Letztes Update am So, 09.09.2018 07:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Burn-out: „Mehr als ein individuelles Problem“

Die Ursachen für ein Burn-out müssten gesucht und bekämpft, nicht der Erkrankte gestärkt werden, so die Expertin. Burn-out sei nicht nur ein individuelles Problem, sondern am Ende auch ein ökonomisches.

© KneschkeMenschen beizubringen, "noch schneller und länger zu rennen, bevor sie fallen", sei nicht der richtige Lösungsansatz bei Burn-out.



Wien – Die beste Strategie gegen Burn-out sei nicht, zu überlegen, wie man die Menschen behandelt, damit sie resilienter und stärker werden, sagt Christina Maslach, eremitierte Professorin für Psychologie an der University of California in Berkely. „So bringt man ihnen nur bei, wie sie noch schneller und länger rennen, bevor sie fallen“. Es müsse vielmehr überlegt werden, was gegen die Dinge getan werden kann, die diese Probleme verursachen.

Arbeitsumgebung und ihre Effekte beobachten

„Man muss sich wirklich anschauen, wie die Arbeitsumgebung beschaffen ist und wieso sie einen derartigen Effekt auf so viele Menschen hat“, so die Sozialpsychologin im Interview mit der APA. Dieser sei nicht nur gesundheitsschädlich, sondern habe auch direkte Auswirkungen auf die Arbeit, etwa wenn die Menschen diese nicht mehr gut ausüben können, gar nicht mehr zur Arbeit kommen oder früher in Pension gehen. Burn-out verursache auch ökonomische Schäden, es sei mehr als ein individuelles Problem.

„Wir müssen der Arbeitsumgebung wesentlich mehr Aufmerksamkeit widmen. Wenn wir sie nicht besser und gesünder gestalten, so dass die Leute erfolgreich dort arbeiten können, lösen wir das Problem nicht“, ist Maslach überzeugt. Chefs und Arbeitnehmer sollten dafür unter gegenseitigem Respekt kommunizieren und zusammenarbeiten. Oft könnten schon kleine Änderungen große Wirkung haben. „Ich bin für einen holistischen Ansatz, ohne mit dem Finger auf einzelne zu zeigen“, so Maslach.

12-Stunden-Tag sieht Expertin kritisch

Die in Österreich neu eingeführte Höchstarbeitszeit von zwölf Stunden pro Tag sieht die Sozialpsychologin kritisch. „Bei zwei Stunden mehr hat man nicht einfach mehr Zeit für die Arbeit, sondern es wird auch mehr verlangt.“ Damit Menschen gesund und stark bleiben, würden sie mindestens sieben bis acht Stunden Schlaf pro Nacht brauchen. „Werden zwei Stunden weggenommen, was bleibt dann übrig?“, fragte die Psychologin. „Vier Stunden für den Arbeitsweg, Einkäufe, Erledigungen für die Familie, Freunde und Hobbys. Nur vier Stunden – das ist ungesund. Es beraubt dich in gewissem Sinne deiner Lebenszeit außerhalb der Arbeit. Jener Zeit, die dich gesund, erfolgreich und widerstandsfähig macht.“

Faktoren zur Burn-out-Prävention seien Autonomie bei der Arbeitszeit, Anerkennung und Fairness. „Gute Arbeitsbeziehungen, keine Diskriminierung, keine gläserne Decke, Respekt“, zählte Maslach auf. „Das hat alles mit der Umgebung zu tun. Du kannst eine tolle, wunderschöne Pflanze haben, aber wenn du sie in schlechten Boden steckst und es kein Sonnenlicht und Wasser gibt, wird sie nicht gedeihen.“ (APA)

Zur Person: Christina Maslach, geboren 1946 in San Francisco, ist emeritierte Professorin für Psychologie an der University of California in Berkeley. Sie zählt zu den Pionieren der Burn-out-Forschung und hat mit dem „Maslach Burnout Inventory“ im Jahr 1981 ein Messinstrument entwickelt, das heute noch bei einem Großteil aller empirischen Untersuchungen zur Diagnose des Burn-out Syndroms eingesetzt wird.