Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.06.2018


Wellness

Wenn der Daten-Spiegel weiß, was mir guttut

Wellness 2030? Da wird die Technik unsere Bedürfnisse erfassen, weiß Trendforscher David Bosshart. Er ist Gast beim 7. Wellnesskongress.

© iStock(Symbolfoto)



Drei Tage Erholung im Wellnesshotel, Mitgliedschaft in einem Fitnesscenter, Kochen mit Bio-Lebensmitteln: Warum ist vielen Menschen Gesundheit und die Beschäftigung mit dem eigenen Körper so wichtig? Ist das eine Art neue Religion?

David Bosshart: Einerseits ein Wohlstandsphänomen und andererseits das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit. Wir haben bislang zu spät gemerkt, dass unser Leben dem Tode entgegengeht. Mit dem Wohlstand kommt dieses Bewusstsein früher. Daher der Druck, möglichst viel im Leben noch zu optimieren.

Heutzutage wird weniger gearbeitet als früher, moderne Technologien nehmen Arbeit ab: Dennoch fühlen sich viele gestresst und Burnout-gefährdet. Wie kann das sein?

Bosshart: Es ist richtig, dass wir heute viel weniger körperliche Arbeit leisten müssen. Auch viele handwerkliche Arbeiten bestehen mehr in einem Monitoring von Prozessen oder Überwachen von Bildschirmen — man drückt einen Knopf oder wischt mit dem Finger einen algorithmischen Befehl herbei. Aber der gefühlte mentale und psychische Stress nimmt zu. Das hat viele Gründe, einfache Antworten gibt es nicht. Viele Menschen sind kognitiv überfordert — sie können ihr Leben nicht mehr einordnen. Man schaue nur auf die Trends der letzten Jahre: Mindfulness, mentales Training, spirituelle Sehnsucht, Naturerlebnis als etwas Göttliches u. a. m.

In einer Studie haben Sie sich mit „Wellness 2030" beschäftigt, wobei Sie nicht mehr von „Wellness", sondern von „Wellbeing" sprechen. Was ist das?

Bosshart: Mit den neuen digitalen Geräten lernen die Menschen auch neue Welten kennen — das Gerät erzieht uns zu höheren Erwartungen, gerade wenn wir uns erholen wollen. Zuerst ging es um die Retablierung von Gesundheit als das höchste Gut. Doch das genügt nicht mehr. Man will Wellness oder gar Wellbeing — analog zur Definition der UN. Aber Wellbeing heißt nun sogar auch Glück — was immer ich erlebe, es muss mein Glücksgefühl fördern. Je höher wir die Latte legen, desto größer die Enttäuschung, wenn wir sie nicht erreichen.

Laut Ihrer Studie wird die Technik die Wellnessbranche massiv beeinflussen — „Data-Wellness-Economy" könnte die Zukunft sein. Wie könnten sich diese Veränderungen z. B. auf das Angebot eines Fünf-Sterne-Wellnesshotels im Tiroler Stubaital auswirken?

Bosshart: Die alten Technologien haben nur unser Äußeres abgebildet — sehen Sie den unglaublichen Selfie-Kult. Wir gehen heute in die Berge, um uns mit einer Bergspitze zu fotografieren, um das dann allen Freunden mitzuteilen. Das ist ein Ego-Projekt. Aber wir werden schon bald Data-Selfies haben, die mir mein Inneres und damit emotionales Leben aufzeigen — was ich fühle, wie gut ich drauf bin, ob ich an einer Destination wirklich glücklich bin oder nicht. Und das mit einem Klick, wenn ich am morgen aufstehe und in den Daten-Spiegel schaue.

In der Konsequenz werde ich transparenter — ich kenne mich Schritt für Schritt selbst besser — und auch mein Wellness­anbieter kennt mich besser und weiß vor allem um meine emotionale Befindlichkeit Bescheid. Ich kriege dann nach einem ärgerlichen Tag nicht mehr Hülsenfrüchte vorgesetzt, die ich hasse, sondern meine Pasta, die mein Glücksgefühl intensiviert.

Einige der von Ihnen prognostizierten Technologie-Revolutionen klingen unvorstellbar. Wie schnell werden diese für eine breite Masse anwendbar sein?

Bosshart: Niemand kann sagen, wann welche Massenmärkte erreicht werden. Je nach Land und Ort gibt es einen ganz unterschiedlichen Entwicklungsstand. Wir sind etwa jetzt bereits weit hinter China zurück. Denken Sie an Gesichtserkennung oder Bezahlungssysteme. Der Kampf geht zurzeit um die Schnittstelle „Voice" — die App-Müdigkeit wird durch zunehmende „Mündlichkeit" ersetzt. Meine digitalen Assistenten erledigen meine Aufträge problemlos und schnell.

Wie sollen sich jetzt Anbieter von Wellnessangeboten auf die neuen Herausforderungen einstellen?

Bosshart: Unterscheiden Sie zwischen Convenience und Inconvenience. Alle neuen Geräte bieten mehr Convenience. Mit einem Klick erlebe ich Glücksgefühle. Früher hieß Convenience „Es ist einfacher für dich". Wenn ich eine Waschmaschine habe, erscheint etwa Von-Hand-Waschen irrational. Wenn ich aber Streaming-Dienste habe, erscheint eine Vinyl-Schallplatte als nette, komplizierte Antiquität. Heute heißt Convenience „Es ist einfacher, du selbst zu sein". Also auch hier wieder die mentale Dimension. Wir nennen das den Übergang vom Buddhismus zum Daten-Buddhismus — man muss, wenn man will, sich weniger anstrengen, um ins Paradies zu kommen.

Klar, dass das große neue Märkte entstehen lässt. Aber es gibt immer die Nische der Inconvenience: Ich quäle mich durch gefährliche Steppen mit wilden Tieren ohne Hilfspersonal im Hintergrund für den Notfall. Ich riskiere den Tod, wenn ich bei Lawinengefahr trotzdem eine Tour mache. Aber kann damit ein großartiges Erlebnis haben.

Gleichzeitig scheinen vielen Menschen die Möglichkeiten der neuen Technologien schon wieder zu viel zu sein. Stichwort „Digital Detox".

Bosshart: Jeder Trend hat immer Gegentrends. Aber der Megatrend heißt künstliche Intelligenz und Cloud-Computing. Der Gegentrend ist eine willkommene Entlastung. Denn wie bestelle ich die Wellnessferien im Tirol? Indem ich präzise und schnell und flexibel von meinem algorithmisierten persönlichen Profil erwarte, dass es mir die beste Destination und das passende Hotel mit entsprechendem Angebot sucht, mit den Gästen, die mir passen. Ich will keine negativen Überraschungen erleben. Selbstverständlich machen kluge Menschen Detox und haben Spaß am Abschalten — wenn man die Nerven und den Durchhaltewillen dazu hat.

Wie ist es um die großen Probleme der Zukunft — die Überalterung und Vereinsamung — bestellt?

Bosshart: Ich glaube, dass das maßlos übertrieben wird. Wohlstand, hohe Lebensqualität, Integration der Frauen in den Arbeitsprozess, Frieden und gute Ernährung sind nur möglich, wenn wir weniger werden.

In einer Gesellschaft mit sechs Kindern pro Familie stellt sich die Frage nach Glück und Karriere gar nicht — die Frau hat dann einfach zu schweigen und alles zu erledigen. Wir sind individualistischer geworden, suchen unser persönliches Glück — was ist daran schlecht?

Die Klage der Einsamkeit ist eine Konstante in der modernen Welt. Es ist heute mehr ein Anzeichen, dass wir nicht mehr wissen, mit wem wir zusammen sein wollen, weil die Ansprüche an Partner und Freunde so hoch sind.

Vergessen Sie nicht: Vor 50 Jahren blieben die Verheirateten zusammen, weil sie sonst sozial geächtet wurden — vor allem die Frauen litten darunter. Gerade die modernen Technologien können hier viel Positives bewirken. Ich kann — wenn ich will — mit immer feineren Kriterien die Menschen kennen lernen, die zu mir passen. Und damit unwillkommene Enttäuschungen vermeiden.

Das Interview führte Irene Rapp