Letztes Update am Fr, 03.08.2018 12:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Pichowetz: „Schauspieler würde ich nicht mehr werden“

Gerald Pichowetz wurde mit dem „Kaisermühlen Blues“ bekannt. Im August steht er in „Anatevka“ auf der Kufsteiner Musical-Bühne.

© PichowetzGerald Pichowetz steht in "Anatevka" auf der Kufsteiner Musical-Bühne.



Herr Pichowetz, Sie sollten seit heuer die Mörbischer Seefestspiele leiten, ein begehrter Job im sommerlichen Kulturangebot Österreichs. Warum ist Ihr Engagement im Burgenland geplatzt?

Ach wissen Sie, eigentlich mag ich darüber gar nicht mehr reden. Am Geld ist es jedenfalls nicht gescheitert. Der Weg, den Mörbisch eingeschlagen hat, war nicht meiner. Zum x-ten Mal die „Gräfin Mariza“ auf die Seebühne zu bringen wie diesen Sommer wieder, ist halt nicht sehr innovativ. Im Burgenland ist man der Meinung, der Großraum Wien reiche als Einzugsgebiet für die Festspiele. Das glaube ich nicht. Man muss international denken. Aber ich hege keinen Groll, weil es mit Mörbisch nicht geklappt hat.

Statt in Mörbisch Intendant zu sein, stehen Sie ab 3. August beim Kufsteiner Operettensommer auf der Bühne – als Milchmann Tevje in Jerry Bocks Musical „Anatevka“. Das sind, mit Verlaub, kleinere Brötchen als in Mörbisch.

Kufstein ist mittlerweile das zweitgrößte Operettenfestival in Österreich. In der Festung sind 2200 Plätze je Aufführung zu füllen. Das ist eine Herausforderung. Das Tolle an Kufstein ist, dass hier etwas im Entstehen ist und dass ich das begleiten darf. Die Überdachung des Aufführungsgeländes im Innenhof der Festung ist genial. So sind wir vom Wetter unabhängig. Natürlich haben wir technisch nicht die Möglichkeiten wie etwa in Mörbisch mit seiner Hightech-Seebühne. Trotzdem bieten wir auch in Kufstein 1a-Qualität. Im Vorjahr habe ich beim „Zigeunerbaron“ Regie geführt. Heuer stehe ich wieder selbst auf der Bühne.

Und singen werden Sie in der Rolle des Tevje auch. Liegt Ihnen das, Sie sind ja Schauspieler?

Den Tevje wollte ich immer schon einmal spielen, das ist eine Traumrolle für mich. „Wenn ich einmal reich wär“ singt er, und fast jeder kennt dieses Lied. Also: Ja, ich kann singen, das bewegt sich alles in der dankbaren Stimmlage des Baritons. Sagen wir es so: Mein Tonumfang als Sänger ist überschaubar, die Töne sind dafür aber sicher.

„Anatevka“ ist nicht gerade ein selten gespieltes Musical. Wo liegt die Relevanz aus heutiger Sicht?

Anatevka ist ein fiktives Dorf jüdischer, polnischer Einwanderer im zaristischen Russland Anfang des 20. Jahrhunderts. Es geht um Vertreibung und Unterdrückung einer Volksgruppe. Das sind sehr aktuelle Themen. „Anatevka“ ist keine glatt gebügelte Operette à la „Weißes Rössl am Wolfgangsee“. Am Schluss werden die Juden aus dem Dorf vertrieben. Die Musik ist sehr tragend, doch der Witz der Dialoge und die Lieder lockern die Stimmung wieder auf. Es ist in ers­ter Linie ein Stück für Schauspieler, nicht für Sänger. Und Volksschauspieler bin ich von Grund auf. Seit 2001 leite ich das Gloria Theater in Wien-Floridsdorf mit immerhin 50.000 Besuchern jährlich.

Vielen Österreichern sind Sie vor allem aus der Serie „Kaisermühlen Blues“ bekannt, die zwischen 1992 und 1999 im ORF lief. Sie spielten Franzi Mayerhofer, genannt „Fünfer“, einen jungen Mann mit Handicap und einem Faible für die Straßenbahn. „Franzi-Bim-Bim“ lautete einer seiner Sprüche. Glauben Sie, dass diese Rolle für immer an Ihnen haften bleibt?

Karl Merkatz hat auch lange gebraucht, um nicht ausschließlich als „Mundl“ Sackbauer wahrgenommen zu werden. Und der „Kaisermühlen Blues“ läuft ja immer noch als Wiederholung im ORF. Das ist schon okay. Das stört mich nicht. Engagements vom ORF gibt es allerdings heute kaum mehr für mich. Mit fast 54 gehöre ich in diesem Beruf zum alten Eisen. Ich würde aus heutiger Sicht nicht mehr Schauspieler werden.

Das kommt überraschend. Warum würden Sie das Schauspieler-Handwerk heute nicht mehr ergreifen?

Ohne Beziehungen kommt man in Produktionen nur noch schwer hinein. Für talentierte Schauspieler ist das frustrierend. Der Dilettantismus befindet sich auf dem Vormarsch. Bernhard Görg, der frühere ÖVP-Vizebürgermeister von Wien und ein Freund von mir, hat mich einmal so charakterisiert: „Gerald, du bist zu wenig geschmeidig.“ Er wollte damit sagen, dass ich es gewohnt bin, eine eigene Meinung zu haben und dass ich auch nicht davor zurückschrecke, anzuecken.

Sind Sie noch Mitglied der SPÖ?

Ja, das bin ich. Aber ich bin auch ein Fan von ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz. Zum Politiker würde ich allerdings mit Sicherheit nicht taugen. Nach 14 Tagen wäre ich erledigt, eben weil ich das Herz auf der Zunge trage.

Vor einigen Jahren handelten Sie sich mit einem Facebook-Kommentar den Vorwurf ein, ausländerfeindlich zu sein.

Da wurde in mein Haus eingebrochen. Und die Täter waren eben Ausländer. Um ein Haar wäre ihnen meine Frau in die Quere gekommen. 120.000 Euro hat der Schaden betragen, gestohlener Schmuck und Bargeld. Die Einbrecher wurden nie erwischt. In einem Posting spätnachts habe ich damals meinem Ärger Luft gemacht. Warum sollte ich mich dafür entschuldigen? Ich bin sicher nicht ausländerfeindlich.

Das Interview führte Markus Schramek

Zur Person

Gerald Pichowetz, Jg. 1964, wuchs, wie er es nennt, als „Pendler“ zwischen der Obersteiermark (Murtal) und Wien auf. Nach einer Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten wechselte er ins Schauspielfach. Pichowetz war lange Zeit Stammgast im Fernsehen (neben dem „Kaisermühlen Blues“ etwa auch in „Tohuwabohu“ oder „Achtung Kamera“). Er leitet ein Theater in Wien-Floridsdorf, steht selbst auf der Bühne oder führt Regie.