Letztes Update am Mo, 30.07.2018 08:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Freundschaft

Feinpflege für die Freunde

Tröster, Abenteurer, Unterhalter, Wegbegleiter: Freunde können so vieles sein, vor allem aber sind sie einzigartig, immer seltener und wahre Schätze. Eine Pflegeanleitung zum morgigen Tag der Freundschaft.

© iStock(Symbolfoto)



Von Deborah Darnhofer

Sie kommen und gehen, teilen und teilen aus, sind Tröster, Unterhalter, Mahner und Abenteurer. Freunde schaffen so einiges und sind – wem das Bild gefällt – wie Taschenmesser: im bes­ten Fall immer in der Nähe und einsatzbereit. Für jede Lebenslage haben sie ein passendes Mittel parat. Sie vertreiben im Handumdrehen Einsamkeit, Langeweile und schlechte Laune, bringen Ablenkung, Freude sowie Trost.

Schenkt man diversen internationalen Studien Glauben, dann sind Freunde – ein weiteres Bild darf es hoffentlich sein – wie eine Schachtel nützlicher Medikamente. Sie sollen zufrieden und gesund machen, den Stresspegel senken, das Selbstwertgefühl erhöhen, den Blutdruck senken, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen mindern. Eine Langzeitstudie aus den USA will gar gezeigt haben, dass Freunde das Leben verlängern.

Seltene Schätze geworden

Freunde sind also allerhand und doch seltene Schätze geworden. Mehrere Studienautoren gehen davon aus, dass ein Mensch lediglich fünf enge Freunde habe, manche sprechen gar nur von zweien oder dreien, denen wir unser ganzes Seelenleben anvertrauen.

Und das, obwohl fast jeder zig Anhänger im Internet oder Bekanntschaften im eigenen Umkreis hat, die man „vom Sehen“ kennt. Ein „Follower“ oder Bekannter ist aber eben kein echter Freund. Die schnelllebige und digitale Welt kann zwar helfen, freundschaftliche Bande zu knüpfen. Für die Begegnung in der realen Welt braucht es aber ein ganzes Flechtwerk aus Zeit, Respekt, Achtung, Ehrlichkeit und Rücksichtnahme, wie die Tiroler Psychotherapeuten und Lebensberater Sabine Sandbichler aus Imst und Reinhard Pfandl aus Landeck wissen.

„Echte Freunde sind weniger geworden, weil durch die Schnell­lebigkeit weniger Zeit für sie bleibt. Man schickt schnell eine Nachricht übers Handy, aber der persönliche Bezug zueinander geht verloren. Freundschaft kann nie nur digital ablaufen“, erklärt Sandbichler.

Die Psychotherapeutin in Ausbildung findet, dass es nicht viele Freunde braucht: „Aber mit denen sollte man sich persönlich treffen.“ Ein getipptes „Hallo, wie geht’s?“ könne die Stunde im Kaffeehaus oder den gemeinsamen Ausflug niemals ersetzen.

Freundschaft müsse es wert sein, Zeit zu investieren, bringt es die Imsterin auf den Punkt. Das bedeute aber nicht, dass sich Freunde dauernd begegnen müssen. Eine gute Verbindung vertrage Pausen, schließlich sei der Lebenszyklus eines jeden Menschen ein anderer. Die anderen Lebensumstände sind übrigens auch ein Grund, warum manche Freundschaften aufhören.

Freunde sind Gleichgesinnte

Gleich und gleich gesellt sich gern, heißt es nicht nur, sondern stimmt laut Wissenschaftern wirklich. Personen mit ähnlichen Lebens- und Überzeugungsweisen stehen sich näher als Menschen, die verschieden sind. Eine österreichische Umfrage aus dem Jahr 2015 zeigt, dass den Befragten Ähnlichkeiten besonders wichtig sind. Gleiche Interessen, Hobbys und Humor (44 Prozent), Werthaltungen (36 %) und Freizeitbeschäftigungen (27 %) sind ihnen im Freundeskreis „sehr wichtig“.

„Unterschiede können aber befruchtend sein“, gibt Psychologe Reinhard Pfandl zu bedenken. „Auch wenn man viele Gemeinsamkeiten hat, dürfen Unterschiedlichkeiten da sein und sollen geschätzt werden. Es erschließen sich dadurch andere Welten. Freunde müssen ein Gegenüber, dürfen ein Gegenpol sein.“ Es brauche zeitweise Spannungen, Überraschungen und manchmal auch Reibungen.

Eine kritische Haltung zum Gegenüber darf angebracht sein, findet er. Dadurch setzen sich Kameraden miteinander auseinander. Gegenseitige Wertschätzung ist dabei allerdings Grundvoraussetzung.

„Es gilt, die Einzigartigkeit des Freundes zu erkennen und zu schätzen“, fordert Pfandl. Dazu passt eine Studie aus Tacoma (Washington): Das Gefühl, vom Freund in der eigenen Identität anerkannt und bestätigt zu werden, macht Menschen zu echten Freunden, fand diese heraus.

Die Wertschätzung füreinander gehe im Alltag aber oft unter, ergänzt Sandbichler. Freunden schade es daher nicht, über ihre Beziehung zu reflektieren und „öfter mal Danke zu sagen“. Der morgige Tag der Freundschaft ist dafür sicher ein guter Anlass, muss es aber nicht sein.

Er wurde von den Vereinten Nationen am 27. Juli 2011 lediglich initiiert, um auf die Bedeutung der Freundschaft aufmerksam zu machen. Sie kann Verbindungen herstellen, wo es bislang keine gegeben hat, Hindernisse überwinden und über Unterschiede hinweg Gemeinsamkeiten schaffen.

Vertrauen und Verstehen

„Freundschaften sind Begegnungen, die auf Vertrauen und Verstehen basieren und die sich über die Zeit entwickeln“, beschreibt es Sandbichler. Die Beziehungen sind dabei unterschiedlich gestaltet, gibt es doch viele Formen – enge und lose oder freizeit- und emotionsbezogene. Während Männer eher miteinander etwas unternehmen, wollen sich Frauen mehr austauschen, attestiert Pfandl.

Der Austausch über Persönliches wäre aber auch bei den Freizeit-Abenteurern angesagt, schickt er nach. Lose Freundschaften, die gemeinsame Unternehmungen zum Ziel haben, können auch guttun, „weil sie einen aus dem Alltagstrott herausholen. Miteinander lachen ist auch wichtig, denn Humor verbindet und belebt“, erklärt Sandbichler. Die Mischung mache es aus. Einen Ideal- Typus von Freundschaft gibt es nicht.

Das Verhältnis zueinander sollte stimmen. Freundschaften seien häufig aber „eher unausgeglichen“, meint die Beziehungs­expertin. Entweder mimt einer den Clown, während sich der andere aufheitern lässt. Einer gibt bereitwillig die starke Schulter, während sich der andere anlehnt.

Einer schlägt dauernd Ausflüge vor, während der andere passiv bleibt. Das könne auf Dauer zu Frustration und Verlust der Freundschaft führen. Auch starke Schultern brauchen Erholung und Allein­unterhalter einmal Ablenkung. Darum sollten sich Freunde um Ausgeglichenheit bemühen und ihre Rollen tauschen.

So kann aus einem Abenteurer schnell ein Tröster werden – und umgekehrt.

6 Tipps für gute Freunde

Suche. Wer Freunde finden möchte, der sollte es über gleiche Interessen probieren, raten die Experten. Vereine, Veranstaltungen und Austauschgruppen ermöglichen Begegnungen. Auch die Belebung alter (Schul-)Freundschaften kann gelingen.

Anerkennung.

Für eine gute Beziehung soll der Freund für seine Eigenarten respektiert und geachtet werden. „Es gilt zu erkennen, was den anderen Menschen ausmacht und diese Einzigartigkeit zu schätzen“, erklärt Psychologe Reinhard Pfandl.

Vertrauen.

Für Psychotherapeutin Sabine Sandbichler ist die Basis von Freundschaft „Vertrauen und Verstehen“, die sich auf emotionaler Ebene abspielen. Im Denken, Fühlen und Handeln können Freunde durchaus unterschiedlich sein.

Veränderung.

Freundschaften und Freunde entwickeln sich im Laufe der Zeit, gibt Pfandl zu bedenken. Hier gilt es, offen für geänderte Überzeugungen, Lebenswege und -weisen zu sein. „Freunde sollen sich gegenseitig Entwicklung zugestehen.“

Kritik.

Freunde dürfen ihre eigene Meinung haben und das mit dem Gegenüber ehrlich teilen. „Wenn Vertrauen da ist, vertrage ich auch Kritik, weil ich weiß, dass es der Freund gut mit mir meint“, sagt Sandbichler. Freunde können als Korrektiv wirken.

Wertschätzung.

Freunde verdienen es, wertgeschätzt und gut behandelt zu werden, betonen die Psychotherapeuten. Zeit und Energie investieren, gut zuhören, auf Bedürfnisse achten und öfters Danke sagen seien wichtig, um Beziehungen zu erhalten.


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