Letztes Update am So, 08.07.2018 09:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Höhenangst

Ein tiefer Abgrund? Und wenn schon!

Tirol, Land der Berge. Was für ein Genuss, hier zu wandern. Außer natürlich man leidet an Höhenangst. Doch keine Sorge, die lässt sich therapieren.

© iStock(Symbolfoto)



Von Judith Sam

Die 90-minütige Wanderung auf die Tuftl Alm bei Lermoos war keine große Herausforderung. Die Vorfreude auf die Aussichtsplattform auf 1486 Metern hat die Urlauber angespornt. Noch schnell den Hund an einem Baum angeleint, schon geht das erste Ehepaar über den knapp fünf Meter langen Gitterboden zur Plattform, die auf einer Säule Dutzende Meter über dem Talkessel thront. Das zweite Pärchen hadert. Obwohl die Plattform nicht schwankt, das Geländer hoch ist und alles sehr sicher wirkt, trauen sie sich nicht, das Gitter zu betreten. „Mir ist das zu hoch“, sagt der Mann entschuldigend.

Klarer Ausschlussgrund

Peter Veider, Geschäftsführer der Tiroler Bergrettung, überrascht diese Reaktion nicht: „Schon eine Höhe von wenigen Metern kann für jemanden, der an Höhenangst leidet, unüberwindbar sein. Ich erlebe das sogar manchmal bei der Aufnahmeprüfung zum Bergretter.“ Bei einer Übung müssen sich die Kandidaten über eine steile Felsstufe abseilen: „Da sieht man sofort, ob jemand an Höhenangst leidet – was ein klarer Ausschlussgrund ist.“ Man stelle sich nur einen Bergretter vor, dem man an exponierten Stellen gut zureden oder die Hand reichen muss. Undenkbar!

„Rund ein Drittel der Österreicher leidet an Angststörungen. Dabei ist Höhenangst – noch vor der Furcht vor Spinnen und Flugangst – die am weitesten verbreitete“, weiß Christian Dingemann.

Der Psychologe des Wiener Phobiezentrums Phobius unterscheidet zwischen angeborener Angst und Phobie: „Erstere ist sinnvoll, weil sie uns vor Gefahren schützt. Laut einer aktuellen Studie des Münchner Max-Planck-Instituts reagieren bereits zehn Tage alte Säuglinge abwehrend auf Spinnen und Höhe.“ Eine Phobie hingegen beeinträchtige die Lebensqualität: „Wenn man keine kleine Leiter mehr erklimmen kann, um eine Glühbirne zu tauschen, oder vor dem Wandern akribisch planen muss, um nicht von Höhen überrascht zu werden. Wie viel Spaß macht eine Wanderung, wenn man vor Angst auf allen Vieren den Berg hinabkrabbelt?“

Drei bis fünf Prozent der Tiroler seien von Höhenangst betroffen. „Für sie ist jeder schwarz eingestufte Bergweg eine potenzielle Gefahr“, warnt Veider. Den Hinweis „Schwindelfreiheit erforderlich“ sollten sie unbedingt ernst nehmen, auch wenn der Weg beim Einstieg ungefährlich wirkt: „Ich kann nicht sagen, wie viele Einsätze wir wegen nicht schwindelfreier Sportler machen, weil diese Ursache in den Statistiken nicht separat geführt wird, aber es kommt erstaunlich oft vor.“

Manchmal liegt der Höhenangst ein traumatisches Ereignis zugrunde – wenn man beim Klettern etwa ins Seil gestürzt ist. „Meist entwickelt sie sich aber über Jahre hinweg“, sagt Psychologe Dingemann. Ein Beispiel: Bei Männern beginnt der Abbau des „Machohormons“ Testosteron im Alter von rund 25 Jahren – je weniger Testosteron, desto weniger risikobereit: „Dazu kommt eine Risikovermeidung, weil man Verantwortung für Familie und Job hat. Man setzt sich über Jahre hinweg immer weniger gefährlichen Situationen aus und gewöhnt sich daran. Dann wundert sich der Familienvater Mitte 40, warum er Angst vor Höhe entwickelt hat, wo er doch als Kind auf jeden Baum geklettert ist.“

Die Angst ist therapierbar

Doch genug der Hiobsbotschaften. Die so genannte Akrophobie ist therapierbar: „In drei Schritten: Wissensaufbau, Erlernen von Angstbewältigungs-strategien und Konfrontation.“

Früher „therapierte“ man noch, indem man Höhenängstliche auf einen hohen Turm stellte oder sie Bungee springen ließ. Zwei viel zu rigorose Strategien, die teils die Angst sogar intensivierten. Auch von Medikamenten zur Angstbekämpfung hält der Wiener wenig: „Es gibt die Theorie, dass die Gabe des Stresshormons Cortisol den Therapieerfolg verbessert. Bezweifle ich. Trainiert man eine Situation mithilfe von Medikamenten, wird man sie zwar meistern, aber immer nur, solange man die Medikamente einnimmt.“

Vielmehr geht es laut Veider darum zu lernen, mit der Angst umzugehen. Dazu brauche es viel Geduld, Übung und positive Erfahrungen in der Natur. Wo ließe sich also besser gegen die Höhenangst ankämpfen als in Tirol, dem Land der Berge?

Tipps gegen die Angst

Nicht vermeiden. Je öfter man etwas ausübt, desto eher gewöhnt man sich daran. Wer stressige Situationen ständig umgeht, wird noch ängstlicher.

Sichern.

Reagiert der Wanderpartner plötzlich mit Höhenangst, sollte man ihm nicht nur gut zureden, sondern vor allem sichern, sodass er weiß, dass er nicht abstürzen kann.

Rechtzeitig reagieren.

Schon bei leichter Unruhe innehalten. Ist die Panik da, wird es schwieriger, ihr zu begegnen. Anhalten. Beruhigen. Auf einen Fixpunkt blicken. Geduld wahren. Den Ängstlichen mit Humor ablenken. Möglichst entspannt atmen. Arme und Beine ausschütteln und jeweils den nächsten Schritt laut vorsagen.

Lernen,

dass der Körper bei Angst mehr Adrenalin ausschüttet, die Atmung intensiver wird, die Hände schwitzen und das Herz stärker pumpt. Zeitgleich entscheidet das Gehirn, was zu tun ist. Merkt es, dass die Situation gar nicht so gefährlich ist, lassen die Panikgedanken mit der Zeit nach und man entspannt.

Behutsam konfrontieren.

Vergegenwärtigen, ob die Gefahr überhaupt real ist. Man wird nicht vom nächsten Windstoß in den Abgrund geweht.

In kleinen Schritten üben,

sonst wird aus der Trainingseinheit eine Paniksituation. Lieber nur zwei Meter weit gehen als die ganze Strecke, aber die kurze Strecke mit gutem Gefühl.




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