Letztes Update am Do, 06.09.2018 16:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Freizeit

Nilpferd: So süß und doch so wild!

Es ist kugelrund, hat runde, kleine Ohren und treue, große Augen. Dass dieses knuddelige Tier allerdings zum knallharten Killer werden kann, trauen ihm die wenigsten zu.

© iStockDas Flusspferd (Hippopotamus amphibius), auch Nilpferd, Großflusspferd oder Hippopotamus genannt, ist ein großes, pflanzenfressendes Säugetier. Es lebt in Gewässernähe im mittleren und südlichen Afrika.



Sie sind ja wirklich süß: liegen den ganzen Tag im Wasser, bewegen sich kaum und sind am liebs­ten im Kreise ihrer Familie – Flusspferde. Ihr Image vom harmlosen Kuscheltier unterstützen Industrie und Medien tatkräftig: Während der „Happy Hippo Snack“ das Tier in Schokolade verkleidet, bot die TV-Serie „Mumins“ bereits in den 1970ern Unterhaltung für Groß und Klein.

Das afrikanische Schwergewicht erscheint als schwerfällig und gleichzeitig liebenswert. Dabei berichten Medien immer wieder von tödlichen Hippo-Angriffen auf neugierige Touristen. Schlummert in dem großen Knuddeltier etwa ein Monster?

„Flusspferde sind grundsätzlich friedlich. Sie verbringen den Tag ruhend im Wasser und gehen nachts an Land, um zu fressen. Aber sie können auch gefährlich werden. Das sind sie üblicherweise aber nur, wenn sie sich bedroht fühlen“, sagt Harald Schwammer, stellvertretender Direktor des Tiergartens Schönbrunn in Wien.

Dieses Gefühl der Bedrohung würde durch verschiedene Szenarien hervorgerufen: „Dominante Flusspferd-Männchen haben in ihrem Revier einen Mini-Harem an Weibchen, den sie gegen andere Männchen verteidigen“, so Schwammer. Hier könne es gewaltige Kämpfe zwischen den männlichen Tieren, die bis zu vier Tonnen schwer sind, geben.

Die gute alte Klimaerwärmung spielt auch bei unseren dicken Freunden eine Rolle: Die daraus resultierende andauernde Trockenheit in der afrikanischen Heimat der Hippos ist bedrohlich: „Da wird es eng im Wasser und es sind mehr Tiere auf kleinerem Raum zusammen. Hier steigt das Aggressionspotenzial natürlich“, so der Zoologe.

Einer der Hauptgründe für wiederholte Angriffe von Flusspferden sei allerdings einer, der selbst in unseren Breitengraden gar nicht so fremd erscheint: Die Mutter fühlt sich bedroht und verteidigt ihr Junges. Das ist wohl in fast jeder Spezies so – selbst beim Menschen! Der schafft es allerdings meist, sich zu wehren, ohne den Störefried zu töten.

In der Tierwelt haben zum Beispiel tödliche Angriffe von Kühen auf Tirols Almen in den letzten Jahren wiederholt für Aufregung gesorgt. Mutterkühe, die mit ihren Kälbern auf der Wiese waren, fühlten sich von Passanten bedroht und folgten ihrem Instinkt, indem sie sich verteidigten. „Beim Flusspferd ist es genau das Gleiche“, so Schwammer.

Neugeborene Nilpferde wiegen zwischen 25 und 55 Kilogramm und können sofort nach der Geburt bereits laufen und sich vom Wassergrund zur Oberfläche abstoßen. Dies ist notwendig, da Flusspferdweibchen ihre Jungen unter Wasser säugen und das Junge der Mutter beim nächtlichen Grasen an Land folgen können muss. Die Hippo-Mama ist sehr fürsorglich, sie lässt ihr Junges im tieferen Wasser auf ihrem Rücken reiten und behält es immer im Blickfeld.

„Zu den natürlichen Feinden der Flusspferde zählen Krokodile, Löwen und Hyänen“, so der Experte. Diese Raubtiere hätten es besonders auf die Flusspferd-Jungen abgesehen. Wenn sie eine Bedrohung von außen für ihren Nachwuchs spürt, verteidigt das Weibchen sein Kind, indem es angreift. Die Hippo-Mama muss ihr Kleines also vor Bedrohungen im Wasser und am Ufer verteidigen.

Wenn ein Tourist sich an den Rand eines Gewässers stellt, um ein Foto der Nilpferd-Rücken im Wasser zu machen, macht er sich damit zur Bedrohung. Vor wenigen Wochen tat ein 62-jähriger Chinese genau das am Naivashasee in Nairobi – und starb. „Das Problem ist, dass so ein Angriff nur naiven Touristen passiert, die ohne ihren Guide unterwegs sind“, sagt der Zoochef.

Die Touristenguides wüssten nämlich um das Gefahrenpotenzial bei Gewässern, in denen sich Fluss­pferde aufhalten. Dazu komme, dass man die Jungen meist nicht sehen könne, da sie sich unter der Wasseroberfläche befinden. So entstehe in den Medien der Eindruck, dass die Tiere grundlos aggressiv und gefährlich sind.

Dabei sind sie doch nur liebevolle Mamis, die ihre Kinder vor bösen Eindringlingen beschützen, oder? Im Schokoladenformat sind sie jedenfalls zuckersüß. (Evelin Stark)