Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 01.07.2018


Exklusiv

Die Katze an der Hausmauer oder: Was bewacht die Sphinx?

„Mein Innsbruck vor meiner Tür“: Mit einem Fotowettbewerb mobilisierte die Stadt Innsbruck ihre Bürger, die Tausende Bilder auf Instagram hochluden.

© Foto TT / Rudy De MoorIm Auge des Betrachters: Die Ausstellung im Stadtarchiv zeigt von einer Jury ausgesuchte Bilder.Fotos: De Moor



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – In den prächtigsten Farben oder schwarzweiß, schön und manchmal auch hässlich, vertraut und doch oft geheimnisvoll: Die Ausschreibung eines Social-Media-Fotowettbewerbs brachte Bewegung in die Stadt und die Innsbrucker dazu, ihre Umgebung genauer und vielleicht auch einmal mit ganz anderen Augen zu betrachten. Dabei herausgekommen ist eine unerwartet vielfältige Sammlung von Momentaufnahmen – eine teils kritische Liebeserklärung an die eigene Stadt in sehr, sehr vielen Bildern.

„Wir sehen die Innsbrucker ihre Stadt, womit können sie sich identifizieren? Diesen Fragen wollten wir auf den Grund gehen“, sagt Renate Ursprunger, Projektleiterin von „Mein Innsbruck vor meiner Tür“. Der große Zuspruch – innerhalb nur weniger Wochen wurden 3100 Bilder unter dem Hashtag „INNstablick“ auf Instagram hochgeladen – hat sie selbst „total überrascht“. Bei einem Vergleichsprojekt in Wien waren nur einige hundert Bilder eingegangen.

Zu gewinnen gibt es eine „Polaroid Pop Instant“- Kamera und die Teilnahme an einer inzwischen eröffneten Ausstellung im Stadtarchiv mit von einer Jury ausgewählten Fotos. „Ist er es?“, unterhalten sich dort gerade Besucher über ein Foto, es soll das Kirchlein am Kalvarienberg in Arzl zeigen. „Oder doch nicht?“

Dass es oft auf die Perspektive ankommt, zeigen auch viele andere Bilder, über die staunende oder rätselnde Besucher der Aussteller immer wieder miteinander ins Gespräch kommen, wie Referatsleiter Lukas Morscher bemerkt: „Oft wird diskutiert – ein Widerspruch zu der Auffassung, das Internet verhindere, dass Leute miteinander ins Gespräch kommen.“ Die hohe Qualität der Bilder und die Kreativität der Fotografen hat ihn überrascht: „Viele sind sehr professionell“, sagt er und klebt ein kleines rotes Herz unter die Fassade des Landestheaters, die erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Neben der Wahl der Jury gibt es zum Schluss auch einen Publikumsgewinner, der bei der Finissage im Herbst bekannt gegeben wird. Jeder Besucher bekommt einen Herzkleber, der unter das Lieblingsbild geklebt werden kann.

Vieles liegt im Auge des Betrachters, etwa wie schön Regenlacken sein können, wenn sich bunte Hausfassaden in ihnen spiegeln. Oder dass Flugzeuge unter Kirchtürmen fliegen und ein Radfahrer über Bergspitzen fährt. Viele Blicke sind von oben hinunter in die Stadt gerichtet – von der Seegrube, der Bergiselschanze oder einem Gipfelkreuz, während sich andere fragen, wohin die Sphinx eigentlich blickt, die – gemeinsam mit ihrem steinernen Zwilling – das Landesmuseum bewacht.

Echte und gemalte Katzen, die am Innufer hat ebenfalls ein – aufgepinseltes Herz –, verwunschene Treppen, verborgene Winkel und ein Aufkleber „Es keat oanfach viel mehr gschmust“. Was ist Innsbruck? Küssende Affen oder „Inns’ WURSCHT“, wie ein Graffiti lautet. Sind es die feuchten Kuhschnauzen, die Regenbogenflaggen auf der Innbrücke, und braucht es den Blick durch die Seifenblase oder eine Wunderkugel? Eine umherirrende Frau oder der Schriftzug „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“. Manchmal ist Innsbruck aber auch eine junge Frau aus Niederösterreich, die an einem Fotowettbewerb teilnimmt, um sich an ihrem neuen Wohnort heimisch und dazugehörig zu fühlen. „Liebe deine Stadt“ steht auf einem Aufkleber. Und die Ziege, die streckt einfach die Zunge raus.