Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 11.08.2018


Freizeit

Sie nennen ihn Eisen-Hans: Sein Körper ist sein Geschäft

Robert Spindler ist professioneller Strongman und tritt das ganze Jahr mit seiner Show als Eisen-Hans auf. Ganz nebenbei hat er noch einen Doktortitel und macht Filme.



© Thomas Boehm / TTEisen-Hans hebt einen großen Stein von der Erde ...



Von Evelin Stark

Innsbruck – Es ist High Noon. Die Sonne steht hoch am Horizont, der Schweiß tropft von der Stirn. Ein Tor knirscht lautstark und eröffnet den Blick in eine andere Welt – in die des Eisen-Hans. Da steht er also, das Kraftpaket, umgeben von industriellen Containern und gestapelten Holzbrettern. Hätte er einen Grashalm zwischen den Zähnen und einen Lederhut auf, wäre sogar John Wayne verschreckt.

... verbiegt nebenbei ein Hufeisen ...
- Thomas Boehm / TT

Dabei ist Robert Spindler ganz ein Lieber. Sein erfundenes Alias, der Eisen-Hans, übrigens auch. Der 34-Jährige verdient sein Geld unter anderem mit seinem Körper. Er ist Schausteller von Beruf. Genauer gesagt macht er „Oldtime Strongman Acts“. Zu Deutsch: Kraftakrobatik. Heue­r feiert er Zehn-Jahre-Bühnenjubiläum.

Im zarten Alter von 13 Jahren begann der Schwarzenegger-Fan, der in Itter aufwuchs, mit Kraftsport und kann es seither nicht mehr lassen. „Eigentlich hat mich meine Mutter dazu gebracht. Ich kann mich erinnern, wie sie, als ich drei Jahre alt war, mit mir Strongman-Posen nachgeahmt hat“, erzählt Spindler. Vor 20 Jahren ging es dann so richtig los mit dem Gewichtestemmen, und das mit Erfolg: Spindler wurde österreichischer Jugendmeister im Bodybuilding und zweifacher österreichischer Staatsmeister im Kraftdreikampf. „Da gewinnt man nach Gewicht. 300 kg hab’ ich damals beim Kreuzheben geschafft“, erzählt Spindler.

... nimmt einen Tisch zwischen die Zähne ...
- Thomas Boehm / TT

Irgendwann war dann aber genug mit dem Wettkampf und es kam die glückliche Fügung: „Beim Training im Kraftraum sprach mich Walter Mooshammer vom Zirkus Meer an“, so Spindler. Der habe jemanden gesucht, um Akrobatik zu trainieren. Schwupps, landete Spindler in seinem Traum, dem Zirkus, und Eisen-Hans war geboren. „Walter ist mein Mentor. Er ist ein Allround-Genie und hat mir alles über den Beruf des Artisten beigebracht.“

Mit der Figur des Eisen-Hans kam die eigene Show, in der der Muskelmann das ganze Jahr über auftritt. Sein Programm ist inspiriert von den „starken Männern“ auf Jahrmärkten und in Varietés des frühen 20. Jahrhunderts. Und was macht der Eisen-Hans im Jetzt? Der verbiegt Hufeisen, zerreißt Kartenspiele, hebt Tische mit den Zähnen und Menschen mit den Händen.

... und hebt eine 70 kg schwere Hantel.
- Thomas Boehm / TT

Klingt nach Spaß, ist es aber nicht immer. „Hinter der ganzen Show steckt viel Arbeit“, so der Kraftmann. Als selbstständiger Artist müsse er alles auch selbst machen – Marketing, Verträge, Termine, Buchhaltung. Und das Wichtigste: „Jeder Teil der Show muss so gut geübt sein, dass er nicht schiefgehen kann.“ Man müsse den Beruf so ernst nehmen wie jeden anderen. Derzeit trainiere er „nur“ dreimal pro Woche, das sei fast zu wenig.

Und nein, es ist nicht so, dass Spindler nichts anderes kann. Er hat einen Doktortitel in Anglistik und Amerikanistik und ist an der Universität Innsbruck an verschiedenen Forschungsprojekten – u. a. zu seinem Lieblingsthema – beteiligt. Derzeit interessiere er sich besonders für die frühe Neuzeit: „Strongman-Shows gab es auch schon um 1700. Damals war es eher ein Privileg der Adeligen, stark zu sein“, erzählt er. Die erste schriftliche Quelle über ein verbogenes Hufeisen gebe es übrigens von Leonardo da Vinci, der es mit seiner bloßen Hand gemacht haben soll.

In seiner freien Zeit – also abseits des Bürojobs an der Uni und des Artistenjobs auf Mittelaltermärkten und Firmenfeiern – widmet sich der Vater einer 14-monatigen Tochter dem Filmemachen. Drehbuch, Regie, Produktion, Schauspiel, all das macht er. Die Vorstellungen seiner Westernfilme „Jack London’s To Build a Fire“ und „McFinnen und Wallace“ im Kino vor ein paar Jahren waren bestens besucht. Karl May sei ohnehin von jeher eine seiner Inspirationsquellen, so Spindler. Der wäre sicher mindestens so beeindruckt wie John Wayne.

Artist zu sein, sei nach wie vor das Wichtigste für ihn, wenn auch nicht immer das Einfachste: „Der Beruf ist schwierig, aber ein großes Privileg. Und die Entlohnung ist unmittelbar. Keiner klatscht, wenn ich aus dem Büro gehe, nach der Show aber schon.“ Infos: www.eisen-hans.at


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