Mal nicht qualifiziert hat. Sie und ihr Mann sammeln seit der Heim-EM 2008 und geben die Leidenschaft an ihre Kinder weiter.

Der Innsbrucker Manuel Weisz-Simair präsentiert stolz die komplette spanische Mannschaft.
- TT/Julia Hammerle

Bis jetzt habe man jedes Album vollbekommen. „Jetzt probieren wir es über Onlinebörsen“, erklärt sie. Dass Panini-Sammeln nicht nur etwas für die Kleinen ist, beweist auch der 31-jährige Innsbrucker Manuel Weisz-Simair. Wie die Lienzer Klebe-Könige hat ihn ebenso zur Heim-EM die Leidenschaft gepackt – ihm fehlen sogar nur noch sieben Sticker. Genüsslich blättert er durch sein Album. Bei der Mannschaft von Spanien hält er inne. „Iniesta, das ist mein Lieblingsspieler. Wahrscheinlich ist es das letzte Mal, dass er, Ronaldo und Messi in einem Turnier spielen“, erklärt er, warum das aktuelle für ihn ein besonderes Album darstellt.

Voll wird es auf jeden Fall, wie alle davor. Sein Trick? „Ich arbeite mit Excel-Tabellen, in denen alle Bilder, die mir noch fehlen und die ich doppelt habe, eingetragen sind.“ Das ist wichtig, um bei der „Panini Tauschbörse Innsbruck“ auf Facebook schnell reagieren zu können. Aus seiner Erfahrung weiß er, Erwachsene tauschen eher online, Kinder bei Börsen in Einkaufszentren. Was viele derzeit eint: Oft wird nach den gleichen Stickern gesucht. Manche würden schon für 2 bis 3 Euro pro Stück im Internet angeboten. Der normale Stückpreis liegt hingegen nur bei knapp 20 Cent. Es geht – bei rarer Ware eben üblich – um Angebot und Nachfrage. Daniela Koini vermutet jedenfalls, dass gewisse Bilder bewusst zurückgehalten werden. Den Verdacht gibt es bereits seit einigen Jahren.

Muss man nun laut „Schiebung“ skandieren? Klar ist, wenn so viel Geld dahintersteckt (immerhin verlassen aktuell 7 bis 8 Millionen Tütchen täglich das Panini-Werk in Modena), würde eine Manipulation mehr Gewinn versprechen. „Wissen tun wir es nicht, aber wir sehen in unseren Datenbanken schon, dass bestimmte Sticker, zum Beispiel die Glitzerfotos, bei den fehlenden Bildern weit vorne liegen“, sagt Fiala. Panini hat, um dem Vorwurf entgegenzutreten, eine eigene Presseinformation zu dem Thema herausgegeben und das eigene „Fair Play“ betont. „Jeder Bogen wird gleich oft gedruckt“, heißt es. Es wird genau erklärt, wie eine 1964 entwickelte Maschine verhindert, dass zwei gleiche Spieler in einer Tüte landen. Doch ob manche Bilder tatsächlich zu Beginn des Sammelfiebers weniger oft verteilt werden, bleibt offen.

Viele hält diese Diskussion nicht ab, Panini treu zu bleiben. Die Preiserhöhung auf 90 Cent pro Päckchen (Inhalt 5 Sticker) im Vergleich zu 60 Cent vor vier Jahren nimmt man ebenfalls hin, genauso, dass es von Großereignis zu Groß­ereignis mehr Bildchen zum Kleben gibt – eines aber ärgert sogar den begeisterten Fußballfan und Panini-Sammler Manuel Weisz-Simair: „Bestimmte Bilder gibt es nur beim Kauf von Coca-Cola-Flaschen. Ich trink’ das nicht, aber holen muss ich es mir trotzdem.“

Fans hängen symbolisch das „Kampf dem Kommerz“-Banner auf: Der Schweizer Silvan Glanzmann ist einer, der sich nicht mehr mit der Geschäftemacherei abfindet. Als sein Heimatverein Luzern 1989 zuletzt den Meistertitel errang, begann er seine Helden in ein Panini-Album zu kleben. „Wir nannten es Tschutti Hefti, tschutti bedeutet kicken“, übersetzt er. Seit 2008 produziert er ein eigenes, alternatives Sammelalbum und er nennt es, genau, „tschutti heftli“ (erhältlich auf tschuttiheftli.at).

32 Künstler haben für die WM 2018 die Sticker mit den Fußballer-Konterfeis kreiert. Die Einnahmen kommen einem wohltätigen Zweck zugute, in Österreich dem Wiener Arbeitsintegrations-Unternehmen Job-transFair. „Uns spielt es in die Karten, wenn sich der Fußball in Richtung Kommerz entwickelt, weil immer mehr erkennen, dass es uns nicht ums Geld geht.“

Fußball und Panini mögen zwar zu einer Geldmaschine geworden sein, eines aber steht fest: Die Sammler, die mit viel Einsatz den letzten Bildern hinterherjagen, sind mit Herz dabei. Allen viel Glück beim Kauf, Tausch und dafür, dass eure Alben bald voll sein werden!

Termine für einige Panini-Sticker-Tauschbörsen in Tirol

Einkaufszentren: Innsbruck, Sillpark: Jeweils Mittwoch, 16., 23. und 30.5., von 14 bis 18 Uhr. Innsbruck, WEST: Jeden Freitag bis 22. Juni, von 15 bis 19 Uhr im Erdgeschoß. Völs, Cyta: Freitag 18. und 25.5., von 15 bis 17 Uhr beim Eurospar Ebene 1. Telfs, Inntalcenter: jeden Freitag von 13 bis 17 Uhr, bei Frechdax. Wörgl, M4: jeden Samstag bis 23. Juni, von 10 bis 12 Uhr

Infoecks

(jeweils von 14 - 17 Uhr): Jugendzentrum J‘ZI, Imst am 29.5. und 5.6.; Jugendtreff Jump In, Landeck am 30.5. und 6.6.; Jugend.Freiraum Zone, Wörgl, 30.5.; InfoEck Wörgl, 6.6.

Mils:

24. Mai von 15.30 bis 18 Uhr, Sportstüberl.




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