Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.06.2018


Tourentipp

Über zwei Seilbrücken musst du gehen

Ein Klettersteig-Unfall im Kaiserwinkl schreckte 2012 die Bergsport-Szene auf. Für die heutige Tour kehren wir nach Walchsee zurück. Und ein Experte spricht über die neuen Normen bei den Klettersteig-Sets.

© ChristlerIm Klettersteig hat man stets die Ottenalm im Blick.



Von Matthias Christler

Walchsee – Es sieht fast so aus, als würde der Schatten der Vergangenheit über der Felswand bei der Harauer Spitze liegen. Bei anderen Klettersteigen muss man beim Einstieg warten, wird überholt, steigt an geeigneten Stellen an etwas langsameren Bergkameraden vorbei, fühlt sich wie auf einer Ameisenstraße und Teil einer großen Szene – nicht so hier. An diesem Freitagnachmittag sind wir alleine beim Klettersteigpark nahe der Ottenalm. Vielleicht liegt es auch nur am wolkenverhangenen Himmel, dass sonst niemand den gemütlichen Weg hier herauf gefunden hat.

Nichts für schwache Nerven sind die Seilbrücken im Klettersteig.
- Christler

So kommt man hin: Im Zentrum von Walchsee Richtung Winkl abbiegen, beim Sportplatz parken und den beschilderten Weg zur Ottenalm einschlagen. Man dürfte, wenn man in der Alm einkehrt, mit dem Auto hinfahren, aber der halbstündige (flotte) Fußmarsch ist die richtige Aufwärmübung. Direkt bei der Ottenalm sieht man rechterhand Felsbrocken, bei denen eine Hinweistafel montiert wurde, auf der die drei verschiedenen Klettersteig-Varianten beschrieben sind. Noch ein kurzer Zustieg und wir stehen vor dem „Bergkameraden“, dem mittelschweren der drei. Zackig geht es los. Wer hier schon die Kraft verliert, weiß, dass er umkehren sollte. Denn es wird noch ausgesetzter – die schwindelerregenden Höhepunkte. Über zwei Seilbrücken muss man gehen. Und jetzt könnte man weiterdichten: Die Klettersteige hier mussten einige harte Jahre überstehen.

Los geht es gemütlicher, man hat nur die Qual der Hütten-Wahl.
- Christler

Rückblick August 2012: Ein Urlauber stürzte in der schwierigeren Route, der nebenan verlaufenden „Direttissima“, und das bis dahin Undenkbare passierte. Die elastischen Arme des am Gurt befestigten Klettersteig-Sets rissen, er stürzte in den Tod. Es folgte die größte Rückruf-Aktion in der Geschichte des Bergsports.

Walter Würtl, Alpin- und Sicherheitsexperte, spricht im Zuge dieser Tour über mögliche Ursachen des Unfalls und die Reaktionen darauf: „Im Alpinsport legen die Firmen viel Wert auf neue Produkte, das wird gepusht und auf den Markt gebracht“, spricht er die „Innovationsfreudigkeit“ an. „Bei den Messen heißt es immer: ,Was gibt es Neues?’ Eigentlich müsste es aber aus Gründen der Sicherheit heißen: ,Was hat sich schon seit 20 Jahren bewährt?‘“

Zuerst passiert man die Riederalm, hinter der die Nordwand der Harauer Spitze aufragt, durch die mehrere Routen führen.
- christler

Im Falle der elastischen Arme stellte sich heraus, dass man vorschnell auf Innovation gesetzt hatte. Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, haben sich die Unternehmen in den vergangenen Jahren zusammengesetzt und eine neue Norm für Klettersteig-Sets ausgearbeitet. Im vergangenen Jahr ist sie in Kraft getreten. Früher gab es Diskussionen, ob Materialprobleme sowohl bei leichtgewichtigen Personen unter 60 kg als auch bei jenen mit mehr als 100 kg auftreten können. Neue Sets sind nun für Leicht- und Schwergewichte ausgelegt. Genauso wurde bei der statischen Festigkeit nachgebessert.

Bedeutet das, dass alle alten Sets nicht mehr sicher sind? Würtl beruhigt: „Wenn die Sets nicht von einem Rückruf betroffen sind, kann man die alten verwenden“, sagt er. Mit einem großen „Aber“ und das kann man nicht oft genug erwähnen. Aber das Klettersteig-Set darf nicht zu alt sein und keine optischen Verschleißerscheinungen zeigen. „Es ist ein bergsportspezifisches Problem, dass die Sachen zu lange verwendet werden, bis z.B. in Schuhen Löcher drinnen sind. Klettersteig-Sets muss man regelmäßig tauschen, weil das Leben daran hängt. Die Sets sind aber prinzipiell viel zu lange im Gebrauch, maximal dürfen es zehn Jahre sein. Bei häufigem Gebrauch muss man es manchmal schon nach zwei Jahren tauschen“, empfiehlt der Sicherheitsexperte. Lieber also vor dem nächsten Klettersteig-Ausflug genau auf das Material schauen, überlegen wie alt es ist und einen Neukauf erwägen.

Zwischen Felsbrocken hindurch kommt man zum Einstieg.
- Christler

Zurück zur Tour: Wir sind nach einer knappen Stunden durch die Wand, ohne Problem. Einige Griffe und Tritte sind abgespeckt, aber es finden sich genug Alternativen. Oben am Kamm angekommen, kann man das Panorama zwischen Kaisergebirge und Chiemgauer Alpen genießen.

Dann entscheidet man sich, ob man rechts zur Harauer Alm absteigt oder links zur Ottenalm zurückkehrt. Wir entscheiden uns für die Ottenalm und erleben ein kleines Wunder. Der teilweise mit Treppen versehene und bei anderen Routen oft mühsame Abstieg dauert hier nur ein paar Minuten. Unser Fazit: Gut für uns, aber dass der schöne Klettersteig inmitten des Kaiserwinkls an diesem Tag so vernachlässigt wird, hat er sich eigentlich nicht verdient.

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Den Track finden Sie hier.

Nichts für schwache Nerven sind die Seilbrücken im Klettersteig (1). Los geht es gemütlicher, man hat nur die Qual der Hütten-Wahl (2). Zuerst passiert man die Riederalm, hinter der die Nordwand der Harauer Spitze aufragt, durch die mehrere Routen führen (3). Zwischen Felsbrocken hindurch kommt man zum Einstieg (4). Im Klettersteig hat man stets die Ottenalm im Blick (5). Fotos: Christler
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