Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 02.07.2018


Exklusiv

Wohin mit den Kindern im Sommer?

Die großen Ferien bereiten Eltern große Sorgen. Die Kinderbetreuungsangebote sind nach wie vor nicht flächendeckend. Die Nachfrage nach ganztägiger Betreuung sei im Sommer gering, so der Tenor der Dorfchefs.

© iStockphoto„Drüberretten“ über den Sommer müssen sich noch immer viele berufstätige Eltern. Ihre Kinder werden sehr oft von Omas versorgt, wenn das Betreuungsangebot der Gemeinde auslässt.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Die Klubobfrau der Liste Fritz kommt mit dem Zählen gar nicht mehr nach. ÖVP-Bildungslandesrätin Beate Palfrader hat in einer Anfragebeantwortung alle Gemeinden aufzählen lassen, die Sommerbetreuung anbieten. Bei den Null- bis Dreijährigen wären es demnach 191 von 279 Gemeinden, bei den Drei- bis Sechsjährigen 253 Gemeinden und bei den Sechs- bis 14-Jährigen 152. „Das wäre zu schön, um wahr zu sein“, sagt Haselwanter-Schneider. Sie befindet, Tirol sei von ganztägiger und ganzjähriger Kinderbetreuung „noch meilenweit entfernt, auch wenn man gemeindeübergreifende Projekte miteinrechnet“.

Tatsächlich braucht man nicht lange nach Betreuungslücken zu suchen. So findet sich auf Palfraders Liste in zwei Alterskategorien der kleine Außerferner Ort Berwang mit rund 550 Einwohnern. „Wir haben keine Sommerbetreuung“, erklärt Bürgermeister Dietmar Berktold. „Es besteht kein Bedarf“, meint er. Der Kindergarten ende wie die Schule. Für nächstes Jahr will der Bürgermeister abfragen lassen, wie es mit den Wünschen seiner Gemeindebürger aussieht. Heuer seien nur „ein bis zwei Kinder“ für die Sommerbetreuung vorgemerkt gewesen. „Das ist zu wenig.“

Berwang sei zwar eine Tourismusgemeinde, Einheimische würden aber dort nicht arbeiten. „Bei uns sind die Frauen Hausfrauen oder Pendlerinnen.“ Die fehlende Kinderbetreuung sieht der Bürgermeister nicht als Standortnachteil. „Wenn der Druck größer wäre, würde die Gemeinde reagieren.“

Ungefähr gleich groß wie Berwang ist mit 520 Einwohnern die Tourismusgemeinde Ladis. Zu 95 Prozent sei der Bedarf der Eltern an Kinderbetreuung abgedeckt, meint Bürgermeister Florian Klotz. „Wir haben viele Vermieter, die vor allem halbtags ihre Kinder betreut wissen wollen.“ Ganztägige Betreuung gebe es an zwei Tagen und sie ende um 15.30 Uhr. Samstags oder sonntags gebe es, obwohl Tourismusort und Familienregion, in Ladis keine Betreuung.

Eine mittelgroße Gemeinde mit rund 2500 Einwohnern ist Schwoich. Auf der Liste und auch in der Praxis bietet die Gemeinde im Sommer Kinderbetreuung an. „Von Jahr zu Jahr ist der Bedarf größer geworden“, erzählt Bürgermeister Josef Dillersberger. Von acht Wochen Sommerferien decke die Gemeinde sechs Wochen ab. „Wir würden auch eine ganztägige Betreuung anbieten, da ist aber die Nachfrage zu gering.“ Im Sommer werden die drei- bis zehnjährigen Kinder altersübergreifend betreut. „Viele junge Leute sind zugezogen, und weil heute oft beide arbeiten gehen müssen, ermitteln wir jedes Jahr via Fragebogen den Bedarf“, sagt Dillersberger, einst selbst Lehrer und seit 15 Jahren im Amt. Die Bedarfsermittlung hält er für nötig. Die Kosten für die Gemeinde seien durch Infrastruktur und Personal ohnehin sehr hoch.

In Schwaz haben laut Bürgermeister Hans Lintner alle öffentlichen Kindergärten über den Sommer geöffnet. Einzig von 15. bis 31. August gebe es Schließtage. Sommerbetreuung erstrecke sich über Kinderkrippen, Kindergärten und den Hort. „Das ist die Erwartungshaltung der Eltern“, meint Lintner. Ganztägig berufstätige Frauen seien in Schwaz in der Minderheit, die Mehrheit gehe halbtags arbeiten. „Wir bieten ganzjährige und ganztägige Betreuung an.“ Nachgefragt würde am stärksten die Betreuung bis 14 Uhr. Die Sommerbetreuung würde auch von Eltern in Anspruch genommen, die nicht berufstätig seien.

Eindrücke zur Kinderbetreuung

„Ganztägig arbeitet eine Minderheit"

Innsbruck — „Ich bin in einer sehr privilegierten Situation", sagt Margarethe Flora. „Die Universität Innsbruck bietet eine ganztägige Sommerbetreuung an, wo unsere Tochter schon das zweite Jahr gerne hingeht." Dennoch hält Flora die Kinderbetreuung selbst in Innsbruck für eine Herausforderung. Es gebe zwar Angebote, aber viele würden gerade einmal bis zum frühen Nachmittag reichen. Es gelte Anmeldefristen für die Sommerbetreuung zu beachten. „Bis man einen Überblick hat, sind andere Angebote schon wieder ausgebucht."

Flora arbeitet ganztägig an der Stamm-Universität und empfindet in Tirol ganztägig arbeitende Frauen als Minderheit. „Es sind einfach wenige, die ganztägig arbeiten und daher ist der Druck auf erweiterte Kinderbetreuung auch nicht groß genug."

Vollzeit arbeitenden Frauen würde anderswo mehr Verständnis entgegengebracht. „Meine Kolleginnen aus Wien oder Berlin staunen nicht schlecht, wenn ich sie über die Rahmenbedingungen hier informiere." Flora fordert, „Angebot zu schaffen und auf drei Jahre zu probieren, auch wenn es anfangs nur zwei, drei zu betreuende Kinder sind".

„Überall muss man betteln und fragen"

Imst, Hall — Die Oma ist es, die Astrid Kraxner und ihrer siebenjährigen Tochter aus der Patsche hilft. Kraxner ist Alleinerzieherin und arbeitet halbtags. Im Sommer gibt es in Imst für die Betreuung der Kleinen kein passendes Angebot. 50 Euro pro Woche sind für die Alleinerzieherin nicht leistbar. Am Sonntagabend bringt Kraxner also ihre Tochter von Imst nach Sölden zur Oma, wo das Kind während der Sommermonate bis Freitag bleibt. „Die Kinderbetreuung steckt noch in den Kinderschuhen", meint sie. „Außerdem muss man überall betteln und fragen, wenn man eine Betreuung braucht."

Ähnlich ergeht es Angelika Wille in Hall. „Ich fühle mich von den zuständigen Stellen schlecht behandelt." Wille braucht für ihren sechsjährigen Sohn im Herbst eine Mittagsbetreuung. Nach einem „Spießrutenlauf" zwischen Schulamtsleiter und Bürgermeisterin hat sie in letzter Sekunde doch noch eine Lösung gefunden. „In Hall bin ich eine von wenigen Müttern, die ihr Kind länger als bis 14 Uhr betreuen lassen. In Rum war das ganz anders."

Angelika Wille arbeitet 25 Stunden als Psychologin. Im Sommer hat sie kein Problem mit der Betreuung: „Mein Mann ist Lehrer", erklärt sie.

„In 25 Jahren hat sich wenig getan"

Obsteig — Diesen Sommer hat Marion Partner-Auer kein Problem mit der Organisation der Kinderbetreuung: Ihre 16-jährige Tochter passt auf ihre zwei Brüder, sechs und sieben, auf. „Ich bezahle meine Große auch dafür." Partner-Auer hat noch ein viertes „Kind", das inzwischen 26 Jahre alt ist. Sie kann also auf mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung zurückblicken. In Sachen Kinderbetreuung habe sich nicht viel bis gar nichts verbessert. Pro Monat haben sie und ihr Mann für die Betreuung der zwei Kleinsten 800 bis 900 Euro ausgegeben. „Den Kindergarten in Obsteig konnten wir aufgrund der Öffnungszeiten nicht nutzen, also mussten wir nach Mieming ausweichen", sagt Partner-Auer, die 30 Stunden in der TT arbeitet. Das Paar trug die Kosten zur Gänze selbst, dennoch sei die Entscheidung, außerhalb der Gemeinde betreuen zu lassen, in Obsteig nicht gut angekommen. Berufstätigen Frauen würden viele Vorwürfe in Richtung Rabenmutter gemacht, Müttern, die zu Hause blieben, würde Bequemlichkeit attestiert. „Als Frau kann man es nie recht machen."