Letztes Update am So, 08.07.2018 09:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Huemer: „Das hat mich wie ein Blitzschlag getroffen“

Österreichs Schmetterlingsexperte Nummer 1, Peter Huemer, erklärt, wie Bauern und Gartenbesitzer den Tieren helfen können und was Hinterseers Haare mit Flügeln zu tun haben.

© Rudy De MoorPeter Huemer ist gebürtiger Vorarlberger, er kam als junger Forscher nach einem Studienaufenthalt im British Museum in London 1987 ans Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. Dort ist er Herr über eine Insektensammlung mit mehr als zwei Millionen Exemplaren.



Sie haben einmal Hansi Hinterseer mit einem Schmetterling ver­glichen. Wie ist das denn passiert?

Das war, als wir Aufnahmen für eine TV-Produktion machten. Im Drehbuch stand, dass der Hansi mich fragen soll, ob ein Schmetterling stirbt, wenn man die Flügel berührt und das Tier Schuppen verliert. Ich hab ihn angeschaut und gemeint: „Nein Hansi, das wäre so, als würden dir die Haare ausgehen. Das wäre zwar schade, aber sterben müsstest du nicht.“ Da hat er lauthals gelacht. Schuppen sind umgebildete Haare, die nicht lebensnotwendig sind. Wichtig ist, dass man den Flügel nicht bricht. Ich empfehle Eltern, den Kindern nicht zu verbieten, die Tiere anzugreifen.

Interessieren sich Kinder heutzutage weniger für Insekten?

Leider zählen Insektenforscher zu einem Berufskreis, der vom Aussterben bedroht ist. Es gibt kaum Nachwuchs. Das hängt damit zusammen, dass Eltern ihre Kinder lieber mit Handys versorgen oder irgendwelche Löwenfilme anschauen lassen, dafür ist die einheimische Natur nicht mehr präsent. Aber wenn man nicht mehr weiß, was man schützen soll, hat der Naturschutz verloren. Dabei wäre es in Tirol erlaubt, geschützte Arten mit nach Hause zu nehmen. In anderen Bundesländern ist das verboten, dort kann man etwa im Unterricht das faszinierende Phänomen der Metamorphose, dieser Verwandlung von Raupe zu Puppe zu Falter, was etwas vom Wunderbarsten in der Natur ist, nicht zeigen.

Können Sie sich an Ihren ersten Schmetterling erinnern?

Ja, mit sieben habe ich einen schlafenden Bläuling gefunden. Das hat mich wie ein Blitzschlag getroffen, wie eine spontane Liebe. Ich war gefesselt. Heute sammelt man kaum mehr Schmetterlinge, nur noch Informationen.

Als Forscher müssen Sie manchmal Tiere töten. Tut Ihnen das leid?

Für korrekte Bestimmungen oder genetische Analysen braucht es hin und wieder Laboruntersuchungen. Letztendlich opfere ich ein Tier, aber der Nutzen für die Art ist größer. Ich bin auch kein militanter Tierschützer, vor allem sehe ich auch das Vermehrungspotenzial von Insekten. Es ist etwas ganz anderes, als wenn man ein Wirbeltier tötet.

Sie sind am Report „Ausgeflattert. Der stille Tod der österreichischen Schmetterlinge“ maßgeblich betei­ligt. Was gefährdet die Tiere?

Eines der gravierenden Probleme ist z. B. die Lichtverschmutzung. Nach neuen Studien weiß man, dass selbst LED-Licht doch negative Auswirkungen hat. Schmetterlinge fliegen im Bereich der Leuchten höher und haben eine 30 bis 40 Prozent geringere Bestäubungsleistung. Jeder Eingriff des Menschen in die Natur fordert eben seine Opfer. Wir können nur versuchen – wie bei LED –, Kompromisse zu finden. Es muss nicht jeder Radweg zwischen Gemeinde A und B beleuchtet sein. Ein weiteres Problem ist die Versiegelung, wir sind Europameister im Bodenverbrauch. Ich zitiere dabei gerne einen Satz: Es gibt keine einzige Schmetterlingsart, die als Raupe Beton frisst.

Sie prangern im Report auch die intensive landwirtschaftliche Nutzung in Tirol an. Warum schadet das dem Schmetterling?

Früher wurde nur ein- bis zweimal pro Jahr Gülle ausgebracht, jetzt manchmal schon alle sechs Wochen. Das heißt, eine zweimähdige Wiese wird inzwischen fünf-, sechsmal gemäht und ist völlig verarmt. Die Mahd ist ein gravierender Eingriff, man entfernt die Nahrung der Tiere, auch die Raupen und Puppen. Die Falter finden in der Wiese keine Raupenfutterpflanzen und keine Blüten zur Nektaraufnahme, sie legen keine Eier mehr ab. Sie verschwinden. Doch man kann gegensteuern, in dem man versucht, ein kleinförmiges Mosaik an unterschiedlich genutzten Lebensräumen zu gestalten. Der Bauer muss nicht jeden Halm mähen, die Gülle nicht überall bis zum Waldrand hinspritzen, einfach mal etwas stehen lassen und auf Profit verzichten.

Im Kampf um Profit werden die Tiere kaum eine Chance haben.

Das ist zu kurz gedacht. Man geht davon aus, dass allein in Europa die Bestäubungsleistung 12 Milliarden Euro pro Jahr kosten würde. Ein anderes Beispiel: Ich rotte ein Insekt aus, das keinen Nutzen hat, und dann wird eine Art eingeschleppt, die enormen Schaden in der Landwirtschaft verursacht. Und genau dieses ausgerottete Insekt hätte das Potenzial gehabt, die eingeschleppte Art aufzuhalten. Wir spielen mit dem Feuer, wenn wir permanent aus einem riesigen Mosaik Steinchen herausnehmen, ohne zu wissen, was die Zukunft bringt.

Wie kann der normale Hausbesitzer mithelfen?

Wenn jemand unbedingt einen englischen Rasen will, o. k., aber er muss sich bewusst sein, dass das eine Wüste ist. Der Mähroboter muss ja nicht ins letzte Eck fah­ren, man kann Blühstreifen am Rand lassen. Sehr viele Menschen müssten das machen. Mit vielen Kleinigkeiten erreicht man Großes.

Es gibt bereits Regionen in Österreich, etwa das Marchfeld, wo keine Schmetterlinge mehr zu finden sind. Ist Tirol noch ein gutes Plätzchen?

Ja, aber es wird schon weniger, im Inntal zum Beispiel. Stellen Sie sich vor, sie kommen als Urlauber nach Tirol in die Berge und sehen massenhaft Schmetterlinge herumfliegen, das müsste für den Tourismus ein schlagendes Argument sein. Es gibt noch solche Lebensräume, im Kühtai zum Beispiel, das sind regional paradiesische Zustände.

Haben Sie einen Lieblingsort?

Im Moment ist es Farst in Umhausen. Man nennt diese kleine Parzelle den Adlerhorst Tirols. Meines Wissens hat man die Kinder beim Heuen früher angebunden, damit sie nicht runterfallen. Dort ist es traumhaft, eine Kombination aus Siedlungsraum und wilder Natur, die vom Menschen kaum beeinflusst wird. Da sitze ich in der Nacht und zähle bereits vor Mitternacht mehr als 200 Schmetterlingsarten.

Wie viele Arten haben Sie bereits beschrieben?

Das müssten an die 150 Arten sein. Die genetischen Untersuchungen, die wir seit einigen Jahren machen, sind dabei ein Quantensprung.

Es gibt den Kaisermantel, den Admiral, den Fuchs und viele Bären – wie kommt man zu solchen Namen?

Das kommt wegen der Merkmale. Wenn etwa der „Bär“ im Namen vorkommt, dann weil die Raupen stark behaart sind. Ein besonderer Bär ist übrigens der Matterhornbärenspinner, der ein einziges Vorkommen im hintersten Ötztal hat. Der ist mit großer Wahrscheinlichkeit die erste Schmetterlingsart, die aufgrund der Klimaerwärmung aussterben wird. Der hat wahrscheinlich die letzte Eiszeit überdauert, lebt auf 3100 Metern, hat aber keine Möglichkeit mehr, nach oben auszuweichen.

Dürfen Sie die Namen als Beschreiber selbst bestimmen?

Ja, einen Schmetterling habe ich nach meiner Frau, einen nach meiner Tochter benannt: Phtheochroa ingridae und Phtheochroa annae. Passenderweise sind beide von derselben Gattung.

Das Interview führte Matthias Christler




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