Letztes Update am Sa, 03.11.2018 06:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Jugendforscher im Gespräch: „Die Solidarität wird zum Luxus“

Unsere Jugendlichen sind von Ängsten getrieben. Sie sind Anhänger des Rechtspopulismus und wollen die Oberschicht quälen. Dass sie dazu noch Gabalier hören, kann man ihnen nicht vorwerfen, sagt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier.

© TT/Julia HammerleJugendforscher Bernhard Heinzlmaier.



Wie unterscheiden sich die heutigen jungen Erwachsenen von denen, als Sie Jugendlicher waren?

Bernhard Heinzlmaier: Man fand noch leichter eine adäquate Arbeit und das Scheitern war nicht so katastrophal. Als ich Matura machte zum Beispiel, sind 15 meiner Schulkollegen direkt ins Berufsleben eingestiegen und nur drei von uns sind studieren gegangen. Heute ist das Verhältnis umgekehrt. Es gibt zu viele hochqualifizierte Uni-Abgänger. Auf einen einzigen Job bewerben sich 200 Leute! Die Frage „Ist das was wert, was ich mache?“ kommt da ins Spiel und damit die Selbstzweifel.

Unsere Gesellschaft scheint von solchen Selbstzweifeln getrieben zu sein – vor allem, was die Zukunft betrifft. Was macht das mit den Jugendlichen?

Heinzlmaier: Viele denken wieder, dass früher alles besser war. Unsere Gesellschaft spaltet sich nämlich so auf, dass nur noch das obere Drittel gut überleben und Profit machen kann. Früher konnte man von der Mittelschicht noch zu den Oberen aufsteigen, das geht heute so gut wie nicht mehr.

70 Prozent der Österreicher sagen, das Wichtigste im Leben sei für sie, Halt zu finden. Die unter 30-Jährigen sind dementsprechend mit der Suche nach einem festen Grund unter den Füßen beschäftigt. Sie stehen aber andauernd auf dem Prüfstand. Das ist besonders für junge Menschen schwierig, weil sie noch nicht etabliert sind.

Der Erwachsene hingegen hat seinen Status und hat schon etwas erreicht im Leben. Er hat somit eine stärkere Position als ein junger Mensch, der gerade seine Ausbildung fertig hat. Das führt zu einer gewissen Unsicherheit, die schlussendlich in Angst und Panik mündet.

Angst wovor?

Heinzlmaier: Viele der Jugendlichen haben Angst davor, aus ihrer sozialen Gruppe abzusteigen, ihren Job zu verlieren und möglicherweise von Sozialhilfe leben zu müssen. Zudem haben viele von ihnen Angst davor, von ihrem Umfeld nicht mehr respektiert zu werden. Statusstress nennt sich dieses Phänomen. Sie trauen sich selbst nicht mehr zu, eine Familie zu gründen, eine Ausbildung zu machen und in einen guten Job einzusteigen. Das macht die Situation der Jugendlichen besonders schwierig.

Die so genannte „Rolltreppenmetapher“ trifft das ganz gut: Alle laufen von ihrer Angst getrieben permanent gegen die Laufrichtung nach oben an. Wer da einmal stehen bleibt, der fährt abwärts. Es ist also ein ständiger Kampf um den eigenen Status. Und es gibt keine Möglichkeit, stehen zu bleiben oder sich nach den anderen umzudrehen.

Um welches Milieu handelt es sich dabei vor allem?

Heinzlmaier: Die Mittelschicht. Sie hat am meisten Angst. Sie fasst nicht mehr so richtig Fuß. Sie hat Angst vor dem Kulturverlust und klammert sich deshalb an das, was ihre Kultur für sie verkörpert: zum Beispiel Volksmusik und Trachten. Die jungen Leute hören Helene Fischer und Gabalier und mögen diese Heile-Welt-Kultur, die auch der Rechtspopulismus propagiert. Man kann ihnen das aber nicht einmal vorwerfen, denn sie sind ja ein Produkt dieser Kultur und machen einfach das, was sie machen müssen.

Das heißt also, die Mitte ist rechts. Warum?

Heinzlmaier: Ja, die Mittelschicht trägt die türkis-blaue Politik. Sparsamkeit, Sauberkeit und Ordnung sind den Menschen auf einmal wieder wichtig. Und auch das gute Benehmen ist wieder angesagt. Die jungen Leute besuchen die Tanzschule und schaffen sich so ihr geregeltes Umfeld. Regeln sind sowieso etwas, was die Jugendlichen zu brauchen scheinen.

Verschließen sie sich damit nicht der restlichen Welt?

Heinzlmaier: Doch. Es geschieht ja auch eine Werteverschiebung. Vertrauen, Gegenseitigkeit und Gemeinschaft verlieren immer mehr an Gewicht. Man schaut auf sich und darauf, dass man selbst möglichst gut über die Runden kommt. Auf andere Rücksicht zu nehmen oder denen zu helfen, denen es schlechter geht, ist nicht mehr drin. Die Solidarität wird zum Luxus.

Die Mittelschicht ist sogar so frustriert, dass sie es sich zur Aufgabe macht, das obere Milieu zu quälen und wählt aus diesem Grund rechtspopulistische Parteien. Da geht es viel um das Gefühl der Machtlosigkeit. Und um Angst

Gibt es denn eine Möglichkeit, diese Angst loszuwerden?

Heinzlmaier: Das ist nicht so leicht. Die Angst ist im Grunde genau dasselbe wie der Klimawandel. Der hat sich über 100 Jahre zu dem entwickelt, was er jetzt ist und man kann ihn nicht einfach so wegmachen. Bei der Angst ist es genauso. Das ist ja eine systemische Angst, die aus den Veränderungen im System kommt. Sie kann sich also, wenn überhaupt, nur ganz langsam mit dem System wieder verändern.


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