Letztes Update am Sa, 08.09.2018 17:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Vor der Küste Norwegens: Ein Leben mit und für die Enten

Auf Lånan vor der Küste Norwegens dreht sich alles um Eiderenten und deren wertvolle Daunen.

© APA (dpa)Mehr als 6000 Inseln zählen zum Vega-Archipel.



Das Lachen kann sich Erik Nordum nicht verkneifen, als er auf die Reihe unscheinbarer Holzkisten zeigt. Die Verschläge im hohen Gras sind teils windschief und haben Dächer aus Wellblech, mit groben Feldsteinen beschwert – die Bruthäuschen der Eiderenten.

So lange die Menschen auf Lånan sich erinnern können, folgen die Eiderenten Jahr für Jahr ihrem natürlichen Rhythmus: Im Frühling flattern sie paarweise auf das Eiland kurz vor dem Nordpolarkreis. Die Weibchen schnatternd voran, die männlichen Enten folgen. Die Entenpaare sind wählerisch bei ihrer Suche nach Brutplätzen: Holzverschläge, klein wie ein Umzugskarton oder so groß wie eine Hundehütte, für einzelne Entenpaare oder auch für einen Familienverbund mit bis zu 14 Entenpaaren. Sie legen bis zu sechs Eier, die sie etwa 28 Tage lang ausbrüten. Sieben Wochen kümmern sich die Enteneltern um ihren Nachwuchs. Die Leute auf Lånan haben ein waches Auge über die Entenfamilien. Seeadler und Nerze sind die natürlichen Feinde.

Um die Mittsommerzeit verlassen die Enten mit ihrem flugfähigen Nachwuchs die 800 Meter lange und 500 breite felsige Insel im Vega-Archipel, 30 Kilometer nordwestlich von Vega im Nordatlantik gelegen. „Rund 800 Enten hatten wir im vergangenen Jahr, die Population ist relativ stabil“, sagt Hildegunn Nordum, 61, die mit ihrer Familie seit Generationen mit und von den Eiderenten lebt.

Die Bewohner bauen den Eiderenten Verschläge.
- Ligaarden

Wegen dieser weit über 1000 Jahre bestehenden einzigartigen Partnerschaft zwischen den wild lebenden Eiderenten und den Menschen wurde das Vega-Archipel als erstes norwegisches Kulturlandschaftsgebiet in die Unesco-Liste des Natur-und Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Mit den Enten leben bedeutet: Die Nordums und ihre Helfer bauen für die gefiederten Inselgäste die Holzverschläge. Mal entsteht die Hütte aus dem Bug eines alten Fischerkahns, mal aus grobem Treibholz, hin und wieder aus neuen Fußbodenbrettern. „Die Eiderenten sind recht wählerisch. Manchmal dauert es zehn Jahre, bis ein neu gebautes Haus angenommen wird“, sagt Entenvater Nordum, 59. Warum das so ist, weiß niemand. Rätselhaft bleibt auch, weshalb manche Entenpaare zur Brutzeit ein Einfamilienhaus beziehen, andere die Gemeinschaft mit anderen Enten bevorzugen. Von den Enten leben heißt für die Nordums: Sobald ihre gefiederten Freunde die Insel verlassen haben, werden die Eiderdaunen aus den Nestern gesammelt und zu federleichten Decken verarbeitet. 70 Entennester bringen rund ein Kilogramm Daunen, das ist eine Decke.

Die Stars sind ausgeflogen

Enten in freier Wildbahn.
- APA (dpa)

Wenn die Enten ausgeflogen sind, beginnt die Saison für Touristen. Im Juli und August legt das Passagierschiff „Kingen“ in Nes auf Vega zum Ausflug nach Lånan ab. Dort werden die Besucher per Handschlag von den Nordums und ihren Helfern begrüßt. Während der Wanderung vorbei an den Bruthäuschen berichten die Inselbewohner von ihrem Leben mit den Eiderenten. Und natürlich gibt es zum Abschluss auch Souvenirs zu kaufen – Mini-Enten aus Plüsch.

Auf Vega suchen die Besucher vergebens nach Eiderenten – und sind enttäuscht. „Schon in den 20er-Jahren sind die Enten verschwunden“, erzählt Tor-Kristian Lindrupsen vom Entenmuseum E-Huset. Damals seien amerikanische Nerze auf Vega eingewandert, sie hätten den Entenbestand dezimiert. Heutzutage bietet das E-Huset in Nes historische Bilder sowie Gerätschaften aus der Inselwelt vor der Küste Nordnorwegens.

Vega ist die Hauptinsel des 1037 Quadratkilometer großen Archipels, rund 900 Kilometer von Oslo entfernt. Nur etwas mehr als 1200 Einwohner leben hier. Milchbauern, Schweinezüchter, Fischer. Sie nehmen von Vega aus im Winter Kurs auf die Lofoten zum Kabeljaufang. Ein hartes Inselleben am Rand des Nordatlantiks, wo Fährschiffe die Verbindungen zum Festland sind.

Bis zum Jahr 2004, dem Jahr der Wende für Vega. „Mit der Ernennung zum Unesco-Weltkulturerbe wurden die Inseln bekannt“, berichtet Tourismus­chefin Hilde Wika. Bis dahin verirrten sich pro Jahr 5000 Urlauber vor allem während des Hochsommers in die Inselwelt. Im Jahr 2015 kamen bereits über 40.000 Touristen nach Vega.

Auf Vega gibt es Übernachtungsmöglichkeiten in Privatzimmern und auf einem Campingplatz. Ehemalige Rorbu-Fischerhütten im Hafen von Nes bieten einigen Komfort. Das „Havhotell“ in Viksås ist das einzige Hotel auf der Insel und während der Sommersaison schon Wochen im Voraus ausgebucht. „Insgesamt haben wir auf Vega etwas mehr als 400 Betten für Übernachtungsgäste“, rechnet Wika zusammen. Das soll so bleiben, Pläne für Hotelbauten gebe es derzeit nicht. Allenfalls einige B&B-Frühstückspensionen könne man sich zusätzlich vorstellen.

Massentourismus durch Kreuzfahrtschiffe mit Tausenden Passagieren wie im Geirangerfjord? „Das wollen wir nicht“, sagt Wika. Beiläufig erwähnt die 50-jährige Vegaerin dann doch, dass kleinere Kreuzfahrtdampfer mit etwa 200 Passagieren einige Male im Jahr bei Nes vor Anker gingen und die Besucher mit Tenderbooten für einige Stunden auf die Insel kämen. Diesen Abstecher bietet auch das Ausflugsprogramm der Hurtigruten-Postschifflinie zwischen Mai und September. Bis zu 38 Teilnehmer kommen von Sandnessjøen mit dem Passagierboot „Kingen“ nach Nes zum Entenmuseum E-Huset und Unesco-Zentrum.

Angesichts der gestiegenen Gäs­tezahlen auf Vega ist Tourismusmanagerin Wika besorgt um die Zukunft der Insel, einer Zukunft zwischen sensibler Natur und gewinnbringendem Tourismus. Probleme bereiten etwa Touristen mit Wohnmobilen. Sie parken an den schönsten Plätzen Vegas, an der steinigen Westküste von Sørneset mit fantastischem Ausblick auf den Sonnenuntergang und die vorgelagerte Felseninsel Søla, am schlickigen Strand bei Eidem oder an der einsamen Bucht Åkvika – und hinterlassen mitunter Müll.

Eine Insel für alle Abenteuer

Radfahren, Wandern, Hochseeangeln und Kajakfahren in der Welt der Schäreninseln, dafür bietet Vega reichlich Gelegenheiten. Alleine 18 Wanderrouten verschiedener, gekennzeichneter Schwierigkeitsgrade führen über die Insel. Nur für durchtrainierte Wanderer ist die dreistündige Tour auf den 725 Meter aufragenden, markanten Gullsvågfallet-Gipfel mit Fernsehturm und Radarstation. Steil und steinig sind einige Passagen. Der mühsame Anstieg ist obligatorisch, denn die Kabinenseilbahn schwebt nur für die Techniker des Telenor-Unternehmens zum Gipfel. Wer sich die Bergtour nicht zutraut, der wandert vom Hafenort Nes aus entlang der Küste bis Hongset mühelos in zwei Stunden hin und zurück. Die Strecke führt über Schafweiden.

Im Entenmuseum E-Huset hat Tor-Kristian Lindrupsen inzwischen seine Führung mit den Touristen beendet und fragt abschließend: Wie teuer ist wohl eine Daunendecke von Lånan? Niemand kennt die richtige Antwort.Der Museumsleiter: „Ab etwa 4000 Euro aufwärts. Sie sollten jetzt anfangen, dafür zu sparen.“ (APA)