Letztes Update am Di, 24.07.2018 15:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Eichhörnchen: In Rietz werden die schüchternen Waldtiere gezüchtet

„Oachkatzlschwoaf“ kann Rudolf Haselwanter aus dem Effeff. Der Rietzer züchtet Eichhörnchen. Diesen Sommer sollte Schluss sein, wären die Nager nicht so putzig.

© TT/Rudy De MoorRudolf Haselwanter aus Rietz ist Herr über die Eichhörnchen.



Von Deborah Darnhofer

Bei der kleinsten Bewegung am Waldboden flitzen Eichhörnchen davon, huschen auf den nächstgelegenen Baum und springen von Ast zu Ast. Daran können sich Kinder und Erwachsene nicht sattsehen. Vor allem am Lanser und Seefelder See tummeln sich Tiere wie menschliche Beobachter.

Hier in Rietz ist es anders, kein Wald in Sicht und doch ein Spektakel. Bequem vom Gartenstuhl aus lassen sich die putzigen Nager beobachten. Davonlaufen können sie aber nicht, werden sie doch von Rudolf Haselwanter in zwei großen Volieren gehalten. Bei einem kleinen Schritt in ihre Richtung drehen sie sich um, klettern den Käfig hoch und blicken einen mit ihren kleinen Knopfaugen kurz an. In der nächsten Sekunde sind sie schon wieder verschwunden.

Haselwanter und Partnerin Evi Hammerl hegen und pflegen die Tiere in selbstgebauten Volieren.
- TT/Rudy De Moor

Vor acht Jahren hat der 74-Jährige begonnen, Eichhörnchen zu züchten. Am Seefelder See war er einst trotz eines Säckchens voll Nüsse erfolglos, keines ließ sich blicken. Nun toben in seinem Holzschuppen hinter dem gepflegten Rasen fünf Tierchen. Ein Dutzend waren es zu Spitzenzeiten. Zur aktivsten Zeit am Vormittag klettern sie die Gitter hoch, knabbern Nüsse und spulen Kilometer für Kilometer in selbst gebauten großen Laufrädern ab. „So können sie Richtung Telfs oder Stams radeln“, schmunzelt Haselwanter, der ihnen ab und an auch frische Äste „zur Gaudi“ ins Gehege legt. Nach 11 Uhr sind sie dann schüchterner, „halten Siesta“, wie es ihr Ziehvater nennt, und verstecken sich im Bau.

Eigentlich wollte er nach diesem Sommer die Zucht auflösen und Urlaub machen. Doch er kann sich nicht von seinen Lieblingen trennen und möchte zumindest ein Pärchen behalten. „Sie sind mir ans Herz gewachsen. Als Kleintiere sind Eichhörnchen das Schönste“, schwärmt der tierliebende Pensionist und blickt auf seine Nager.

„Ich weiß gar nicht mehr, wie ich draufgekommen bin. Schon seit meiner Kindheit habe ich vom Fuchs bis zur Elster viele Wildtiere gehalten, auch ein Frettchen hatte ich einmal.“ Bevor Tierschützer aufschreien: Haselwanters Eichhörnchenzucht ist behördlich genehmigt. Große Baumstämme, mehrere Ebenen, Unterschlupf- und Beschäftigungsmöglichkei­ten lassen wohl keinen Lagerkoller in den Käfigen aufkommen.

Die Eichhörnchen sind am Vormittag am aktivsten.
- TT/Rudy De Moor

Die ca. 300 Gramm leichten Tiere kommen auch nicht aus der Wildnis. Sie stammen von einigen wenigen Züchtern in Ostösterreich oder Deutschland, mit denen sich Haselwanter austauscht. Weibchen bekommen zwischen Jänner und August zweimal Nachwuchs.

Draußen im Wald werden die Tiere bis zu drei Jahre alt, im Käfig können es zehn bis zwölf werden. Um Inzucht und Platzprobleme zu vermeiden, verkauft der Rietzer seine Tiere ab und an – um 55 bis 90 Euro, je nach Farbe. Während wildlebende Europäische Eichhörnchen bis auf ihr weißes Bäuchlein ein schwarzes, braunes oder rotes Fell haben, können gezüchtete Exemplare – wie in Haselwanters Gehege – braun-schwarz-gefleckt oder sogar schneeweiß sein. In der Natur wäre das undenkbar. Dorthin kommen die Zuchttiere auch nicht, Auswildern ist kein Thema.

„Die Eichkatzerln hier können im Wald gar nicht überleben. Sie sind von Geburt an Futter gewöhnt“, erklärt der Pensionist, der die Futtersuche für die Tiere bereitwillig übernimmt.

Die Futtersuche fällt aus

Einmal täglich bekommen sie eine Mischung aus Kernen, Nüssen, Getreideflocken, Mehlwürmern, Trockenfrüchten und Gemüsestücken – Gurken seien ihr Favorit.

„Ich bin so tierlieb und knacke ihnen sogar die Nüsse.“ Stress kommt bei den verwöhnten Rietzer Nagern wohl gar nicht auf. Ihre wildlebenden Kollegen erleben in Tirol ebenfalls entspannte Zeiten. Sie sind nicht gefährdet, berichtet Carsten Löb vom Naturschutzbund Tirol. Die Größe der Population richte sich nach dem Nahrungsangebot, das in Tirols Wäldern ein reiches ist. Eichhörnchen gibt es daher zur Genüge. Anders sieht es in Italien und Großbritannien aus. In Parks werden dort die Europäischen Eichhörnchen von aus Nordamerika eingeschleppten Grauhörnchen bedrängt. So stark, dass in den Ländern Abschüsse diskutiert werden. Von Süden nach Tirol sind die Grauhörnchen aber nicht vorgedrungen, versichert Löb.

In Rietz wird hingegen höchs­tens die Jagd auf das beste Foto eröffnet. Trotz der Nähe zum Menschen sind die Eichhörnchen nämlich alles andere als handzahm. „Streicheln oder In-der-Hand-Halten ist nicht drin. Futter nehmen sie, das war’s aber schon“, schildert Haselwanter. Auch so hat er Freude am wilden Leben in seinem beschaulichen Garten. So sehr, dass er sich einen weiteren Mitbewohner vorstellen könnte: einen Waschbären.