Letztes Update am Fr, 15.06.2018 11:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Lisa Hörtnagl: Im Angesicht des Racheengels

Die Schauspielerin Lisa Hörtnagl bereitet sich derzeit auf ihre Rolle der Bestatterin Brünhilde Blum im Theaterstück „Totenfrau“ vor, der Hauptfigur des gleichnamigen Thrillers von Bernhard Aichner. Ein Gespräch über ihre Arbeit auf der Bühne.

© TT/Rudy De MoorSchauspielerin Lisa Hörtnagl spielt in "Totenfrau" die mordende Bestatterin Brünhilde Blum.



Am 17. Juni wird das Theaterstück „Totenfrau“, nach dem gleichnamigen Thriller des Innsbrucker Autors Bernhard Aichner, in den Kammerspielen uraufgeführt. Die Schauspielerin Lisa Hörtnagl verkörpert die mordende Bestatterin Brünhilde Blum, die einen tragischen Wendepunkt in ihrem Leben erfährt: Ihr Mann wird vor ihren Augen überfahren und der Täter flüchtet. Damit nimmt ein gnadenloser Rachefeldzug seinen Anfang.

Sie übernehmen die Rolle der Bestatterin Brünhilde Blum, die zum Racheengel wird. Wie bereiten Sie sich vor?

Es würde nicht reichen, nur das Buch zu lesen. Im Herbst habe ich zum Beispiel einen Crashkurs für Leichenwaschung gemacht. Ich hatte eigentlich keine Scheu, einen Toten anzufassen und ihn zu waschen. Bestatterin Christine Pernlochner-Kügler hat mich behutsam herangeführt. Der liebevolle Umgang dieser Frau mit einem Toten hat mich sehr berührt. Sie spricht sogar mit den Verstorbenen. Erst im Nachhinein habe ich jedoch bemerkt, dass es doch eine emotionale Herausforderung war. Für die Vorbereitung auf meine Rolle aber eine unverzichtbare Erfahrung.

Aichners Thrillervorlage ist ein Bestseller. Fühlen Sie sich als Schauspielerin deshalb besonders dazu verpflichtet, sich genau an das Original zu halten?

Zur Person

Die 33-jährige Innsbruckerin Lisa Hörtnagl absolvierte ihre Ausbildung an der Schauspielschule Sachers in Innsbruck und bei Bill Howey in Los Angeles. Sie stand für etliche TV-Produktionen vor der Kamera (u. a. Der Bergdoktor, SOKO Kitzbühel). Von 2010 bis 2016 war sie Ensemble-Mitglied am Tiroler Landestheater. Seit 2016/17 ist sie freischaffend tätig.

Das ausverkaufte Stück „Totenfrau“ wird am 17. Juni in den Kammerspielen uraufgeführt. Im Herbst gibt es zusätzliche Termine. Siehe: www.landestheater.at

Ich halte mich immer an das Original, schließlich gibt es eine klare Rollenbeschreibung, der ich mich verpflichtet fühle. Gleichzeitig gibt es bei jeder Rolle, unabhängig davon, ob es sich um einen Bestseller handelt oder nicht, sehr wohl einen Interpretationsspielraum. Da kann ich mich als Schauspielerin entfalten, vor allem auch bei den Proben im Austausch mit dem Regisseur. Das ist ein kreativer Prozess, der keineswegs linear verläuft und ständig die Frage aufwirft, wie weit man bei der Entwicklung eines Charakters gehen kann.

Brünhilde Blum verliert den wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Ihren geliebten Mann, den Vater ihrer Kinder. Deshalb will sie sich rächen. Ist das nachvollziehbar?

Die Rache ist ein wiederkehrendes Thema, nicht nur in der Literatur und im Theater. Blum geht knallhart den Weg der Selbstjustiz. Autor Bernhard Aichner gelingt es in seinem Thriller, den Leser so an der Hand zu nehmen, dass gar nicht das Bedürfnis entsteht, diesen Umstand infrage zu stellen. Brünhilde Blum bringt böse Menschen zu Fall, aber sie ist gleichzeitig ein vielschichtiger Charakter. Die emotionale Gespaltenheit dieser starken Frauenfigur, die einerseits eine liebende Mutter und andererseits eine Mörderin ist, fordert und fasziniert mich. Für die Rollenfindung selbst hingegen war die Reflexion der Motivlage aber weniger relevant.

Heute Racheengel, morgen Opferrolle. Spielen Sie manchmal in zwei Inszenierungen gleichzeitig?

Ja, ich spiele oft parallel unterschiedliche Stücke, aber ich probe nie für zwei Stücke gleichzeitig. Das wäre nicht möglich, weil ich mich bei den Proben voll und ganz auf eine Figur einlassen muss.

Schauspiel heißt, auch und vor allem Texte auswendig zu lernen. Fällt Ihnen das leicht?

Textlernen ist eine reine Trainingssache. Viel schwerer ist es, den Text in Szene zu setzen, sich total in diese Rolle hineinfallen zu lassen, damit der Funke auch aufs Publikum überspringt. Nicht unwesentlich ist auch, in dieser konzentrierten Atmosphäre die räumlichen Begebenheiten nicht außer Acht zu lassen. Es ist ein Zusammenspiel vieler Komponenten.

Sie haben auch eine Schauspielausbildung in Los Angeles absolviert. Wie ist es Ihnen dort ergangen?

Ich habe Erfahrungen vor der Kamera gesammelt. Da läuft das so: Ist die Szene einmal im Kas­ten, dann war’s das. Das ist wohl der wesentliche Unterschied zum Theater, wo es viele Aufführungen gibt, die nie gleich verlaufen. Ich profitiere aber genau davon. Im Übrigen empfinde ich die Auseinandersetzung mit einer Rolle während der Proben immer als große Bereicherung.

Woher holen Sie sich Ihre schauspielerische Inspiration?

Ich reise gerne, auch alleine, und liebe es dabei, Menschen zu beobachten. Diese Vielfalt begeistert mich. Mit solchen Auszeiten bewahre ich mir die Leidenschaft für meinen Beruf.

Von 2010 bis 2016 waren Sie Ensemble-Mitglied im Tiroler Landestheater. Seit der Spielzeit 2016/17 sind Sie freischaffend tätig. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ich wollte mehr Flexibilität und habe neue Herausforderungen gesucht. Ich habe zum Beispiel neben der Schauspielerei damit begonnen, Drehbücher zu schreiben.

Aber Sie bleiben dem Theater hoffentlich erhalten. Gibt es denn eine Traumrolle, die Sie gerne spielen würden?

Es gibt für mich keine Traumrolle in dem Sinn. Mich faszinieren Charaktere mit Ecken und Kanten.

Das Interview führte Gerlinde Tamerl