Letztes Update am Fr, 16.11.2018 22:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Ischgls TVB-Chef Andreas Steibl: „Man muss mal einen Schnitt machen“

Tourismus braucht Visionen. Und Mut. Davon hat Ischgls TVB-Chef genug. Andreas Steibl vergleicht Ischgl mit New York, entschärft über den Wolken kritische Situationen und ist mit Stars auf Du und Du.

© Thomas BöhmAndreas Steibl: Einer, der mit vielen Worten, Händen und Füßen spricht.



Müsste ich Sie beschreiben, würde ich sagen: Ischgls Tourismusdirektor – ein Mann mit rhetorischem Geschick. Geben Sie mir ein Beispiel, dass Sie um Worte quasi nie verlegen sind?

Andreas Steibl: Vor Jahren arbeitete ich für einen Reiseveranstalter. Auf dem Flug nach Mallorca bat mich der Pilot ins Cockpit. Es gebe ein Problem mit Mallorcas Landebahn, darum dürfe er dort nicht landen. Also sollte ich den 157 Passagieren, die bereits angetrunken waren, erklären, dass sie die Woche Urlaub nicht dort, sondern auf Rhodos verbringen müssen. Nur dort konnten wir auf die Schnelle landen. Das bedeutete, mit den Kollegen am Boden zu faxen – Handys gab es noch nicht –, dass sie Ersatzhotels buchen. Ich hab’ die „Passagier-Ansprache“ hinausgezögert, bis wir übers Rollfeld von Rhodos gerattert sind. Ich hab’ geschwitzt. Ein Passagier meinte schon: „Öh, die spanische Flagge schaut aus wie die griechische! Mia wurscht. Hauptsache Ballermann!“ Da hab’ ich’s ihnen schonend erklärt. Kurzum: Nur vier sind heimgereist. Der Rest blieb – aber nicht wegen meiner Ansprache, sondern wegen des upgegradeten Fünf-Sterne-Hotels.

Wie verlief Ihr Karriereweg, der Sie von Wien nach Tirol führte?

Steibl: Kurz vor dem Ende meines Betriebswirtschaftsstudiums lernte ich einen Club-Mediterranee-Mitarbeiter kennen. Über ihn wurde ich Animateur und VIP-Betreuer in Marrakesch. Da hab’ ich abends bei den Shows getanzt und Theater gespielt. Nach weiteren drei Saisonen in der Türkei und Tunis half ich einem Freund in Wien, einen großen Reiseveranstalter aufzubauen, um Österreicher in die Welt zu schicken. Über einen Headhunter bekam ich das Angebot, die Welt künftig nach Österreich zu holen. Ins Stubaital, um genau zu sein. Beim Bewerbungsgespräch habe ich – als gebürtiger Wiener – die Tiroler wegen des Dialekts kaum verstanden. Trotzdem kam wenig später die Zusage und die Bitte, nach Tirol zu ziehen.

Wie haben Ihre Wiener Freunde darauf reagiert?

Steibl: Beim Heurigen in Mödling meinten sie: „Bist deppad? Tiroler mögen Wiener nicht.“ Davon habe ich aber bis heute nichts gemerkt – und das ist 20 Jahre her. Am Abschiedsabend musste ich alle Folgen der „Piefke-Saga“ schauen. Danach war ich schon ein bissl besorgt. Aber nach einem Dreivierteljahr habe ich in Wien alles verkauft, weil ich in Tirol so gut integriert war – und das, obwohl ich Wiener war und blonde Haare hatte, die mir noch bis zur Hüfte reichten.

Wieso sind die jetzt kurz?

Steibl: Meine Schwägerin hat sie abgeschnitten, als ich nach einer langen Nacht auf einer Bar im Club lag – wenn Sie wissen, was ich meine. Ich war beleidigt, schließlich waren die Haare mein Markenzeichen. Aber ich bin nicht mehr bös’ – man muss mal einen Schnitt machen. So auch mit dem Stubai. Ich konnte dort sehr viel bewegen und lernte einiges über die Tiroler Mentalität. Vor 16 Jahren entschied ich mich dann für meine Traum-Destination Ischgl.

Was reizt Sie so an Ischgl? Die Konzert/Party-Action hätten Sie auch in Wien genießen können.

Steibl: Nein! In Wien konnte man nur Freitag und Samstag ausgehen. Danach war die Stadt ausgestorben. Es geht mir nicht nur um das Entertainment, sondern um das Ambiente. Kürzlich war ich in New York am Times Square. Dort war die Stimmung ähnlich wie in Ischgl. Die Leute werden jetzt sagen: „Der Steibl, der Verrückte, vergleicht Ischgl mit New York.“ Aber nur an diesen Orten fühle ich mich lebendig. Hier spüre ich das Leben.

Von Rocklegenden und Schlagerstars

Der gebürtige Wiener Andreas Steibl ist seit 16 Jahren Ischgls TVB-Chef. Mit vielen der 64 Stars, die seit 1995 in Ischgl aufgetreten sind, hat er die Verhandlungen geführt. Eine von ihnen ist Schlagerkönigin Helene Fischer, die im April 2018 auf der Idalp vor 26.000 Wintersportlern gesungen hat.

Auch in der kommenden Saison geizt Ischgl nicht mit Promis: Am 24. November wird der mehrfach mit Platin ausgezeichnete US-Sänger Jason Derulo beim Opening auftreten. Einer seiner bekanntesten Songs ist „Colors“ – die offizielle Coca-Cola-Hymne der Fußball-Weltmeisterschaft 2018.

Das Highlight folgt zum Ende der Skisaison, wenn am 30. April 2019 US-Rocklegende Lenny Kravitz die Stimmung der Wintersportler anheizen wird.

Ihnen mag dieser Lebensstil passen. Aber bleiben junge Ischgler im Ort oder „flüchten“ sie vor dem Tourismus?

Steibl: Diesbezüglich ist der Einfluss der Eltern sehr wichtig. Gott sei Dank ist der bei uns positiv, sodass wir die Jugend als Nachfolger gewinnen können. Viele gehen ins Ausland und kommen routiniert retour, was optimal für Ischgl ist.

Haben Ihre beiden Töchter auch touristische Ambitionen?

Steibl: Die Große steht gerade vor der Entscheidung, wie es weitergeht mit der Ausbildung. Im Ischgler Betrieb meiner Frau – denn ja, ich habe eine Ischglerin geheiratet – sieht sie den handwerklichen Teil – vom Kochen zum Service. Sie reizt eher der Event-Part des Tourismus sowie die sozialen Medien.

Apropos Service: Tirol plagt ein Fachkräftemangel. Hat auch Ischgl diesbezüglich Probleme?

Steibl: Die Frage, wo man gut ausgebildete, engagierte Leute mit Herzblut findet, beschäftigt sogar uns. Gerade für den markenorientierten Ischgler Gast ist persönlicher Kontakt wichtig – vom Begrüßen beim Namen bis zum Gefühl, dass er der Star auf unserer Bühne ist.

Helene Fischer trat im April in Ischgl auf.
- TVB Ischgl

Stars wie Robbie Williams und Elton John, die hier schon aufgetreten sind, können sich nicht über zu wenig Bewunderung beschweren. Wie aufwändig sind die Verhandlungen mit Weltstars?

Steibl: Lenny Kravitz, der im April kommt, hat uns lange zappeln lassen. Vier Monate. Neben dem finanziellen Aspekt muss der Termin passen. Der Sänger muss an dem konkreten Tag Zeit haben. Ein Veranstalter in der Stadt verschiebt das Konzert. Wir können die Saison aber nicht Wochen früher beenden. Auch sollte der Sänger gerade auf Tour sein – dann wird es für uns etwas billiger, als reise er für ein Einzelkonzert an. Das Gute ist, dass Ischgl mittlerweile einen Namen in der Musikbranche hat. Die Stars reden untereinander. Mariah Carey trat etwa bei uns auf, weil Elton John ihr dazu geraten hat.

Wer wäre Ihr Wunschsänger?

Steibl: George Michael. Theoretisch. Der Mann, der nur mit Gitarre 20.000 Leute begeisterte, hat mich durch meine Jugend begleitet. Leider ist er verstorben. Grandios wären die Black Eyed Peas oder U2.

Wäre Ischgl mit Stars, aber ohne Skigebiet, ebenso gefragt?

Steibl: Nein. Die Basis des Erfolgs ist das gewaltige Skigebiet mit den modernen Seilbahnanlagen. Außerdem bauen wir das Gourmetthema aus: Unser kleiner Ort punktet mit 18 Hauben laut Res­taurantführer Gault & Millau und liegt damit direkt hinter Wien als Gourmethauptstadt.

Das Gespräch führte Judith Sam