Letztes Update am Mo, 02.07.2018 09:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sprachen

3500 Sprachen, denen die Worte ausgehen

Sprachen sind Teil der Identität und Kultur eines Volkes. Viele davon sind allerdings weltweit vom Aussterben bedroht, einige gibt es bereits nicht mehr. Neue Sprachen werden dafür aufwändig erfunden.

© KienpointnerManfred Kienpointner (r.) mit Irvin Crook, einem Havasupai-Indianer in Arizona (USA).



Von Evelin Stark

Es gibt derzeit rund 7000 Sprachen auf der Welt – noch: Die Hälfte davon ist vom Aussterben bedroht. Sprachwissenschafter rund um den Globus kämpfen um ihr Überleben. Für viele ist es aber schon zu spät. „Wenn Sprachen sterben, stirbt auch das Wissen über die Welt“, sagt Manfred Kienpointner, Linguist an der Universität Innsbruck. Das Artensterben in der Natur hänge eng zusammen mit dem Aussterben von Sprachen, besonders bei Naturvölkern. „Indigene Stämme im Amazonasbecken haben ihr jahrhundertealtes Wissen über Pflanzen und Tiere stets über ihren Wortschatz weitergegeben“, erklärt er.

Sobald es also keine Muttersprachler einer Sprache mehr gebe, gehe dieses Wissen auch verloren. Deshalb gibt es inzwischen Pharmafirmen, die mit indigenen Völkern zusammenarbeiten und sich ein gemeinsames Wissen rund um die Ethnobotanik – Pflanzen als Nutzpflanzen, in der Medizin und im Brauchtum – aneignen und aufbauen.

Identität geht verloren

Doch nicht nur das Wissen über die Natur geht verloren. „Die Sprache ist die Basis der eigenen Identität“, sagt der Linguist. Geht also eine Sprache verloren, weil sie keiner mehr spricht, geht auch die Kultur der Menschen verloren, die sie gesprochen haben. „Wichtig ist hier die Definition: Eine Sprache gilt als ausgestorben, wenn es keine Menschen mehr gibt, die sie als Erstsprache erlernen und sprechen“, sagt Frank Seifart von der Gesellschaft für bedrohte Sprachen. Solange es noch Kinder gebe, die eine Sprache als Muttersprache erwerben, gebe es noch Hoffnung, so Seifart.

Als zweiter Vorsitzender der Gesellschaft liegt dem deutschen Linguisten die Archivierung bedrohter Sprachen besonders am Herzen. Der gemeinnützige Verein hat das Ziel, den Gebrauch, den Erhalt und die Dokumentation bedrohter Sprachen und Dialekte zu fördern. Auch Kienpointner ist Mitglied dieser Gesellschaft.

Manfred Kienpointner (r.) mit Irvin Crook, einem Havasupai-Indianer in Arizona (USA).
- Kienpointner

Warum werden die Sprachen aber immer weniger? „Die so genannten ‚killer languages‘ nehmen immer mehr überhand“, bedauert Kienpointner. Gemeint sind damit die beiden „Kolosse“ Englisch und Chinesisch, die rund um den Globus bei Weitem am meisten Sprecher haben. „Es gibt viele Aspekte, die dazu führen können, dass eine Sprache gefährdet ist oder gar ausstirbt“, sagt Seifart. Früher seien etwa Missionsschulen oft mit schuld gewesen, die den Kindern verbaten, ihre Muttersprachen zu sprechen. „Die Schulbildung ist hier allgemein Thema. In Peru ist Spanisch die Unterrichtssprache, deshalb entscheiden sich oft bereits die Eltern dafür, ihre Kinder in dieser Sprache zu erziehen.“ Ein weiterer, gravierender Grund seien Infrastrukturprojekte.

Wird nämlich der Regenwald abgeholzt, verlieren neben Pflanzen und Tieren ganze Völker ihren Lebensraum: „Die Menschen sind gezwungen, in eine Stadt oder ein Dorf zu ziehen. Dort wird anders geredet und man kann nicht anders, als sich anzupassen“, so Seifart. Deshalb bemühen er und viele weitere Linguisten sich, die noch vorhandenen Sprachen zu dokumentieren.

Mit Notizbüchern, Tonbandkassetten und Videokamera ausgerüstet ist Seifart regelmäßig im Amazonasbecken unterwegs, um mit verbleibenden Muttersprachlern bedrohter Sprachen zu sprechen. Resígaro konnte er vor ein paar Jahren etwa gerade noch aufnehmen und dokumentieren, um zumindest so dafür zu sorgen, dass es die Sprache weiter gibt, obwohl sie inzwischen keiner mehr aktiv spricht.

Konstruierte Sprachen

Als ziemlich genaues Gegenteil des Sprachensterbens könnte man die Entwicklung konstruierter Sprachen in Literatur und Film bezeichnen. In der realen Welt gibt es freilich keine Muttersprachler von Klingonisch, Elbisch und Co., dennoch wächst die Zahl ihrer Sprechenden stetig: „Es ist erstaunlich, dass Leute dafür bezahlen, eine erfundene Sprache zu erlernen, anstatt die bereits existierenden am Leben zu erhalten“, sagt Kienpointner.

Konstruierte Sprachen sind Sprachen, deren Wortschatz, Grammatik und Phonologie bewusst entwickelt wurden. Lange bevor die Killersprache Englisch die internationale Sprache der Medien, Wirtschaft, Wissenschaft, Kommunikation und Bildung wurde, waren viele Linguisten davon überzeugt, dass die Welt eine internationale Sprache brauche. Die bekannteste konstruierte Sprache, die weltweit Frieden schaffen sollte, ist „Esperanto“.

Fiktionale Sprachen werden mehr und mehr für Fantasy-Literatur, Science-Fiction-Filme und Videospiele entwickelt, denn sie geben den fiktiven Welten einen zusätzlichen Hauch von Realismus. Fans lernen sie ehrgeizig.

Havasupai (Arizona)

Havasupai wird vom Volk der Hualapai, Ureinwohner Amerikas im nordwestlichen Arizona (USA), gesprochen. Das Volk ist Hüter der „Havasu Falls“ im Grand Canyon. „Das Interessante an Havasupai ist, dass die Sprache nur von ein paar 100 Menschen gesprochen wird. Diese stehen aber ökonomisch so stark auf eigenen Füßen, dass sie Englisch nicht benötigen, um zu überleben“, sagt der Tiroler Linguist Manfred

Kienpointner.

Ladinisch (Südtirol)

Dolomitenladinisch ist eine Gruppe romanischer Dialekte, die in mehreren Tälern Oberitaliens gesprochen wird. „Ladinisch ist als Minderheitensprache anerkannt, obwohl sie von etwa 30.000 Menschen gesprochen wird“, so der Sprachwissenschafter Kienpointner. Fast alle der 30.000 Ladinisch-Sprecher seien zweisprachig, weshalb die Sprache in Unterricht, Medien und als

Amtsprache Platz hat.

Resígaro (Peru)

Resígaro stammt aus dem kolumbianisch-peruanischen Regenwald. Vor Kurzem gab es noch eine Mutter und deren beide Kinder, die die Sprache benutzten. Mutter und Tochter sind inzwischen verstorben, einzig der Sohn lebt noch. Er ist der einzige Muttersprachler von Resígaro, kann sie aber mit niemandem sprechen. „Wenn dieser Mann stirbt, stirbt auch die Sprache mit ihm“, sagt Sprachforscher Frank Seifart.

Warlpiri (Australien)

Ein Stamm der Aborigines in Zentral¬australien hat Warlpiri als Muttersprache. Im Gegensatz zu vielen anderen australischen Sprachen ist Warlpiri bislang „nur“ gefährdet, da es bis heute noch etwa 3000 Menschen sprechen. Diesen Zustand verdankt die Sprache vor allem der Tatsache, dass die Warlpiri in den entlegensten und trockensten Gebieten Australiens leben und der Einfluss von Englisch gering ist.

!Xóõ (Botswana)

Taa oder !Xóõ zeichnet sich durch ein ausgesprochen großes Lautinventar aus: 159 Phoneme, von denen 83 Schnalz- und Klicklaute sind – ein weltweiter Rekord. Taa wird von rund 3000 Menschen in Botswana und 200 weiteren in Namibia gesprochen. Die Menschen, die !Xóõ sprechen, heißen !Xoon. „Taa“ ist das Wort für „Mensch“.

Na’vi

Na’vi wird von den Einwohnersn des Mondes Pandora im Film „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ gesprochen. Sie wurde von dem US-amerikanischen Linguisten Paul Frommer eigens für diesen Film entwickelt. Der Auftrag: Die Sprache sollte schön klingen und für die Darsteller aussprechbar sein.

Dothraki

Die dothrakische Sprache ist eine konstruierte Sprache aus der Fernsehserie „Game of Thrones“. Sie wurde vom Linguisten David J. Peterson geschaffen. Bis September 2011 besaß Dothraki 3136 Wörter. Der Name „Khaleesi“ – hier auf dem Bild zu sehen – heißt übersetzt „Frau eines Herrschers“.

Sindarin

Neben Quenya gehört Sindarin zu den bekanntesten fiktionalen Sprachen, die der britische Autor J. R. R. Tolkien in „Herr der Ringe“ verwendet. Sie werden von den in Mittelerde lebenden Elben gesprochen. Beispiel: „Ae Adar nín i vi Menel“ bedeutet „Oh Vater unser, der

ist im Himmel“.

Klingonisch

Der US-amerikanische Lunguist Marc Okrand schaffte 1984 die klingonische Sprache für eine außerirdische Spezies im Star-Trek-Universum. Fans der Serie, aber auch Sprachforscher sprechen aktiv Klingonisch. Das „Klingon Language Institute“ beschäftigt sich mit der Erhaltung der Sprache.

Huttisch

Huttisch ist eine weit in der „Star Wars“-Galaxis verbreitete Sprache, die hauptsächlich von den Hutten gesprochen wird. Der wohl bekannteste Hutte ist Jabba Desilijic Tiure. Beispiele: „Achuta“ = „Hallo“, „Echuta“ = „Hau ab!“, „Inkabunga“ = „Unglaublich“, „Bongo“ = „Schulter“, „Me Chewz ku“ = „Auf Wiedersehen“.




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