Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 27.05.2018


Werkzeugmuseum Scheffau

Tausend und ein oder zwei Werkzeuge

Das Werkzeugmuseum in Scheffau ist eine Fundgrube von außergewöhnlichen Handwerksberufen. Über 1000 Werkzeuge hat Christian Feuchtner dort in seiner alten Scheune akribisch gesammelt und „an den Nagel gehängt“.

© Foto TT / Rudy De MoorChristian Feuchtner sammelt Werkzeuge der verschiedensten Hanswerksberufe und stellt sie aus.



Ein bisschen versteckt und unscheinbar, hinter dem jahrhundertealten Hof „Niederachenmühle" in Scheffau geht es ein paar Schritte die grüne Wiese hinauf. Dort, an der Südseite des alten Hauses, gibt es viele Geschichten zu entdecken — mehr, als man auf den ersten Blick erwarten mag. Neben dem Rasen öffnen sich nämlich mit Blick auf den Wilden Kaiser die Tore zu einer Welt der handwerklichen Besonderheiten.

Die Besenbinderbohrer und -rohlinge werden kaum noch gebraucht.
- Foto TT / Rudy De Moor

„Wie viel Zeit habt ihr denn?", fragt Christian Feuchtner gleich zur Begrüßung, bevor auch nur ein Schritt in die alte Scheune des Hofes gesetzt werden darf. Dort befindet sich nämlich sein Handwerksmuseum. Die Frage scheint berechtigt, hat doch jedes seiner Sammlerstücke — wohlgemerkt mehr als 1000 Stück — eine eigene Geschichte, die er mit Begeisterung erzählt.

Sammeln als Leidenschaft

Werkzeuge sind die Leidenschaft des Pensionisten: „Ich würde es fast als Sucht bezeichnen", lacht er über sich selbst, während er genau überlegt, welche Bereiche seiner Sammlung er in eine Stunde Zeit „hämmern" kann. Der 66-Jährige sammelt seit über 15 Jahren alles, was niet- und nagelfest gemacht werden kann und zeigt es in seinem Privatmuseum auch gern her.

Christian Feuchtner klopft auf die „Almtrommel“.
- Foto TT / Rudy De Moor

Dabei geht es ihm weniger darum, so viel Werkzeug wie möglich in seinen Besitz zu bringen, sondern vielmehr darum, die Funktionen all seiner Sammelobjekte zu kennen. So kann er den Hobel des Tischlers von dem des Fassbinders unterscheiden und läuft nicht Gefahr, den Glaserhammer mit dem Besenmacherhammer zu verwechseln.

Der Eisenwarensammler hat sein Museum in verschiedene Bereiche unterteilt, die teils den Schwerpunkt auf einzelne Handwerksberufe, teils auf die Werkzeuge selbst legen. So kann er den Besuchern seines Museums zu jedem Handwerksberuf — manche gibt es inzwischen gar nicht mehr — eine Geschichte erzählen.

Christian Feuchtner sammelt Werkzeuge der verschiedensten Hanswerksberufe und stellt sie aus.
- Foto TT / Rudy De Moor

Allein der Duft der hölzernen Räumlichkeiten — eine Mischung aus längst vergangenen, nach Heu anmutenden, Zeiten und in Öl getränkten Werkzeugen — lässt den Besucher mit allen Sinnen in die Welt der Handwerksberufe eintauchen. Für die Augen gibt es ohnehin mehr als genug Eindrücke: „Eigentlich bräuchte ich fünf Hallen", sagt Feuchtner beim Rundumblick auf die voll beschlagenen Wände. Eigentlich aber macht genau die Tatsache, dass jeder Zentimeter der Scheune von Werkzeug besetzt ist, die ganz besondere Atmosphäre seines Museums aus.

Knirschende Schritte

Der knirschende Schritt in das Museum ist gleichzeitig einer in die jahrhundertealten Fußstapfen des Schusterberufs. Neben hölzernen Leisten in allen Größen erzählen Zangen, Hämmer und Nägel von ihrer Arbeit, jedem Fuß den passenden Schuh aufzudrücken. Etwas weiter hinten gibt es dann noch eine alte „Schuhflockmaschine".

Anno dazumal hat diese die Sohlen mit kleinen Holznägeln am Schuh befestigt. Was Chris­tian Feuchtner hier präsentiert, ist ein Zeugnis der Vielfältigkeit und des Erfindungsgeistes alter Handwerksberufe: „Ich bin immer wieder erstaunt, wie erfinderisch die Handwerker waren. Selbst ich lerne dauernd etwas dazu", sagt er.

Dass Tischler früher zum Beispiel über 70 verschiedene Hobel hatten — alle natürlich sorgfältigst im Handwerksmuseum ausgestellt —, habe er im Zuge seiner Sammlertätigkeit gelernt. Und dass fast jeder Beruf seinen eigenen Hammer habe, auch.

Deshalb gibt es eine ganze Wand in seiner Scheune, die sich dem Klopfwerkzeug mit Holzgriff widmet: Vom Hammer des Schmieds, Schlossers, Tischlers, Spenglers, Steinlegers, Sattlers, Steinmetzes über den des Ofensetzers, Arztes und sogar Richters sind da an die 40 Stück „an den Nagel gehängt", alle mit Spuren harter und sorgfältiger Handwerksarbeit.

1, 2 Die Besenbinderbohrer und -rohlinge werden kaum noch gebraucht. 3 Christian Feuchtner klopft auf die „Almtrommel“. 4, 5, 6, 7, 8 Alte Schlösser und Nähmaschinen, religiöse Bilder, ein Oldtimertraktor und Kochgeschirr gehören genauso zur Sammlung wie das alte Kasettl (9).
- Foto TT / Rudy De Moor

Zeugnis der Vergangenheit

Ein bisschen kann der Scheffauer sogar in seiner Kindheit schwelgen: „Meine Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft, deshalb kenne ich mich noch mit Ackergeräten gut aus", erzählt er, während sein Blick auf eine alte Sense fällt. Da holt er auch gleich noch ein besonderes Objekt heraus: „Ein Hufeisen für Ochsen kennen nicht viele."

Die Besonderheit daran: Als Paarhufer benötigt der Ochse nicht ein gebogenes Eisen wie das Pferd, sondern zwei Hälften. „Mein Vater war im Dorf als ,Ochsinger' bekannt", lacht Feuchtner. Die Holzfuhren im Winter seien dem starken Tier nämlich viel leichter gefallen als den Pferden.

Die Leidenschaft für Besonderheiten hat Christian Feuchtner also ein stückweit in die Wiege gelegt bekommen. Auch wenn er selbst keinen Handwerksberuf ausgeübt hat — er war Liftangestellter am Wilden Kaiser —, hat ihn wohl immer fasziniert, was es alles braucht, um mit einem Gebrauchsgegenstand einen anderen Gebrauchsgegenstand herzustellen.

Warum sonst sollte er „Besenbinderborher" in allen möglichen Größen sammeln und die passenden „Besenrohlinge" dazu? Und warum sonst alte Schlösser und Schlüssel an seine Wände sperren oder „Hechel" und „Brechel" und deren Funktion in der Produktion von Leinenstoffen bis ins Detail erklären können?

Seine Objekte bekomme der Scheffauer jedenfalls von unterschiedlichen Quellen. Wenn er erfahre, dass jemand in den Ruhestand geht oder sein Geschäft schließt, mache er sich schnell auf den Weg, um zu vermeiden, dass alte Werkzeuge an den sprichwörtlichen Nagel gehängt werden. Gleichzeitig lasse er sich dann erklären, wie die Gegenstände verwendet wurden.

Ein ganz besonderes Stück in Feuchtners Sammlung ist übrigens ein über 100 Jahre altes originales „Kasettl" (traditionelles Kleid) einer Scheffauer Bäuerin, das er liebevoll in einem alten Schrank aufbewahrt. Den dazupassenden Halsschmuck hat er von seiner Familie und Freunden zum Geburtstag geschenkt bekommen: „Das hat mich ganz besonders gefreut", strahlt er.




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