Letztes Update am Fr, 26.10.2018 12:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Interview

Krimi-Autorin Melanie Raabe: „Ich bin relativ zart besaitet“

In den Thrillern von Melanie Raabe sucht man Blutrünstiges vergeblich. In ihren Geschichten steht das psychische Befinden im Mittelpunkt. Ein Gespräch mit der Kölner Erfolgsautorin.

© Thomas Boehm / TTFür Melanie Raabe war das Krimifest Tirol ein Highlight.



Sie haben zunächst als Journalistin gearbeitet und in der Nacht heimlich an Ihren Manuskripten geschrieben. Wie kam es, dass Sie sich dazu entschieden haben, als Schriftstellerin an die Öffentlichkeit zu treten?

Melanie Raabe: Das war ein längerer Prozess, weil meine ersten vier Manuskripte zunächst von allen Verlagen abgelehnt wurden. Trotzdem habe ich nicht aufgegeben. Erst bei meinem fünften Versuch bin ich endlich in einem tollen Verlagshaus untergekommen. Ich hatte auch Glück, denn es gibt viele gute Autorinnen und Autoren, aber wenige Programmplätze in den Verlagen. Rückblickend glaube ich, dass die Arbeit an meinen ersten vier Manuskripten nicht umsonst war. Ich konnte mich als Autorin entwickeln.

Ihr erster Thriller „Die Falle“ ist in zwei Dutzend Sprachen übersetzt worden. Die Filmrechte waren schon nach Hollywood verkauft, als das Buch noch kaum erschienen war. Wovon handelt Ihr Erstling?

Raabe: Es geht um eine erfolgreiche Schriftstellerin, die allerdings komplett zurückgezogen lebt und seit vielen Jahren das Haus nicht verlassen hat. Sie ist traumatisiert vom Mord an ihrer Schwester. Durch Zufall erkennt sie in einem Fernsehjournalisten den Mörder ihrer Schwester wieder und entschließt sich dazu, diesen angesehenen wie prominenten Mann auf eigene Faust zu überführen.

„Die Falle“ wird verfilmt und kommt demnächst in die Kinos. Haben Sie das Drehbuch bereits gelesen?

Raabe: Ja, ich habe es vor einer ganzen Weile gelesen. Im Drehbuch wird die Handlung des Romans natürlich sehr stark verkürzt. Das habe ich aber gar nicht als störend empfunden, denn der Film arbeitet klarerweise mit anderen dramaturgischen Mitteln, deshalb müssen viele Erzählstränge dras­tisch gekürzt werden. Trotzdem hat mir das Drehbuch sehr gut gefallen.

Haben Sie eine klare Vorstellung davon, wie die Hauptdarsteller im Film aussehen müssen?

Raabe: Für mich wäre es schwierig, Darsteller auszuwählen, denn ich habe mich bei der Entwicklung meiner Figuren nicht an Hollywoodstars orientiert. Äußerlichkeiten interessieren mich beim Schreiben auch nicht vordergründig. Ich beschäftige mich lieber mit der Psyche meiner Figuren.

Sie geben einen genauen Einblick in die psychische Verfassung Ihrer Protagonisten. Blutrünstige Szenen sucht man in Ihren Büchern vergeblich. Eigentlich ungewöhnlich für das Thriller-Genre.

Raabe: Ja, das stimmt. Zum einen bin ich relativ zart besaitet und scheue krasse Gewaltdarstellungen per se. Zum anderen interessiere ich mich einfach auch viel mehr für Psychologie und für facettenreiche Charaktere.

Melanies Raabe aktueller Roman "Der Schatten" spielt in Wien.
- Thomas Böhm

Das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Mann und Frau ist oft ein Thema Ihrer Geschichten. Wie kommt das?

Raabe: Das hat größtenteils pragmatische Gründe. Wenn man eine Protagonistin hat, sucht man für gewöhnlich einen Gegenspieler, der einen Kontrast zu dieser Figur darstellt. Daher sind die Gegenspieler meiner Heldinnen gerne mal Männer.

Ihr aktueller Krimi „Der Schatten“ spielt in Wien. Warum haben Sie diesmal einen österreichischen Schauplatz ausgewählt?

Raabe: Ich liebe Wien, und die Stadt war perfekt für das, was ich erzählen wollte. Und sie bietet so viele wunderbare Schauplätze, etwa den Prater, die Gegend um die Karlskirche und die Wiener Kaffeehäuser. Ich erzähle von einer jungen Frau namens Norah, die gerade nach Wien gezogen ist und dort auf eine Bettlerin trifft, die ihr prophezeit, dass sie demnächst einen Mann töten wird. Kurz darauf tritt tatsächlich ein mysteriöser Mann in das Leben dieser Frau.

Könnten Sie sich vorstellen, das Genre zu wechseln und einfach mal einen Liebesroman zu schreiben?

Raabe: Ich halte mich eigentlich ohnehin nicht an die Vorgaben des Genres. So heißt es ja immer, dass es in einem Thriller blutig zugeht. Bei mir ist das anders. Insofern kann ich mir einen Genrewechsel sehr gut vorstellen. Ob ich dann allerdings einen Liebesroman schreiben würde, weiß ich nicht.

Sie haben in den vergangenen Tagen beim Krimifest gelesen. Wohin geht die Reise jetzt?

Raabe: In Innsbruck habe ich mich sehr wohl gefühlt. Das Krimifest war ein Highlight. Nun fliege ich nach Kanada, mein Thriller „Die Wahrheit“ ist soeben auf Englisch erschienen. Ich werde auf Englisch lesen. Eine Herausforderung, auf die ich mich schon freue.

Schreiben Sie auch, wenn Sie auf Lesereise sind?

Raabe: Wenn ich im „Performance-Modus“ bin, kann ich nicht schreiben. Es gibt zu viel Ablenkung. Für mich ist das Schreiben ein intensiver Prozess, für den ich ein ruhiges Umfeld brauche. Das Präsentieren von Büchern ist schön, aber ich sehe meine Kernkompetenz als Schriftstellerin im Schreiben. Ich muss ganz bei mir sein, um den vielen Neuerscheinungen, die jährlich auf den Markt kommen, wirklich auch etwas Neues hinzufügen zu können.

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl

Zur Person

Die Schriftstellerin Melanie Raabe wurde 1981 in Jena geboren. Nach dem Studium arbeitete sie tagsüber als Journalistin – und schrieb nachts heimlich Bücher. 2015 erschien „Die Falle“, 2016 folgte „Die Wahrheit“. Raabes Romane wurden bisher in über 20 Sprachen übersetzt. „Die Falle“ war international eines der heißumkämpftesten Bücher der letzten Jahre, TriStar Pictures sicherte sich die Filmrechte. Ihr neuer Thriller heißt „Der Schatten“. Melanie Raabe lebt und schreibt in Köln.

Melanie Raabe: Der Schatten, Thriller, btb, 416 Seiten, 16 Euro