Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 01.10.2018


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Zimmerschlüssel verloren: Tiroler bekam Rechnung über 10.365 Euro

Wer haftet, wenn ein Hotelgast seinen Zimmerschlüssel verliert? Diese „Schlüsselfrage“ stellt sich für einen Innsbrucker, der nun eine Rechnung von über 10.000 Euro bekam.

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Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Ein Tiroler verliert bei einem Wochenende in einer Pension am Neusiedler See seinen Zimmerschlüssel und sieht sich nun mit einer Forderung eines Inkassobüros von 10.365 Euro konfrontiert. Weil es sich um einen Zentralschlüssel handelte, mit dem auch der Eingang und weitere Türen gesperrt werden konnten, sollte gleich die ganze Anlage ausgetauscht werden. Hilfesuchend wendet er sich an das Ombudsteam der Tiroler Tageszeitung, das versuchte, Antworten auf gleich mehrere offene Fragen zu finden.

„Wer einen Schlüssel verliert, muss ihn ersetzen. Das ist unbestritten“, sagt Christian Schuster-Wolf von der Rechts- und Konsumentenpolitischen Abteilung der Arbeiterkammer. „Ein Hotelbesitzer kann eine Entschädigung in der Höhe des tatsächlich erlittenen Schadens verlangen.“ Dazu war der Tiroler auch von Anfang an bereit. Doch dann artete die Sache völlig aus, der Pensionsbesitzer hatte nämlich ein Anbot eines Spezialisten für Zentralsperranlagen eingeholt. Kosten für 27 zu bezahlende Doppelzylinder samt Arbeit: 6334,19 Euro. Der Innsbrucker kontaktierte seine Versicherungen, doch die wollen die Kosten nicht übernehmen. Nun erhielt er ein Schreiben eines Inkassobüros, auf dem „Mahnintervention – Zahlungsverzug“ steht. Wie sich herausstellte, beauftragte der ungeduldig werdende Burgenländer das Unternehmen inzwischen damit, 9343,08 Euro einzutreiben. Zu den Kosten für die neue Anlage – laut Schrei- ben mit insgesamt zwölf Schlüsseln – rechnete er noch über 3000 Euro für entgangene Einnahmen dazu. „Da ich für das Zimmer nur mehr einen Schlüssel habe, konnte ich es nicht mehr vergeben“, behauptet der Besitzer der Pension. Dazu kamen 896,94 Euro Bearbeitungs-, rund 90 Euro Mahn- und 35,70 Euro Evidenzgebühr, macht unter dem Strich 10.365 Euro aus.

Für den AK-Rechtsexperten ist die Sache klar. „Der Pensionsbesitzer will augenscheinlich auf Kosten des Gastes eines Zimmers völlig ausufernd eine neue Schließanlage für sein ganzes Haus einschließlich aller anderen Zimmer einbauen. Das ist sehr dreist und entbehrt jeder Rechtsgrundlage!“ kritisiert Schuster-Wolf das „völlig unseriöse Verhalten“.

Bei diesen veranschlagten Preisen sei zudem fraglich, ob es sich um ein qualitativ höherwertiges Hightech-Schließsystem handelt. Der Wirt nütze eine – unbestritten – leichte Sorgfaltswidrigkeit des Gastes offensichtlich als Chance, dabei habe er die Situation selbst maßgeblich mitverursacht: „Schlüssel gehen verloren, das kommt in jedem Hotel vor, das kann jedem passieren und damit muss auch jeder Hotelier rechnen.

Wenn der Gastgeber in seinem Haus eine Zentralanlage installiert und den Gästen Schlüssel aushändigt, die weit mehr Schlösser schließen als für den jeweiligen Gast notwendig, dann schafft er damit selbst ein Problem, für das er nicht seine Gäste verantwortlich machen kann! Ein solches Vorgehen ist in der Hotellerie wohl auch nicht üblich, schon rein aus ganz grundsätzlichen Sicherheitsüberlegungen!“

Der groteske Fall hat in der Arbeiterkammer für Kopfschütteln gesorgt, die Juristen sind sich einig: „Das kann auf keinen Fall so durchgehen!“ Schuster-Wolf: „Wir können uns nur wundern, zum Glück ist das ein Ausnahmefall! Der Hotelgast haftet für den von ihm tatsächlich verursachten Schaden, nicht für mehr.“

Die Beweislast für die Begründung, gleich eine ganz neue Schlüsselanlage zu installieren, liege eindeutig beim Hausbesitzer. Die Forderung nach 3000 zusätzlichen Euro für das Zimmer hat dieser inzwischen übrigens zurückgezogen. Jetzt müsse man abwarten, ob er den anderen Beitrag einklagt. „Man wird sehen, ob er sich das noch traut. Die AK Tirol wird dem Konsumenten jedenfalls zur Seite stehen, wenn er unsere Hilfe braucht.“

Bei diesem Fall stellt sich auch noch eine andere Frage, nämlich ob es rechtens ist, dass ein Inkassobüro Mahnungen schickt, obwohl es weder Auftrag noch Rechnung für eine Leistung gibt. Darauf angesprochen meinte der Wirt, er warte zuerst auf das Geld, erst dann werde er die Anlage installieren lassen. Als Leiter eines Betriebs könne er außerdem durchaus Rechnungen stellen.

Der Innsbrucker Rechtsanwalt Martin Wolf rät, sofort ein Schreiben an den Geldeintreiber zu schicken, dass man weder Höhe der Forderung noch Rechnung anerkenne, und auf den Rechtsweg zu verweisen. Das Mahnschreiben sei seines Erachtens nach nicht gerechtfertigt, die Rechnung – da es gar keinen Auftrag zur Installierung einer Schließanlage gibt – nicht fällig.

„Ich gehe außerdem davon aus, dass der Gast nicht darauf hingewiesen wurde, dass es sich um eine komplexe Schließanlage und somit um einen sehr wertvollen Schlüssel handelte und bei Verlust mehrere tausend Euro zu bezahlen seien.“ Auch das sei entscheidend. Und auch er meint: „Besondere Schlösser und Schlüssel der anderen Zimmer sind auf keinen Fall gedeckt. Wie viel ist das alte System überhaupt noch wert? Es gibt keinen prinzipiellen Anspruch auf Neues.“ Außerdem könne weder von einer Absicht noch von einer groben Fahrlässigkeit des Gastes die Rede sein. Wolf: „Da versucht jemand, vehement Geld zu machen. Sollte die Sache weitergehen, wird der Tiroler wohl die Sympathien eines jeden Gerichts haben.“




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