Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 31.08.2018


Osttirol

Großvenediger: Wandern bis zum Gletscher

Der Gletscherweg zum Schlatenkees des Großvenedigers wurde vor 40 Jahren eröffnet. Kurz schien es, als ob das ewige Eis wachsen würde. Doch der Gletscher ist seither massiv im Schwinden begriffen.

© Blassnig ChristophAnna Brugger (Alpenverein-Sektion Matrei), Hannes Schlosser (Autor Wanderführer), Liliana Dagostin (Alpenverein) und Florian Jurgeit (Nationalpark, v. l.).



Von Christoph Blassnig

Lienz – Einprägende Naturschauspiele im Nationalpark Hohe Tauern in Osttirol macht der Gletscher-Rundwanderweg Innergschlöss seit 40 Jahren relativ leicht erreichbar. Etwa vier Stunden Gehzeit über 600 Höhenmeter führen zum ewigen Eis. Zum Jubiläum wurde der Wanderführer des Alpenvereines neu aufgelegt und präsentiert.

Blick von der Prager Hütte zur Kristallwand im Jahr 1920 ...
- Alpenverein/Hannes Schlosser
Blick von der Prager Hütte zur Kristallwand vor einem Jahr.
- Alpenverein/Hannes Schlosser

„Man sollte früh starten und sich Zeit lassen. Dann kann man an einem Tag überwältigende Eindrücke gewinnen“, empfiehlt Hannes Schlosser, Autor der inzwischen 5. Auflage des naturkundlichen Wanderführers „Gletscherweg Innergschlöß Venedigergruppe“. Am Talschluss weisen große Lettern auf einem Felsen den Weg. Über einen steilen und stufigen Anstieg gelangt man immer wieder zu Aussichtsplattformen, bis man über eine Geländekante kommt. „Je nach Jahreszeit begleitet einen das ohrenbetäubende Tosen des Gletscherbaches. Doch kommt man oben an, wird es auf einmal still“, kommt der Autor ins Schwärmen. „Man hört nur noch ein leises Rinnsal plätschern, dazu die Bienen und die Hummeln.“ Prächtige Farben, wohin man schaue.

Das nächste Ziel ist der Salzbodensee, wo man im Sommer vereinzelt sogar Badende anzutreffen vermag. Ein Stück weiter gelangt man zum „Auge Gottes“: Eingebettet in Wollgrasufer liegt ein natürliches Moorbecken, einem Dreieck gleich geformt. In dessen Mitte war lange Zeit eine kleine Wollgrasinsel zu sehen. Das Ensemble bildet ein berühmtes Fotomotiv, mit dem auch der Tourismus gerne warb. „Schon seit etlichen Jahren wächst das Auge Gottes langsam zu, ein natürlicher Prozess“, berichtet Autor Schlosser mit Wehmut.

Das Auge Gottes wächst langsam zu.
- Alpenverein/Hannes Schlosser

Schließlich führt der Weg über gewaltige Seitenmoränen und einen eindrucksvollen Gletscherschliff zur Gletscherzunge des Schlaten­keeses – des größten Gletschers in Osttirol. Vom Gletschertor zurück geht es über den Prager Hüttenweg.

Zuletzt hat der vierköpfige Wegbautrupp der Alpenverein-Sektion Matrei im Jahr 2014 die Route bis zum Eis gelegt, weiß Obfrau Anna Brugger. „In nur drei Jahren ist der Gletscher allerdings erneut um 200 Meter zurückgewichen. Auch heuer werden es wieder 50 bis 70 Meter gewesen sein.“ Liliana Dagostin, Leiterin der Abteilung Raumplanung und Naturschutz im Alpenverein: „Der Alpenverein als Grundeigentümer setzte vor 40 Jahren mit dem Bau dieses Weges ein naturschutzpolitisches Zeichen. Das Dorfertalprojekt hätte allein hier 24 Gletscherbäche verschwinden lassen.“ Für Florian Jurgeit vom Nationalpark Hohe Tauern zeigt der Gletscherweg die gestaltende Kraft der Natur, die mit dem Rückgang des Eismassives auch wieder Schönheiten wie bunte Felsformationen freigebe. „Nirgends kommt man so leicht in die hochalpine Kernzone wie hier.“