Letztes Update am Do, 02.08.2018 08:25

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Vom Engel bis zu Facebook: So wurde die Geburtstags-Feier geboren

Horror für die einen, ersehntes Fest für die anderen: Die Rede ist vom Geburtstag. Stefan Heidenreich denkt dabei nicht nur an Torte und Geschenke. Der Forscher hat sich mit dessen Kulturgeschichte befasst – und das, obwohl er selbst Geburtstagsmuffel ist.

© iStock(Symbolfoto)



Von Judith Sam

Wir schreiben das Jahr 191 vor Christus. Der erste Geburtstag der Literaturgeschichte wird gefeiert. Beim Geburtstagskind handelt es sich weder um einen König noch namhaften Feldherrn, „sondern um Ballio, einen Zuhälter“, sagt Stefan Heidenreich. Der Kunst- und Medienwissenschafter hat für sein Buch „Geburtstag: Wie kommt es, dass wir uns selbst feiern“ Hunderte Fakten zusammengetragen: „Der Dichter Plautus, der als Begründer der römischen Komödie gilt, beschrieb in seinem Stück einen Zuhälter, der reich beschenkt werden wollte, um vor seinen Gästen anzugeben.“ Plautus’ Publikum kannte die Tradition des Geburtstagsfeierns damals offenbar schon, sonst hätten sie den Inhalt des Theaters nicht verstanden.

Heute würde man das Werk wohl als derben Bauernschwank bezeichnen: „Aber für mich ist es der früheste Beleg des Geburtstag-Feierns.“ Zwar gibt es auch Überlieferungen, dass sich die Ägypter, Babylonier und Perser zu Festen trafen – aber ob dabei ihr Jahrestag im Mittelpunkt stand und wann exakt diese Partys stattfanden, ist unklar.

Feiern ohne Geburtstagskind

Belegt ist jedoch, dass der römische Dichter Ovid um das Jahr 50 vor Christus ebenfalls Geburtstag feierte – den seiner Frau, um genau zu sein. Dazu legte er Weihrauchharz auf eine Opferstelle und goss Wein ins Feuer. Dass seine Gemahlin dabei nicht anwesend war, störte nicht weiter: „Die Römer feierten nämlich nicht sich selbst oder Nahestehende, sondern die Geburt des jeweiligen Schutzengels – den so genannten Genius.“

Damals war jeder Mensch überzeugt, einen persönlichen göttlichen Begleiter zu haben. Deren Geburt galt es zu zelebrieren. Am liebsten in Form eines Saufgelages. Freunde wurden eingeladen, Geschenke verteilt, man trug Gedichte vor und aß Kuchen. Noch bunter trieben es die Griechen: Sie feierten ebenfalls ihre Schutzengel – und das einmal im Monat.

Die humorlosen Christen

Der Spaß dauerte bis zur Herrschaft des Christentums an: „Dort glaubt man ja bekanntlich nur an einen Gott. Da war die Tradition, mehrere gottähnliche Figuren zu ehren, verpönt.“ Wer wagte, zu feiern, stellte die Kirche in Frage.

Etwa zeitgleich brach die römische Verwaltung zusammen, sodass die Geburtsdaten der Menschen für rund 1000 Jahre nicht mehr notiert und damit rasch vergessen wurden. „Damit ging eine der wichtigsten Zutaten für eine Geburtstagsfeier verloren. Wer das Datum nicht kennt, kann nicht feiern. Noch heute kommen pro Jahr übrigens 50 Millionen Kinder zur Welt, deren Geburtsdatum nicht niedergeschrieben wird. Da hilft es wenig, wenn sich die Eltern erinnern, dass man am Tag nach Vollmond an einem Herbstnachmittag zur Welt kam“, sagt Heidenreich. Aber wie so oft gab es früher eine Ausnahme: Adelige. Deren Geburtsdaten wurden stets notiert. Schließlich galt es, bei der Verteilung der Macht die Erbfolge zu beachten. „Wer zuerst geboren worden war, erhielt den Löwenanteil“, sagt der Autor.

Die Idee zu seinem Buch kam dem Oberschwaben übrigens in Tirol: „An meinem 50. Geburtstag war ich mit meiner Tochter auf Reisen. Sie erzählte jedem von meinem Jahrestag. So begann eine Unterhaltung über die Geschichte dieses Fests. Dabei faszinierte mich besonders ein Aspekt: der Verkauf der Seele – der direkt mit unserer heutigen Form der Geburtstagsfeier in Zusammenhang steht.“

Erstmals Mensch statt Genius

Klingt verwirrend, doch Heidenreich gibt sogleich Aufschluss: „Um das Jahr 1500 brauchte die Kirche Geld, um den Petersdom zu bauen. Also wurden die so genannten Ablassbriefe aufgesetzt – eine Art Vertrag, der regelte, dass die Kirche die Seele jedes Menschen reinigt. Gegen Bezahlung, versteht sich.“ Dieser Vertrag besagte erstmals, dass der Mensch ein Teil des Rechtsstaats ist. Als Figur des Rechts hat jeder seine Personendaten zu kennen – zu denen natürlich auch der Geburtstag zählt. Ob man ihn nun feiert oder nicht: „So gesehen tritt die Person an Stelle des alten Genius.“ In Folge dessen konnte auch im Christentum der Geburtstag etwa ab dem Jahr 1600 offiziell gefeiert werden, da man ja den Menschen und nicht dessen göttlichen Begleiter hochleben ließ.“

Ein Glück. Sonst müssten wir heute auf Geburtstagsfeiern verzichten – und auf die damit verbundenen Geschenke: „Zur Zeit der Römer war nicht der Gastgeber der Beschenkte. Vielmehr übergab er seinen Besuchern Geschenke.“ Laut Dichter Plautus waren frühere Geschenke teils sehr wertvoll: „Er schrieb von goldenen Ringen und Broschen. In anderen Dokumenten ist die Rede von silbernen Schreibrohren.“ Im 19. Jahrhundert waren so genannte Gebinde modern – Sträuße aus Blumen und Stroh, die um den linken Unterarm gebunden wurden. Der Vorläufer der heutigen Geschenke entstand Ende des 19. Jahrhunderts, als die Porzellanfabrikanten in eine Krise schlitterten: „Um sich finanziell zu erholen, kreierten sie Geschenk-Geschirr mit aufgedruckten Geburtstagsslogans.“

Facebook mischt alles auf

Heidenreich befasste sich nicht nur mit der Vergangenheit: „Facebook spielt in der Geschichte des Geburtstags eine Rolle. Damit die PC-User auf dem sozialen Portal nicht nur Konten anlegen, sondern aktiv sind, werden sie an die Geburtstage ihrer virtuellen Freunde erinnert – worauf sie denen artig gratulieren.“ Das Ganze geht so weit, dass die Hälfte aller Mitteilungen auf Facebook Geburtstagswünsche sind. Da posten die Freunde etwa: „Geburtstage sind etwas Herrliches! Je mehr man davon genießt, desto älter wird man.“ Heidenreich könnte sich ein Beispiel daran nehmen. Er ist nämlich Geburtstagsmuffel. Irgendwie nachvollziehbar, nachdem er sich für sein Buch ein Jahr lang nur mit Geburtstagsrecherchen befasst hat. Irgendwann hat man auch vom schönsten Thema genug.




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