Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.11.2018


Gendern

Sonja und die fünf Bügelbretter

Kaum ein anderes Thema erhitzt die Gemüter so wie das Gendern. Eine geschlechtergerechte Sprache könnte das Rollendenken verändern, sagen Experten. Geht dabei die Rolle des Mannes verloren?

© iStockSoll die Sprache gegendert werden? Darüber gehen die Meinungen auseinander.



Von Evelin Stark

Innsbruck – Binnen-I, Gendersternchen und Doppelnennung: Der Kampf um alle Geschlechter in der deutschen Sprache ist kein neues Thema. Seit mehr als 40 Jahren bemühen sich Sprachwissenschafter, Soziologen und Feministen – ja, die gibt es auch in der männlichen Form – darum, dass Deutsch geschlechtergerecht und inklusiv wird. Genau – wird. Das ist es nämlich nicht. Aber muss es das denn wirklich werden?

„Es gibt durchaus Punkte, die beim Versuch, antidiskriminierend zu formulieren, kritisiert werden können“, sagt Claudia Posch, Linguistin an der Universität Innsbruck und Vorstandsmitglied des Österreichischen Verbandes für Angewandte Linguistik. Wenn Gendern nämlich bloßes mechanisches Ersetzen von einzelnen Worten mit einigen Schrägstrichen oder Großschreibungen ist, sei zu hinterfragen, ob wirklich darüber nachgedacht wurde, wie Personen in einem Text dargestellt werden können.

„Wer will schon im Jahr 2018 noch Matura-Textaufgaben lösen, in denen Sonja fünf Bügelbretter kauft, während Manuel 180 km/h schnell Motorrad fährt?“, so Posch. Gendern beginne also schon lange, bevor ein konkretes Wort geäußert wurde und sei viel breiter zu verstehen als simple Veränderungen auf der Wortebene. Die Lösung könne jedoch nicht einfach darin liegen, zum „generischen Maskulinum“ zurückzukehren – also „Schüler“ für „Schülerinnen und Schüler“ zu verwenden.

Dass das Gendern das Textverständnis behindert, ist ein Argument, das häufig in diesem Zusammenhang auftaucht. „Stand der Forschung ist, dass diese Aussage falsch ist“, weiß die Innsbruckerin. „Zahlreiche psycholinguistische Studien zeigen deutlich, dass antidiskriminierend formulierte Texte gleich gut verstanden und gemerkt werden wie Texte im ,generischen Maskulinum‘.“

Gleichzeitig gäbe es auch Studien, die zeigen, dass Texte, die ausschließlich männliche Formen verwenden, einen messbaren Mehraufwand für das Verständnis erfordern. „Dadurch entsteht ein deutlicher Nachteil für Mädchen und Frauen, da diese immer erst überlegen müssen, ob sie gemeint sein könnten oder nicht: Es gibt Spitzenverdiener und Astrophysiker. Wie sollen Mädchen dabei auf die Idee kommen, Astrophysikerin oder Spitzenverdienerin werden zu wollen?“

Dass Rollenbilder durch Sprache entstehen und beeinflusst werden, weiß auch Marita Haas. Die Sozialwissenschafterin mit Schwerpunkt Geschlechterforschung lehrt an der Universität Wien. „Wenn man zum Beispiel liest ,der Wissenschafter‘, stellt man sich automatisch einen Mann vor, auch wenn vielleicht beide Geschlechter gemeint sind“, sagt sie. Damit würde wiederum in den Köpfen der Menschen die Schlussfolgerung ausgelöst, dass ein Wissenschafter ein Mann sein muss.

Eine geschlechtergerechte Sprache greift also viel weiter als nur in das Schreiben und Sprechen. „Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, denn es geht darum, Frauen sichtbar zu machen“, sagt Alexandra Weiss. Die Politikwissenschafterin beschäftigt sich in ihrer Forschung an der Uni Innsbruck mit Geschlechterverhältnissen und feministischer Sozialforschung. „Für mich ist es auch eine Frage der Präzision. Die deutsche Sprache bietet die Möglichkeit, beiden Geschlechtern Raum zu geben. Für mich gibt es kein kluges Argument, das dagegen spricht.“

Dass es sich dabei letztlich auch um Machtfragen handle, sei nichts Neues. Dennoch ist es aktuell: „Wir befinden uns in einer Zeit, wo sich Männer als Opfer sehen und in einer so genannten ,Männlichkeitskrise‘ stecken“, so Weiss. Ökonomische Umwälzungen und die Tatsache, dass Frauen qualifizierte Berufe ausüben und nicht mehr nur für die Kinder und den Haushalt zuständig sind, hätten die Identitäten durcheinandergewirbelt. „Damit wird die ökonomische Rolle des Mannes in Frage gestellt. ,Männlichkeitskrisen‘ werden seit dem 20. Jahrhundert immer wieder proklamiert, in der Regel dann, wenn die männliche Vormachtstellung in Frage steht. Oft wird das als Krise der ganzen Gesellschaft beschrieben, was man durchaus als Strategie der Herrschaftssicherung interpretieren kann.“ Die Diskussionen um das Gendern seien hier Scheingefechte. Eigentlich gehe es darum, einer Politik für mehr Geschlechtergerechtigkeit die Legitimation streitig zu machen.

Die deutsche Kulturwissenschafterin und Redakteurin der Welt Hannah Lühmann identifiziert sich in dem Buch „Gendern?!“ (Duden Verlag 2018, 64 Seiten, 8,30 Euro) mit den Gegenargumenten zur Genderthematik: „Ich glaube, es ist ein Denkfehler, dass Identität sich durch Sprache ausdrückt. Wir sollten nicht so tun, als gäbe es eine Welt, auf die wir durch Sprache einwirken können.“

Viel wichtiger sei es aus ihrer Sicht, die gesellschaftlichen Strukturen direkt anzugehen: „Es gibt so viele strukturelle und politische Baustellen, an denen gearbeitet werden muss: Kinderbetreuung, Gender Pay Gap usw. Zuallererst müssen aber die Männer umdenken.“




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