Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 27.05.2018


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Lebendiges Geisterschiff: Wracktauchen in Florida

Weil die Riffe viel von ihrer Pracht verloren haben, setzt man in Florida neben Christus auf Wracks – sehr zur Freude der Taucher. Doch vor dem Versenken kommt das Ringen mit den Behörden.

© Haig Jacobs/Florida Keys News BuIn den Tiefen warten viele spannende Entdeckungen.



Ein Seil weist den Weg in die Tiefe, Hand für Hand ziehen sich die Taucher abwärts. Die karibische See ist ruhig an diesem Tag, keine Strömung zerrt. Und doch schlägt das Herz schneller. Denn unten, am Ende des Seils, schält sich ein riesiger Schatten aus dem trüben Blau: die „Spiegel Grove", 155 Meter lang, eines der berühmtesten Wracks der Welt. Das Landungsschiff der US-Navy fiel keinem Sturm und keinen feindlichen Torpedos zum Opfer. Die Amerikaner versenkten es selbst, zehn Kilometer vor Key Largo. Das ausgeschlachtete Kriegsschiff sollte zum Lebensraum für Korallen und Fische werden, zum Abenteuerspielplatz für Tauchtouristen. Denn die Florida Keys brauchten dringend neue Attraktionen unter Wasser.

Seit den 70er-Jahren ist der Korallenteppich des drittgrößten Barriereriffs der Welt, das sich vor der Inselkette erstreckt, drastisch geschwunden. Abwasser düngten die Algen — diese überwucherten Korallen und ersticken sie. Dazu kamen Krankheiten, Korallenbleichen und Tropenstürme. Und der Tourismus. Lange warfen Boote ihre Anker einfach ins Riff und rissen Schneisen. Taucher rupften Korallen heraus und nahmen sie als Andenken mit nach Hause.

Schon früh setzte man deshalb auf künstliche Attraktionen. Seit gut 50 Jahren steht eine zweieinhalb Meter große Christus-Statue auf dem Meeresgrund, mittlerweile von Feuerkorallen bewachsen. Wer Jesus anfasst, verbrennt sich die Finger. In den 80er-Jahren wurden die „Duane" und die „Bibb" versenkt, Boote der Küstenwache. Für viele Jahre war die „Duane" das meist betauchte Wrack der Welt. Zusammen mit acht anderen Wracks bildet sie den „Florida Shipwreck Trail".

Sturm korrigiert Fehler

Die „Spiegel Grove" gehört nicht dazu, sie wurde erst 2002 versenkt. Allerdings nicht ganz so, wie man sich das vorgestellt hatte. Beim Sinken drehte sie sich kopfüber und landete schließlich auf ihrer Steuerbord-Seite — bis Hurrikan „Dennis" sie 2005 perfekt aufrichtete. „Der Sturm reparierte die Fehler der Menschen", sagt Yariem Hernandez Aguila. Der 41-jährige Kubaner, den alle nur Aqua nennen, ist Tauchlehrer in Key Largo und der Guide der Gruppe heute. Aqua taucht voraus, an einem Turm hinab, dessen rostbrauner Stahl verkrustet ist mit Korallen und Schwämmen. Zwei Fledermausfische schauen um die Ecke, ein Kaiserfisch zieht vorbei.

Die Gruppe sinkt tiefer, 25 Meter, 30 Meter. Bis Aqua unter eine Plattform schwimmt, die einst der Heli-Landeplatz des Schiffs war.

Das trübe Wasser verstärkt die gespenstische Stimmung. Aqua quert das Vorschiff, vorbei an riesigen Winden und einem Ausguck, an dem die US-Fahne hängt. Und schwebt an der Schiffswand entlang, die in einem bodenlosen Dunkel verschwindet. Unter einem Überhang lauert ein Riesenzackenbarsch. Immer wieder öffnen sich finstere Luken und Bullaugen. Der Kegel der Taschenlampe fällt auf eine Plakette, darauf eine Namensliste: die Spender, die das Versenken ermöglicht haben.

Ein Schiff als künstliches Riff auf den Meeresboden zu setzen, ist teuer. Und kompliziert. Niemand weiß das besser als Joseph Weatherby, 56. Der Chef der Firma „Artificial Reefs International" war die treibende Kraft hinter dem bisher größten Projekt: der „Vandenberg". Sie war Truppentransporter, Flüchtlings- und Spionageschiff. Mit den riesigen Radarschüsseln an Deck verfolgten die Amerikaner im Kalten Krieg zuerst Raketen, später die Flugbahn ihrer Raumschiffe. Und eine Filmberühmtheit ist sie auch: In „Virus" mimte sie ein Geisterschiff.

„Wir brauchten allein zwölf Jahre, um das Geld zu sammeln", erzählt Weatherby. Asbest, Öl und Hydraulik-Flüssigkeit mussten raus, um die Auflagen zu erfüllen. Ein Jahrzehnt lang stritt Weatherby mit 18 Behörden, die alle zustimmen muss­ten. Am Ende half eine Verbindung direkt ins Weiße Haus. „Was beim Versenken der ,Spiegel Grove' passierte, half uns nicht", sagt Weatherby. „Wir mussten nachweisen, dass unser Plan funktionieren würde." Das tat er. Eine Firma, die normalerweise Bürotürme und Stadien sprengt, ließ das Schiff in wenigen Minuten gleichmäßig sinken.

Aus aller Welt strömten nun die Taucher herbei. „Die ,Vandenberg' brachte einen Boom für die ganzen Keys", sagt Rob Holston, 68, Gründer der Tauchschule Dive Key West. „Denn viele Gäste tauchten auch an anderen Riffen und Wracks."

Bis heute ist das Wrack sehr beliebt. An manchen Tagen liegen zehn Tauchschiffe an den Bojen vertäut. Dennoch ist das Versenken von Schiffen bis heute umstritten. Gegner monieren, dass das Meer vermüllt werde. Ein anderes Gegenargument ist, dass die Artenvielfalt an natürlichen Riffen leide, weil ein Wrack Fische abziehe. Weatherby hält das für falsch. „Mehr Lebensraum, mehr Fische", lautet seine einfache Gleichung.

Magnet für Lebewesen

Tatsächlich sitzt die „Vandenberg" auf einer Premiumlage und zieht so wie ein Magnet Lebewesen an: Eine Sandbank hebt es vom Grund ab, es gibt viel Licht und wenig Schwebstoffe, und die Kajüten und Lagerräume bieten jede Menge Nischen und Schutz vor Räubern.

Schon nach einer Stunde seien Hunderte Delfine durch das Wrack geschwommen, sagt Holston. „Als wenn sie ein neues Spielzeug hätten." Schnell siedelten sich die ers­ten Weichkorallen auf dem Stahl an, später folgten Hartkorallen. Holston erzählt von einem vier Meter langen Hammerhai, der eineinhalb Monate am Wrack lebte. Und von einem Weißen Hai, der einmal vorbeischaute.

Heute hat die „Vandenberg" eine ähnliche Artenvielfalt wie ein natürliches Riff, fanden Forscher heraus. „Wracks werden besser mit dem Alter", sagt Weatherby. „Wie guter Wein." (APA, dpa)




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