Letztes Update am Mo, 22.10.2018 07:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Büroschlaf

Verpönt und doch so schön – der Büroschlaf

Wer hat sie nicht schon verspürt, die Sehnsucht nach einem Nickerchen bei der Arbeit? Gesund wäre es jedenfalls, da sind sich die Experten einig. Aber der Büroschlaf bekommt sein Imageproblem einfach nicht los.

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Von Evelin Stark

Nur ganz kurz die Augen schließen. Ein paar Minuten hinlegen, um Kraft zu schöpfen und den Kopf zu befreien, bevor es weitergeht. Einfach kurz wegdösen, und das ganz ohne böse Blicke der Kollegen.

Dieser Tagtraum vom erholsamen Nickerchen am Arbeitsplatz kommt vermutlich vielen Berufstätigen bekannt vor. Mehr als ein Traum ist er aber wohl für die meisten dennoch nicht. Dabei meinen Schlafmediziner: Wir sollten uns viel häufiger zu den Akten legen. Büroschlaf steigere die Leistung. Mit anderen Worten: Wer döst, denkt besser und schneller.

In Japan ist das Schlummern in der Öffentlichkeit längst salonfähig, und das zu jeder Tageszeit. Erste US-Konzerne haben es inzwischen auch begriffen und fördern das Schlummern am Arbeitsplatz. Hierzulande passiert in diese Richtung noch wenig.

Büroschlaf hilft über den Tag

„Im Prinzip wäre der Büroschlaf eine gute Idee. Viele Menschen haben nämlich nach dem Mittagessen einen Einbruch in der Wachheit“, sagt Birgit Högl, Oberärztin im Schlaflabor der Inns­brucker Universitätsklinik für Neurologie. Nach dem Gang in die Kantine entscheiden sich die meisten Beschäftigten allerdings lieber für den kaffeegetränkten Kampf gegen das „Suppenkoma“ und gegen das kurze Nickerchen.

„In Kulturen, wo noch zu Hause Mittag gegessen wird, ist der kurze Schlaf danach ganz normal“, weiß Högl. In unserer Kultur sei es aber üblich, acht Stunden am Stück zu arbeiten, anstatt eine Siesta zu Mittag einzulegen. „Dabei wäre besonders für Personen, die nachts zu wenig schlafen, der Mittagsschlaf sehr sinnvoll“, erklärt die Schlafmedizinerin. Diese Menschen fielen noch weiter in das Tief der Mittagszeit. Eine Strategie, die viele der Schlafdefizitgeplagten sich stattdessen angewöhnen, sei, auf das Mittagessen zu verzichten, um so nicht noch tiefer zu fallen.

Eine Dauerlösung sollten fortwährendes Kaffeetrinken und Hungern jedoch nicht sein. Müde Mitarbeiter sind ja auch lange nicht so produktiv wie ausgeschlafene, oder? Ein Powernap steigert die Leistungsfähigkeit um bis zu 40 Prozent, berichtet zum Beispiel die Deutsche Presseagentur. Dennoch würden sich noch immer viele Manager damit brüsten, dass sie mit wenig Schlaf auskämen.

Nur wenige bekennen sich indes zum Gegenteil: Amazon-Gründer Jeff Bezos etwa. Er rühmt seinen allnächtlichen „Acht-Stunden-Premium-Schlaf“. Tesla-Chef Elon Musk klagt derweil, dass er manchmal nur mit Schlaftabletten Ruhe finde. In der kalifornischen Google-Zentrale stehen sogar Liegesessel bereit, in denen die Mitarbeiter unter einer Kugelhaube powernappen. Nike hält in Portland Schlafräume für die Mitarbeiter bereit, ebenso Uber in San Francisco.

Europa ist verschlafen

Blickt man auf unsere Seite des Atlantiks, sieht die Power-naplandschaft noch viel verschlafener aus. Besonders im Arbeitsleben ist der Mittagsschlaf nach wie vor tabu. „In Vechta in Deutschland gab es vor einigen Jahren einmal den Versuch, den Mitarbeitern im Rathaus eine halbe Stunde Schlaf in der Mittagspause einzuberäumen“, sagt Högl. Das Ziel sei es gewesen, die Produktivität der Beamten zu steigern. „Das Projekt wurde aber übel verrissen und vor allem in den Medien verspottet.“ Sogar eine Anzeige wegen Vergeudung von Steuergeldern wurde angedroht.

Viel hat sich seither nicht getan. Nur wenige deutsche Unternehmen sind aufgewacht und fördern den Schlaf ihrer Mitarbeiter aktiv. So wie etwa im Bosch-Entwicklungszentrum in Abstatt bei Heilbronn. Mit Kopfhörern können Mitarbeiter auf so genannten Klangliegen schlummern. Bei BASF gibt es mehrmals im Jahr „Powernapping“-Kurse am Arbeitsplatz. „Insbesondere Schichtmitarbeiter berichten über eine erfrischende Wirkung der Naps“, sagt eine Sprecherin.

So weit, so traumhaft. Und in Österreich? „Tatsache ist, dass der heimliche Büroschlaf definitiv existiert“, sagt Högl. In ihrem Schlaflabor würden ihr immer wieder Patienten davon erzählen. „Ich habe selbst früher in meinen Studentenjobs manchmal gehört – und manchmal sogar gesehen – dass das vorkommt.“

Das richtige Nickerchen

Ob heimlich oder nicht, das richtige Napping will auf alle Fälle gelernt sein. Die optimalen Arbeitszeiten, darin sind sich Schlafforscher einig, liegen zwischen neun und zwölf Uhr und zwischen 15 und 18 Uhr. Mittags dagegen geraten nachweislich so gut wie alle Menschen in ein Leistungstief, das innerhalb von 24 Stunden zweimal auftritt: nachts zwischen drei und vier Uhr und in etwas abgeschwächter Form tagsüber zwischen 12 und 14 Uhr. Babys und Kleinkinder tun da genau das, was die Erwachsenen verlernt haben: Schlafen!

Das ist in der Arbeit unter Umständen aber auch nicht ganz so leicht wie im Kinderwagen oder Gitterbettchen. Fehlt das Einzelbüro, benötigt der moderne Napper einen Rückzugsort: „Damit der Nap erholsam ist, sollte man sich für den Mittagsschlaf hinlegen und den Raum leicht abdunkeln können“, erklärt die Expertin. Der Powernap sollte dann nicht länger als 20 Minuten dauern. Wird die Schlafpause zu lang, fährt nämlich nicht nur der Kreislauf zu stark herunter, man braucht auch zu lange, um wieder aufzuwachen. Oft sind dann zwei bis drei Stunden weiterer Schlaf nötig, um wieder richtig wach zu werden. Man muss also wissen, wann Schluss ist.

Gibt es keine Rückzugsmöglichkeit, nappt der müde Büroangestellte eben direkt am Schreibtisch. Das Wichtige sei nämlich, so Högl, dass das Gehirn eine Ruhepause bekomme, und hier würden auch zehn bis 15 Minuten für das kurze Nickerchen oder eine Ruhepause bereits vollkommen ausreichen.

Noch wichtiger sei es allerdings, nachts genügend Schlaf zu bekommen, um der Dauermüdigkeit am Arbeitsplatz vorzubeugen. Das sei aber gar nicht so leicht: „Mit der neuen Möglichkeit des Zwölf-Stunden-Tages bleibt nicht viel Zeit für den Schlaf. Da muss man noch den Arbeitsweg wegrechnen, das Abendessen, und dann möchte man möglicherweise noch Zeit mit der Familie oder Freunden verbringen.“ Das Schlafdefizit sei hier schon vorprogrammiert.

Schlafen noch zu verpönt

Spätestens am Nachmittag breche die Müdigkeit dann über die Verschlafenen herein. „Der Mittagsschlaf kann da kurzfristig für Erholung sorgen, aber er kann das Defizit nicht ausgleichen“, sagt die Ärztin. „Wenn man weiß, wie wichtig der Schlaf für das Gehirn ist, weil es sich dabei erholt, ist es schade, dass der Schlaf im Büro nach wie vor so einen schlechten Ruf hat“, sagt Högl. Die Gesellschaft wisse außerdem noch viel zu wenig darüber Bescheid, wie viel Arbeitsleistung durch Schlafmangel verloren gehe.

Die praktische Umsetzung dieser schlafraubenden Erkenntnis lässt jedenfalls hierzulande noch zu wünschen übrig. Bis auf ein paar wenige Beispiele ist der Büroschlaf nach wie vor ein Traum. Und Träume-Räume sucht man auf den österreichischen Büroetagen vergebens. Dabei geht es doch nur um 20 Minuten des Arbeitstages, in denen wir ins Reich der Träume abtauchen und anschließend hellwach Karriere machen wollen.




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