Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 08.10.2018


Ombudsmann

Intelligente Türschlösser: Der Hausherr als Administrator

Ganz schön smart oder doch viel zu unsicher? Anbieter, Tester und Datenschützer über intelligente Türschlösser: zwischen Begeisterung über Innovationen und Skepsis.

© iStockDas Kramen in der Handtasche hat bei smarten Türschlössern ein Ende.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Das Kramen in der vollen Handtasche hat ein Ende und auch die Sorge, seinen Hausschlüssel auf dem Schreibtisch am Arbeitsplatz zu vergessen oder unterwegs zu verlieren: Bei manchen elektronischen Schlössern ist es heute nicht einmal mehr nötig, das damit verbundene Smartphone hervorzuholen, die Tür öffnet sich automatisch, wenn man sich ihr nähert. Doch die Anschaffung einer so genannten intelligenten Schließanlage will gut überlegt sein: Anbieter, Tester und Datenschützer über Vor- und Nachteile.

Für eine moderne Türverriegelung spricht laut Computermagazin c’t auf jeden Fall der Komfort, mit einem Fingertipp auf das Handy oder eben auch ganz automatisch werden Türen aufgeschlossen und hinterher wieder selbstständig verriegelt. „Schlüssel sind passé.“ Die Schlösser seien per Blue-tooth an das Smartphone gekoppelt und hätten meistens Motoren, die auf der Innenseite der Haus- oder Wohnungstür den Schließzylinder drehen. Ein weiterer Vorteil: Die Smart Locks würden sozusagen zum Nulltarif virtuelle „Zweitschlüssel“ für jedes Familienmitglied bereitstellen. Laut c’t ist auch der Einbau meistens sehr einfach.

Als besonders leicht zu handhaben gelten so genannte Nachrüstlösungen, wie es sie das Grazer Start-up Nuki Home Solutions anbietet. Wie Unternehmenssprecherin Clarissa Morales sagt, unterscheiden sich diese Varianten von anderen dadurch, dass sie auf bestehende Schlösser aufgesetzt werden – in Europa gibt es nur einige wenige gängige Typen – und zwar von außen unsichtbar an der Innenseite der Haustür. Ganz ohne Schrauben und Bohren soll das smarte Gerät bereits innerhalb weniger Minuten einsatzbereit sein.

Bei elektronischen Schließanlagen wird der Wohnungseigentümer zum Administrator des Türschlosses, der über das Smartphone jederzeit die Kontrolle behält – auch vom Urlaubsort aus – und Zutrittsberechtigungen für Familie und Freunde verwalten kann.

Morales: „Jede Berechtigung wird individuell vergeben – für eine Woche im Jahr an die Nachbarin, die während des Urlaubs die Blumen gießt, für die Reinigungskraft an einem bestimmten Tag pro Woche oder für die ambulante Pflege, bei der das Schlüsselmanagement als großes Problem gilt. So muss nie mehr ein Schlüssel aus der Hand gegeben werden.“ Bis zu hundert Bewilligungen können einmalig, dauerhaft oder zeitlich begrenzt vergeben werden, was das System auch für Betriebe interessant macht.

Auch die Frage, ob die Haustür wirklich sicher verschlossen ist – das beunruhigende Gefühl kennt wohl jeder –, kann mit einem Blick auf den Status des Smart Locks in der heruntergeladenen App beantwortet werden.

Home&smart, das Verbraucherportal für Smart Home, E-Mobilität und IoT, weist darauf hin, dass sich die Haustür individuell aber auch per Zahlenkombination oder Fingerabdruck öffnen oder schließen lässt. WLAN-Türschlösser seien zusätzlich mit vielen anderen Geräten im Smart Home vernetzbar und können teils auch per Sprachsteuerung bedient werden. Das Fazit nach einigen Tests und die Antwort auf die Frage, ob smarte Türschlösser sinnvoll seien, lautet: „Sie können weit mehr als nur Türen öffnen. Sie ermöglichen einen Überblick darüber, wer im Haus ist und erleichtern das Erkennen von Manipulationen am Schloss.“ Wichtig sei aber, dass auf eine ausreichende Verschlüsselung der Daten geachtet wird, was die meisten Hersteller aber berücksichtigen würden.

Wesentlich skeptischer ist Datenschützer Markus Kainz vom Verein Quintessenz. Konsumenten sollten sich vor einer Anschaffung mehrere Fragen stellen: Wie leicht sind die Systeme im Zweifel zu hacken oder was passiert, wenn man das Handy liegen gelassen hat oder der Akku gerade leer ist, was im Winter bei Kälte häufiger vorkommt? Er erinnert an die anfänglichen Probleme bei der neuen Generation der Autoschlüssel, als Verschlüsselungen gehackt wurden. Da die Fahrzeuge in diesen Fällen nicht aufgebrochen, sondern regulär aufgesperrt wurden, handelte es sich für die Versicherungen auch nicht um Diebstähle. Kosten wurden nicht übernommen.

Kainz weiter: „Derzeit ist die Zahl der Handydiebstähle niedrig, aber wenn im Zusammenhang mit dem Antiterrorgesetz die Sim-Registrierung eingeführt wird, könnte sich das ändern.“ Das zeige sich bereits in anderen Ländern: „Verbrecher brauchen Telefone, die nicht auf ihre Namen angemeldet sind.“ Je mehr es von diesen Schlössern geben wird, umso interessanter wird die Sache für Hacker. „Wenn sich die Technik durchsetzt, wird sie auch gehackt werden. Das ist so sicher wie das Amen im Gebet!“

Die meisten Nutzer hätten ihr Smartphone aus Bequemlichkeit nur durch die Wischfunktion gesperrt, die Spuren seien leicht zu erkennen, und auch der Fingerabdruck ist am Glas sichtbar. „Handys sind weder Geldbörse noch Tresorschlüssel, aber wir packen immer mehr drauf!“, sagt der Datenschützer und warnt: „Je mehr wertvolle Informationen darauf gespeichert sind, umso mehr wird es zum Objekt der Begierde.“

Zu berücksichtigen sei aber auch der Fortschritt: „Man sollte an die Folgekosten denken, etwa wenn sich die sehr schnelllebige Technik der Smartphones ändert, an die diese Schlösser gekoppelt sind. Wird das in fünf Jahren noch zusammenpassen?“