Letztes Update am Fr, 20.07.2018 12:41

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Loch Ness

Seeungeheuer Nessie ist wieder einmal aufgetaucht

Ein Forscherteam sucht im Wasser von Loch Ness nach DNA-Spuren des Seeungeheuers. Warum Yeti, Tatzelwurm und Blutschink unsterblich sind.

© iStockKonrad Fiedler: "Mit Nessie ist es wie mit Berichten von Marienerscheinungen. Man kann das glauben oder bleiben lassen."



Von Theresa Mair

Den Biodiversitätsforscher Konrad Fiedler von der Uni Wien überrascht es nicht, dass auf diesen Seiten eine Nessie-Geschichte abgedruckt ist. Seit Jahren beobachtet er, dass in den Sommermonaten der Hype um das Seeungeheuer, das in Loch Ness in Schottland wohnen soll, wieder aufflammt. Seines Erachtens treiben dort nur Geschäftemacher ihr Unwesen, die in den Ferien den Mythos wieder auftauchen lassen.

Und siehe da, im Juli 2018 geis­tert eine Nessie-Meldung durch die Agenturen. Demnach plant ein internationales Forscherteam, anhand von 300 Wasserproben aus dem See das Rätsel um Nessie „mit kühlem Kopf“ zu lösen. Sie wollen darin DNA-Spuren von Lebewesen nachweisen – und erhoffen sich, „ganz nebenbei“, Spuren zu finden, die auf eine „reale Grundlage für die Legende vom Ungeheuer“ hindeutet, heißt es. „Große Fische wie Wels und Stör wurden als mögliche Erklärungen für den Monstermythos vorgeschlagen und wir können diese Idee und andere sehr gut testen“, lässt sich Projektleiter Neil Gemmell in diversen Meldungen zitieren.

Richtige Methode, falsches Ziel

Genetische Spuren aus der Umwelt, so genannte eDNA (environmental DNA), zu untersuchen, ist eine ernstzunehmende Methode, um neuen Arten auf die Spur zu kommen, ordnet Fiedler das Vorgehen ein. „Das wird in der Fischökologie sehr regelhaft gemacht, etwa um herauszufinden, ob Fische wie die Huchen zum Laichen in einem bestimmten Fluss waren, ohne dass man sie dort gesichtet hat“, erklärt er.

Damit eDNA zielführend eingesetzt werden kann, brauche man aber Vergleichsspuren, z. B. eine Schuppe aus dem Museum. Man muss daher genau wissen, wonach man sucht. „Es gibt keine handfesten Hinweise, dass es Nessie gibt. Wonach soll man also suchen?“, fragt Fiedler amüsiert.

Wenn man in Loch Ness DNA-Nachweise eines Wels findet, weiß man, dass dort einmal ein solcher Fisch gelebt hat, aber nicht, ob Nessie einer ist. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sei es also völlige Zeitverschwendung und schade um das Geld, wenn man nach dem Seeungeheuer weitersucht, urteilt Fiedler. Er vergleicht Nessie-Sichtungen mit Berichten von Marien­erscheinungen. „Man kann das glauben oder bleiben lassen.“

So seriös eDNA ist, so unseriös sei die Kryptozoologie – ein pseudowissenschaftliches Fach, in dem sich Hobbyforscher mit dem Ziel versammeln, die Existenz mythologischer Tiere nachzuweisen. „Das alles basiert auf wilden Spekulationen, manipulierten Fotos und ­eigenartigen Beobachtungen.“

Dies gelte für Nessie genauso wie für den Yeti, Bigfoot, den Tatzelwurm im bayerischen Schliersee-Gebiet und den Wolpertinger, wobei von Letzterem – einem gehörnten Hasen mit Flügeln – wohl nie jemand ernsthaft die Fährte aufgenommen hat.

Das Unerklärliche erklären

Anders verhält es sich mit dem Yeti. „Skurrilerweise gibt es Fossilien von einigen riesigen Menschenaffen. Die haben vor einigen Millionen Jahren in Südostasien gelebt und sind sicher nicht in die Schneeregion am Himalaya gezogen“, sagt Fiedler. Sämtliche Haarbüschel, die für die Existenz des Yeti ins Treffen geführt worden sind, seien an den Haaren herbeigezogen und stammen von Bären oder Yaks. „Selbst Reinhold Messner hat sich bekehren lassen und eingesehen, dass das Bären sind.“ Vielleicht ist die Bergsteiger-Legende bei seiner Yeti-Sichtung einer Sinnestäuschung erlegen.

Davon geht der Erzählforscher Ingo Schneider vom Institut für europäische Ethnologie in Innsbruck aus. Menschen hätten immer schon versucht, das, was mit dem Verstand für sie unbegreiflich war, z. B. Wetterphänomene, mit heute Irrationalem zu erklären.

Sensations- und Angstlust trage ihren Teil zur Faszination bei, die Monster ausüben. Häufig müssten diese auch für zweifelhafte Erziehungsmaßnahmen herhalten. Der Blutschink, der seinen Namen dem vor Blut triefenden Hinterteil zu verdanken hat, ist von Tirol bis Kärnten als Seemonster bekannt. Er soll Kinder, die sich zu nah ans Wasser wagen, in die Tiefe ziehen.

In Wahrheit hat der Blutschink nur Schuld an Albträumen.