Letztes Update am Mi, 01.08.2018 15:25

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tiroler Badeseen

Hechtsee: Stille Wasser gründen tief und fließen bis zur Grenze

Teil 3 der Serie „Tiroler Badeseen“ führt an den Hechtsee. Dort schwimmen die unzähligen Fische jeden Tag mit dem bekanntesten Hechtsee-Fan.

© TT/Julia HammerleEine spektakuläre Kulisse: Der Wilde und der Zahme Kaiser gucken hinter der Waldlandschaft des Hechtsees hervor.



Von Evelin Stark

„Oje, jetzt sind wir in Deutschland! Hat das Navi versagt?“ Der erste Ausflug im Leben zum Kufsteiner Hechtsee birgt, so scheint es, bereits vor der Ankunft ein paar Überraschungen in sich. Mangels ortskundigen Wissens vertraut man der Route des Smartphones, anstatt den Straßenschildern zu folgen und nahe der Autobahnabfahrt von Kufstein direkt zum Hechtsee zu fahren. Wir folgen stattdessen dem Weg durch das „Ausland“ Kiefersfelden, um dort irgendwann an einem Parkplatz zu landen. „Sie haben Ihr Ziel erreicht“, verkündet das Ding. Weit und breit kein See. Aber da kommt die Erleichterung: Ein Schild verspricht fünf Minuten Gehweg bis zum hart ersehnten Hechtsee. Glück gehabt!

Über eine Holzbrücke geht es einen Serpentinensteig entlang hinauf zum nördlichen See-Ende. Dort wird man bereits wenige Schritte vor dem Ziel von einem zarten Duft nach faulen Eiern empfangen. Der kommt aus einem Rohr, das neben dem Pfad in einen Bach führt. Wo sind wir denn hier gelandet? Abgesehen davon, dass sich hier, wenige Meter vom Nordufer des Sees entfernt, die deutsch-österreichische Grenze befindet.

Der Rundwanderweg bietet viel Schatten und Natur.
- TT/Julia Hammerle

Das andere Ende dieses Rohrs befindet sich weit in der Mitte des Sees und hat den Zweck, sauerstoffarmes Tiefenwasser abzuleiten. Der Geruch entstehe durch im Wasser enthaltene Schwefelwasserstoffverbindungen, erklärt eine Tafel.

Da der Hechtsee nämlich ab etwa 20 Metern Tiefe aus sauerstofflosem, schwefelwasserstoffhaltigem und zugleich nährstoffreichem Wasser besteht, wird dort seit den 1990er-Jahren Wasser aus der Tiefe durch dieses Rohr abgelassen. Damit gibt es mehr sauerstoffhaltiges Wasser für die Fische und Pflanzen zum Atmen.

Endlich am See angekommen, ist der Geruch bereits verflogen und es eröffnet sich der lang ersehnte Ausblick. Umgeben von Misch- und Nadelwäldern, die sich in dem türkis-grünen Gewässer spiegeln, erweckt der Hechtsee den Eindruck, als sei er vor ein paar Tagen erst entdeckt worden.

Weit und breit ist nichts zu sehen als Natur. Bis auf eine kleine Brücke, die über das Abflussrohr führt und dazu einlädt, die Vielfalt der Wasserbewohner zu bestaunen. Die reicht vom namensgebenden Hecht über Zander, Wels, Karpfen, Forelle, Saibling bis zum europaweit geschützten Edelkrebs.

Angeln und entspannen

„Wir haben neulich einen großen Edelkrebs im Magen eines Karpfen gefunden“, sagt Roman Durchner. Der 40-jährige Kufsteiner ist Mitglied des „Fischerstammtisches Hechtsee“. Gemeinsam mit Anglerfreund Christian Bramböck aus Kundl verbringt er gerade ein paar Tage am Hechtsee, um zu fischen und entspannen. Bei so viel Zeit am Wasser ist die geangelte Ausbeute natürlich fett. Dennoch: „Wir grillen heute Steak“, lacht Bramböck mit Blick auf seine Angel. Die Fische, die die beiden aus dem Wasser ziehen, würden sie sehr selten töten und essen. „Bei uns geht es mehr um den Sport und nicht darum, möglichst viele Tiere umzubringen“, so der Kundler.

Christian
 Bramböck (l.) und Roman Durchner (r.) machen Kurzurlaub.
- TT/Julia Hammerle

Deshalb seien sie sehr vorsichtig beim Herausziehen des Hakens aus dem Kiefer. Durchner ergänzt: „Es gibt viele Fische im See, die schon fünf- oder sechsmal gefangen wurden. Wir erkennen sie ja an ihrem Aussehen.“ Stattdessen kümmere sich der „Fischerstammtisch“ gemeinsam mit dem „Ersten Sportfischereiverein Kufstein“ um die Bewirtschaftung des Sees, sorge für genügend Artenvielfalt im Wasser und setze Seerosen an. Diese finden sich an den verschiedensten Stellen und erfreuen das Auge während der hügeligen Rundwanderung durch den lichtdurchfluteten Wald.

Auch Zivilisation gibt es

Am anderen Ende des Sees, also gegenüber unseres Ausgangspunktes, befindet sich die Badeanstalt des Hechtsees. Hier herrscht reges Leben. Kinderstimmen, Wasserplätschern und Schaukelgequietsche mischen sich in die meditative Stille des bisher bestrittenen Weges.

Das Strandbad bietet eine große Liegewiese mit etlichen Schattenplätzen, einen Spielplatz für die Kleinsten, einen angrenzenden Nichtschwimmerbereich und Wasservolleyball. Boote und Stand-up-Paddle-Bretter können gemietet und ins weite Wasser gelassen werden. Oberhalb des Badebereichs befindet sich übrigens der Parkplatz auf Kufsteiner Seite, den das Navi trotzig umfahren hat.

Das Restaurant „Seearena Hechtsee“ bietet ganzjährig warme Küche auf einer großzügigen Terrasse, die einen Panoramablick über den See und seine bergige Umgebung erlaubt. Arif Ugurlu führt seit vielen Jahren das Restaurant. Er bedient rastlos einen Tisch nach dem anderen und plaudert dennoch gern mit seinen Gästen. Sein Koch Johann Kaltenreiner aus Mariastein arbeitet hier zwar erst seit einem Jahr, kennt den See aber schon aus seiner Kindheit: „Ich mochte den Hechtsee immer schon als Ausflugsziel“, sagt er. Das Restaurant sei ein beliebter Treffpunkt vieler Kufsteiner, die das ganze Jahr hindurch das Essen und den Ausblick genießen. „Einen schöneren Arbeitsplatz kann ich mir nicht vorstellen“, sagt er.

Der berühmteste Hechtseer

Des einen Arbeitsplatz ist des anderen Fitnesscenter. Horst Karrer ist der wohl bekannteste Hechtsee-Fan. Der 41-jährige Physik- und Chemielehrer schwimmt jeden Tag einige Kilometer in seinem Lieblingsgewässer: „Das Schöne hier ist, dass die meisten Leute baden und nicht schwimmen“, lacht der Kufsteiner. So sei er nach wenigen Metern bereits allein im Wasser und könne so richtig gut abschalten.

Der Ganzjahresschwimmer – ja, auch im tiefsten Winter kommt er in seiner Mittagspause hierher, um ein paar Schwünge zu machen – sagt, er habe vor sechs Jahren mit dem Schwimmen begonnen, weil sein Körpergewicht für andere Sportarten wie Joggen oder Bergsteigen zu hoch war. Während der Schulzeit fahre er in jeder Mittagspause hinauf zum See, um seine üblichen drei bis vier Kilometer zu schwimmen – Kraulen, Rückenschwimmen und Delfin.

Horst Karrer schwimmt das ganze Jahr viele Kilometer durch den Hechtsee.
- TT/Julia Hammerle

Weil damit solche Glücksgefühle, wie er sie nach jedem Ausflug ins Wasser spürt, verbunden seien, motiviere ihn das jeden Tag aufs Neue, in das klare Wasser einzutauchen. Taucht er dann wieder auf, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass irgendwo jemand „Ja hallo, Horst!“ ruft. Kennen tut ihn nämlich tatsächlich fast jeder hier. Und er den See. „Viele bezeichnen den Hechtsee als Kraftort“, sagt er. Auch wenn der Wassersportler als Naturwissenschafter damit nichts anfangen könne, gibt er doch zu, dass auch er viel Kraft tanke.

Der Weg zurück zum „falschen“ Parkplatz führt übrigens vorbei an der „bayerischen Halbinsel“ zu einem beeindruckenden Ausblick hin zum Wilden Kaiser. Der hätte bestimmt auch noch eine Geschichte zum Hechtsee zu erzählen.

Steckbrief

Größe: 28,07 ha, 8,803.328 m³ Wasser

Tiefe: ca. 57 Meter

Länge, Breite: 750 m, 650 m

Besitzer: Gemeinde Kufstein

Temperatur: ca. 24 Grad

Liegeflächen: Badeanstalt im Osten des Sees, Wildbaden ist erlaubt

Eintritt: Erwachsene 4,50 €, Senioren 3 €, Kinder 2 €

Sportangebot: Wandern, Angeln, Bootsverleih (5 € pro halbe Stunde)

Attraktivität: 9 von 10 Punkten (außerhalb der Badeanstalt gibt es kaum Liegeflächen)




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