Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 18.05.2018


Freizeit

Tauchunfälle in Tirol: Überschätzt und unter Druck

Tirols Seen laden zum Tauchen ein, doch immer wieder kommt es zu Unfällen. 2017 starb ein Mann im Plansee, zwölf Menschen verletzten sich am Achensee. Dort gibt es jetzt eine Notfall-Station.

© Kuchling



Von Matthias Christler

Achenkirch – Zwölf schwere Tauchunfälle listet die Statistik für das vergangene Jahr am Achensee auf, die menschliche Seite der Schicksalsschläge ist kaum bekannt. Bei der Vorstellung einer neuen Station mit Notfall-Ausrüstung beschreibt Tauchmediziner Frank Hartig einige der tragischen Folgen. Drei der Unfallopfer seien auf den Rollstuhl angewiesen, zwei auf Krücken. „Das Zentrale bei einem Tauchunfall ist nach dem Ausstieg, das schwere Gerät abzulegen, sich nicht anzustrengen und vor allem Sauerstoff zuzuführen. Und das vor allem schnell“, erklärt der Mediziner von der Inneren Medizin I der Innsbrucker Klinik, der die Idee für die Erste-Hilfe-Station hatte. Umgesetzt wurde es von den Tirol Kliniken gemeinsam mit dem Bezirkskrankenhaus Schwaz.

Tauchmediziner Frank Hartig simuliert mit seiner Frau den Notfall.
- Foto TT / Rudy De Moor

Hartig, selbst leidenschaftlicher Taucher, führt beim Campingplatz Schwarzenau, dort wo an einem schönen Sommertag bis zu 100 Menschen sich tief unter Wasser wagen, selbst vor, wie die ideale Erstversorgung funktioniert. Er hilft der Taucherin aus dem Wasser und führt sie zum Kasten, in dem ein Notfallhandy, ein Defibrillator und als wichtigster Inhalt Sauerstoffflaschen verstaut sind. Mit dem Handy könnte im Ernstfall der Ersthelfer direkt mit einem fachkundigen Notarzt verbunden und die Rettungskette in Gang gesetzt werden. Handlungsanweisungen sind plakatiert und zeigen, wie man zum Beispiel den Sauerstoff zuführt.

Der Erste-Hilfe-Kasten.
- Foto TT / Rudy De Moor

Erfolgt keine schnelle Erste Hilfe, drohen heftige Gelenkschmerzen, bleibende Lähmungen, Schlaganfälle oder noch Schlimmeres. Der letzte tödliche Unfall in Tirol passierte vergangenen September am Plansee, ein 47-jähriger Deutscher wurde einen Tag später geborgen. Vor zwei Jahren starb ein 58-Jähriger nach einem Tauchgang im Achensee.

Zu den häufigsten Ursachen von Unfällen zählen Panik- oder Notaufstiege, bei denen die Dekompression – die notwendige kontrollierte Verminderung des Drucks – nicht richtig durchgeführt wird. Hartig schätzt, dass es pro Jahr in Tirol zu etwa 100 Tauchunfällen kommt, „80 bis 90 werden aber gar nicht als solche erkannt, weil man die Symptome nicht richtig deutet“. Deshalb sollte man bei einem Verdacht direkt vor Ort mit den Medizinern Kontakt aufnehmen und abklären, ob sofort Sauerstoff verabreicht werden muss.

Um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, wird genauso beim medizinischen Personal angesetzt, erklärt Margit Holzhammer, die Geschäftsführerin des BKH Schwaz, das für die Region zuständig ist: „Die Ausrüstung ist nur ein Teil des Gesamtpakets. Wir haben bereits Schulungen im Haus durchgeführt, wie Tauchunfälle einzuschätzen sind, welche Sofortmaßnahmen gesetzt werden müssen und wann ein Transfer in ein Zentrum wie Innsbruck oder zur Druckkammer in Murnau notwendig ist.“

Neben den Ärzten sind es die Taucher selbst, die wissen müssten, wie sie einem Kollegen helfen können oder selbst gar nicht in die Situation kommen. Der Innsbrucker Dieter Kuchling bietet seit 1981 unter „Tauchen in Tirol“ Kurse an und meint, obwohl Tirol wunderschöne Plätze zum Tauchen habe, würden viele den ersten Kurs an Urlaubsorten buchen. „Meist hat man dort nur einen Drei-Tages-Kurs mit 10 bis 15 Stunden. Bei uns dauern die Kurse mit Theorie, ersten Tauchgängen im Schwimmbecken und erst dann im Freiwasser 30 bis 45 Stunden. Trotzdem gibt es beim Ur- laubskurs das gleiche Zertifikat wie bei uns“, kritisiert er Kurz-Lehrgänge am Strand.

Zwei Probleme treten laut Experten beim Umstieg vom Meer auf Seen in Tirol auf. Erstens fehlen den Tauch-Anfängern grundlegende Kenntnisse, wie man einen Kollegen im Notfall aus dem Wasser holt und Erste Hilfe leistet. Das, so Kuchling, werde bei ihm so lange im Pool geübt, „bis es sitzt“. Er empfiehlt, erst einen Kurs zuhause zu machen und erst dann im Urlaub tauchen zu gehen. Das könne man dann zudem mehr genießen.

Das zweite Problem spricht Johannes Thurner, Ausbildungsleiter des Tauchsport-Club Innsbruck, an: „Die Leute kommen vom Meer und wollen dann bei uns tauchen, wissen aber nicht, dass die Seen und das Süßwasser sehr kalt sein können und die Sicht nicht immer ideal ist“, sagt er.

Man unterschätzt die Gefahren in den Seen und überschätzt sein eigenes Können. Eine gefährliche Mischung für einen schönen, aber unter den falschen Voraussetzungen gefährlichen Sport.

Hartig führt der Frau Sauerstoff zu.
- Foto TT / Rudy De Moor

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