Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 18.06.2018


Bezirk Landeck

Eine Ode auf den Punktierten Enzian

Eine Flasche kostet 250 Euro, Hemingway hat ihn beschrieben, im Paznaun ist er Kult: Das Alpinarium zeigt eine Ausstellung über den Enzner.

© Alpinarium GaltürDen Galtürern ist der Punktierte Enzian, aus dessen Wurzeln Schnaps gebrannt wird, heilig.



Von Nina Schrott

Galtür – Dass die Galtürer mit ihrem selbst gebrannten Enzner sehr „g’sparig“ sind, wurde bei der Eröffnung der Enzian-Ausstellung im Alpinarium Galtür am Freitag mehr als nur einmal schmunzelnd festgestellt. Aufgrund der Seltenheit des Schnapses wird er nur zu besonderen Anlässen ausgeschenkt. Der Enzner ist im hinteren Paznaun Kult – das zeigt auch die neue Ausstellung rund ums Enziangraben, die von Tristan Kobler geplant worden ist.

Eine Anekdote von der Erstbesteigung des bekannten Piz Buin 1865, die dort erzählt wird, macht das besonders deutlich: Die vierköpfige Bergsteigergruppe hatte eine Flasche des wertvollen Tropfens im Gepäck, ließ diese bei einer Rast jedoch fallen. Noch bevor der Saft versickern konnte, schlürfte Bergfex Johann Jakob Weilenmann die letzten Reste des „natürlichen Dopings“ vom Boden auf.

Bürgermeister Toni Mattle blickte auf die bewegte Geschichte des einzigartigen Sammel- und Brennprozesses zurück: Was vor langer Zeit aus dem Notstand der Galtürer entstand, entwickelte sich nach und nach zu einem regelrechten Ritus. Die Wirkung des Punktierten Enzians ist in der Medizin anerkannt, das dazugehörige Destillat eine regionale Spezialität. Bereits die alten Römer und Wunderheiler im Mittelalter profitierten von der heilenden Kraft der Pflanze. „Der Enzner ist ein Allheilmittel gegen Husten, Magenleiden, Übelkeit und noch viel mehr“, weiß auch Ausstellungsarchitekt Kobler. Im 17. und 18. Jahrhundert erreichte das Brennen der Wurzeln in Tirol seinen Zenit, was eine ernste Bedrohung für den Bestand darstellte. Die Tätigkeit wurde untersagt, das Schwarzbrennen nahm stark zu. 1747 wurde ein gemeinsamer Nenner gefunden und das Sammeln gesetzlich geregelt.

Noch heute ist das Enznergraben streng limitiert, aber außerordentlich beliebt. Mattle erzählt: „In Galtür sucht etwa ein Drittel der 250 Familien um die 13 Grabrechte pro Jahr an.“ Ausgegraben werden dürfen pro verlostes Recht 100 bis 120 Kilogramm Enzianwurzeln, was in weiterer Folge etwa sieben Liter Schnaps ergibt. Der Preis einer Flasche liege bei gut 250 Euro. „Dass dieser Brauch erhalten bleibt, ist mir ein großes Anliegen“, betonte der Bürgermeister weiter.

Landeshauptmann Günther Platter zeigte sich begeistert von der Paznauner Tradition, die es 2013 sogar ins Unesco-Verzeichnis für immaterielles Kulturerbe geschafft hat. „Galtür ist ein besonderer Platz zum Krafttanken, da passt der robuste Enzner perfekt dazu“, schwärmte er. Mattle fügte hinzu: „Schon Ernest Hemingway erkannte in seiner Zeit in Galtür, dass der Enzianschnaps etwas außergewöhnlich Wertvolles ist, und erwähnt ihn in seinen Büchern.“

Ermöglicht wurde das 50.000-Euro-Projekt durch Förderungen der Kulturabteilung des Landes und des Leaderprojektes von RegioL. Neben der geschichtlichen Aufarbeitung des Themas gibt es auch Rezepte, interessante Exponate und Bilder von Mathias Schmid zu bestaunen. Ab sofort ist die Enzian-Exposition Teil der Dauerausstellung im Galtürer Alpinarium und kann das ganze Jahr besichtigt werden.

Bürgermeister Toni Mattle, Landeshauptmann Günther Platter, Ausstellungsarchitekt Tristan Kobler und Alpi­narium-Leiter Helmut Pöll (v. l.) weihten den neuen Teil der Dauerausstellung ein.
- Schrott