Letztes Update am Fr, 09.11.2018 14:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Michelle Hunziker: „Ich war das ideale Opfer für eine Sekte“

Michelle Hunzikers Leben schien perfekt: Sie stand als TV-Moderatorin im Rampenlicht und war mit Eros Ramazzotti verheiratet. In ihrem neuen Buch offenbart sie die dunklen Jahre ihrer Vergangenheit.

© dpaMichelle Hunziker sprach auf der Frankfurter Buchmesse offen darüber, wie sehr sie als junge Frau die Zuneigung ihrer Mutter vermisste.



Michelle Hunziker besitzt ein strahlendes Lächeln. Wenn man dieser selbstbewussten, erfolgreichen Frau begegnet, dann kann man sich nicht vorstellen, dass sie in ihrem Leben jemals unglücklich gewesen sein könnte. Auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte Michelle Hunziker ihr neues Buch „Ein scheinbar perfektes Leben“ (Bastei Lübbe), in dem sie erzählt, wie ihr Leben von einer Sekte bestimmt wurde und wie ihr der Ausstieg gelang.

Wie konnte es geschehen, dass Sie in die Fänge einer Sekte geraten sind?

Michelle Hunziker: Ich war Anfang zwanzig und hatte psychische Probleme, die sich körperlich niederschlugen. Ich litt an Haarausfall. Ich habe viele Ärzte aufgesucht, die meine Probleme aber nur auf Stress zurückführten. Meine Beschwerden verschwanden aber nicht. Eines Tages hatte mein damaliger Mann Eros Ramazzotti mit akuten Halsschmerzen zu kämpfen und musste Konzerte absagen. Mein Manager empfahl uns eine Therapeutin. Und so trat Clelia in mein Leben. Sie war eine kluge, hübsche Frau mit viel Herzenswärme. Ich weiß zwar nicht, wie, aber sie hat Eros damals geholfen. Dann begann sie sich für mich zu interessieren. Clelia hat viel mit mir gesprochen und gewann mein Vertrauen.

Warum waren Sie zu diesem Zeitpunkt so verwundbar?

Hunziker: Ich bin mit meinen Eltern als Kind mehrmals umgezogen, und ich musste mich oft auf eine neue Umgebung einstellen. Mein Vater hatte leider große Alkoholprobleme, die dazu führten, dass er oft arbeitsunfähig war. Deshalb musste meine Mutter unseren Lebensunterhalt verdienen. Ich habe von ihr eine Zuwendung erwartet, die sie mir damals nicht geben konnte. Dann heiratete ich Eros Ramazzotti und wurde früh Mutter. Trotzdem fehlte mir in meinem Leben die Orientierung. Ich war das ideale Opfer für eine Sekte.

Wie hat sich die Beziehung zu Ihrer Therapeutin Clelia entwickelt?

Hunziker: Ich erzählte ihr von meiner tiefsten Wunde: von der Alkoholsucht meines Vaters. Ich suchte nach Zuwendung. Von Clelia bekam ich sie. Ihr konnte ich mich anvertrauen, sie nahm mich ernst und hörte mir zu. Sie päppelte mein schwaches Selbstwertgefühl auf. Dann fing sie irgendwann damit an, mich zurückzuweisen. Clelia hat zunächst nur mich allein therapiert. Später kamen weitere Menschen dazu.

Diese Therapeutin baute eine Sekte auf. Wie hatte man Sie in der Hand?

Hunziker: Im ersten Schritt haben sie mir das Gefühl vermittelt, uneingeschränkt für mich da zu sein. Dann kam der zweite Schritt: Sie schotteten mich von meinem sozialen Umfeld ab. Schließlich gelang es ihnen, die absolute Kontrolle über mein Leben zu erlangen. Als ich gänzlich isoliert war, begannen sie damit, mich systematisch zu bestrafen.

Wie sahen diese Bestrafungen genau aus?

Hunziker: Gerade bei Familienfesten, an Weihnachten etwa, ließen sie mich alleine. Das war schlimm. Ich war aber von diesem spirituellen Weg überzeugt. Meine Tochter Aurora hat nichts von meiner Mitgliedschaft bemerkt, wenn man von meiner damaligen Traurigkeit absieht. Ich habe sie da komplett rausgehalten.

Wie wurden Sie isoliert? Immerhin standen Sie in der Öffentlichkeit, hatten sogar eine eigene Fernsehsendung.

Hunziker: Auf der Bühne ging es mir gut. Da konnte ich aufatmen und hatte Kontakt zu Menschen. Hier konnte mich die Sekte nicht kontrollieren. Damals gab es noch kein Internet und kein Social Media. Ich hatte zwar ein Handy, aber das wurde von der Sekte kontrolliert. Nicht mal meine Mutter erreichte mich. Meine Mutter hat sehr wohl versucht, mich anzurufen. Sie kam sogar einmal zu einer Musical-Show und wollte hinter der Bühne mit mir zu sprechen. Sie wurde aber abgewimmelt.

Leider ist Ihre Ehe mit Eros Ramazzotti zerbrochen. Gab es keine Chance für diese große Liebe?

Hunziker: Ich war fünf Jahre in den Fängen dieser Sekte. Als ich dann den Absprung geschafft habe, war in meiner Beziehung schon zu viel kaputtgegangen. Ich habe nach dem Ausstieg aus der Sekte meine Mutter wiedergefunden und mein Leben wieder in den Griff bekommen. Meine Ehe konnte ich jedoch nicht mehr retten. Eros und ich, wir verstehen uns heute sehr gut. Und es ist ein großes Glück, dass ich mit meinem jetzigen Mann eine zweite Chance in meinem Leben bekommen habe.

Wie haben Sie es geschafft, sich aus dieser Sekte zu befreien?

Buch-Tipp

Michelle Hunziker, „Ein scheinbar perfektes Leben“. Aus dem Italienischen von Elisabeth Liebl. 335 Seiten, 20 Euro, Bastei Lübbe .

Hunziker: Mir wurde von der Sekte suggeriert, dass ich mein Leben ohne sie nicht bewältigen könnte. Sie hatten mich davon überzeugt, dass ich sterben würde, wenn ich die Sekte verlasse. Ende 2006 hatte ich den Mut auszusteigen. Anlass dafür waren die Worte meiner Tochter Aurora, die damals zu mir sagte: „Ich will meine strahlende Mama zurück.“ Meine Mutter wiederzusehen, war sehr schön. Ich habe drei Jahre gebraucht, um diese Zeit zu verarbeiten. Ich hatte oft Panikattacken. 2011 habe ich meinen jetzigen Mann kennen gelernt. Es ist so schön, dass ich mit ihm wieder eine Familie gründen konnte. Wir haben zwei entzückende Töchter.

Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie über Ihre Zeit in der Sekte sprechen?

Hunziker: Immer, wenn ich ein Buch signiere, dann kann ich den Schmerz, der mir widerfahren ist, ein wenig lindern. Ich möchte dazu beitragen, dass Menschen den Ausstieg schaffen oder dass sie gar nicht erst in die Fänge einer Sekte geraten.

Wie gehen Sie mit dieser Lebenserfahrung um?

Hunziker: Heute weiß ich, dass niemand sein Selbstwertgefühl davon abhängig machen sollte, wie sehr er von anderen geliebt wird. Das Schönste im Leben ist, Liebe zu geben. Die Liebe zu meinem Mann und zu meinen drei Töchtern ist für mich das Wichtigste. (Gerlinde Tamerl)