Letztes Update am Do, 22.11.2018 13:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Brauchtum

Krampusse in Tirol: Wo immer mehr wilde Kerle wohnen

Der Krampus ist in den letzten Jahren zum Siegeszug um die ganze Welt angetreten. Hinter den vielen verschiedenen Masken können mittlerweile auch Frauen stecken, wie ein Dokumentarfilm zeigt.

© pimptheponyproductionsDer Film "Gruß vom Krampus" läuft derzeit in ausgewählten Kinos in Tirol.



Von Silvana Resch und Philipp Schwartze

Wenn an dunklen Winterabenden dumpfes Schellengeläut eine Horde von Krampussen ankündigt, überkommt Frau und manchmal auch Mann Panik: Schließlich war die zottelige, behörnte Schreckensgestalt lange Zeit der Joker in Sachen schwarzer Pädagogik. „Wenn du nicht brav bist, holt dich der Krampus“, so die Drohung, die am 5. Dezember für so manchen unglücklichen Frechdachs wahr wurde. Doch diese Zeiten sind vorbei – glaubt man zumindest der Doku „Gruß vom Krampus“ der Salzburger Regisseurin Gabriele Neudecker. Im Film, in dem sie sich sehr ausführlich mit dem Thema Perchten auseinandersetzt, werden Mitglieder verschiedener Krampusgruppen begleitet – auch in Kindergärten.

Das Spiel mit den Masken

Nicht um den Kindern Angst zu machen, sondern um Angst zu nehmen. Denn hinter jeder noch so grässlichen Maske steckt ein Mensch – so die Botschaft für die Kleinen. Die bei dieser Gelegenheit auch gleich selbst hinter die Larve schlüpfen dürfen.

Kein Grund zum Fürchten also? Wohl weniger. Denn auch wenn es mittlerweile eine ganze Bandbreite von Krampusläufen gibt – vom familienfreundlichen Event bis hin zum Hollywood-inspirierten Horrorspektakel –, ohne Böse-Buben-Image wäre die Faszination schwer zu erklären. „Die Grenzüberschreitung ist dem Brauch eingeschrieben“, sagt der Ethnologe Konrad Kuhn von der Universität Innsbruck.

„Es geht darum, sich anders zu verhalten als im Alltag, brutal zu sein, gewalttätig zu sein, mal auf spielerische Art übergriffig zu sein, was ich natürlich nicht verharmlosen will“, so Kuhn.

Durch Nummerierung oder die verpflichtende Anmeldung zum Krampuslauf wird den Tuifln ein enges Korsett übergestülpt. Aber natürlich sind auch die einzelnen Vereine bemüht, Grenzüberschreitungen zu verhindern. „Die Gruppen müssen andere Varianten der Gewalt und des Schreckens entwickeln, zum Beispiel durch sehr laute Musik, meist Heavy Metal, oder Pyrotechnik“, erklärt Kuhn.

Die zuweilen „ausufernden Sicherheitsvorkehrungen“ haben auch Dokumentarfilmerin Neudecker überrascht. „Nicht nur die Zuschauer müssen vor dem Krampus geschützt werden, die Krampusse müssen auch vor den Zuschauern geschützt werden“, sagt sie. Kuhn vermutet, dass die „Passivität, zu der das Publikum verdonnert wird“, zu Gegengewalt führen kann.

Boom auch in Hollywood

Von der medialen Berichterstattung über Gewaltexzesse – die laut dem Ethnologen nicht darüber hinwegtäuschen sollten, dass die Perchtenläufe noch nie „so zahm und so brav“ waren wie heute – lässt sich kaum jemand abschrecken. Im Gegenteil: Der Tuiflboom hat auch Hollywood erreicht. Dank dem bei der Kritik wenig erfolgreichen Horrorfilm „Krampus“ (2015) ist die diabolische Gestalt endgültig in ganz Amerika bekannt.

Krampusveranstaltungen gibt es mittlerweile nicht nur im gesamten Alpenraum, sondern auch in den USA und Japan. Eine japanische Fangruppe ist etwa unlängst nach Tirol gereist, um sich Original-Masken zu besorgen.

Der Dokumentarfilm "Gruß vom Krampus" beleuchtet die historischen Wurzeln der Perchten.
- pimptheponyproductions

Die Frage nach dem „Original“ erhitzt freilich die Gemüter. Denn Hollywood hat dem Krampus seinen Stempel aufgedrückt: Horrormasken à la Halloween, Ork-Masken wie in „Herr der Ringe“ und LED-Lichter in den Augen sorgen bei Traditionalisten für Naserümpfen. Auch was Frauen unter dem Pelz angebelangt, sind die Meinungen zwiespältig – obwohl es historisch gesehen wohl immer wieder Tuifelinnen gegeben hat.

„Trotz der Suche nach Stabilität, bei näherer Betrachtung steckt sehr viel Dynamik und Wandel im Brauchtum“, gibt der Ethnologe zu bedenken.

Der Wissensdurst zum Thema ist jedenfalls enorm. Vor US-Anfragen zu Filmvorführungen kann sich Neudecker nach der Welturaufführung in Texas kaum retten.

Aber wie kommt es zu dem Boom? Für den Ethnologen liegt es an einer Kombination von Gründen. Nicht nur die Sehnsucht nach Ursprünglichem, Echtem spiele eine wichtige Rolle. Der Krampus locke auch mit einer „Welt der Eindeutigkeiten“: „Hier wird eine aktive und brachiale Männlichkeit verhandelt“, so Kuhn. „Wichtig ist stets die Ebene des spielerischen Austesten von Grenzen, dies gilt auch für das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Bei den Krampussen prallen also archaische Formen von Männlichkeit auf #MeToo des Jahres 2018. Das Anbahnen von sexuellen Kontakten über physische Gewalt war vielleicht 1850 noch irgendwie gesellschaftlich akzeptabel – das hat sich glücklicherweise geändert.“ Auch der Krampus geht mit der Zeit.

Teuflische Frauen und Pioniere

Bei den „Sanctus Diabolus“ ist das Gruseln Frauensache: Die 13 Mitglieder aus ganz Nordtirol, die nicht nur in Tirol, sondern auch Bayern und Südtirol Menschen das Fürchten lehren, sind Tirols erste Frauen-Krampusgruppe. „Das war ursprünglich gar nicht beabsichtigt“, sagt Obfrau Bianca Gallrauner. Die 26-Jährige trat aus einem gemischten Krampusverein aus, ehe sie beim Tuifl-Schauen erneut die Sehnsucht packte: „Ich wollte immer Teufel und nicht Engel sein. Damals habe ich zu Freundinnen gesagt, ‚Mach’ ma einen Verein!‘.“ Nachdem alle Gründungsmitglieder 2014 Frauen waren, entschloss sie sich, das – bis auf eine Ausnahme, den Enkel eines guten Bekannten – zur Aufnahmebedingung zu machen.

"Sanctus Diabolus" ist Tirols erste Krampus-Frauengruppe.
- Sanctus Diabolus

„Am Anfang hat man uns schon als ‚Weiberpartie‘ bezeichnet. Aber dann haben die gemerkt, was wir auf die Haxen gestellt haben“, so die Kematerin, für die das Krampuslaufen ein „Adrenalin-Kick“ ist. „Wir gehen auf Kinder zu, geben ihnen die Hand. Die sollen keine Albträume vom Krampus haben. Wenn allerdings wer stänkert, holen wir schon die Rute.“ Das Interesse sei groß, viele Vereine würden keine Frauen aufnehmen. „Die kommen dann zu uns.“

Spektakel mit Maß und Ziel

Ganz lange sind schon die Haiminger „Krampeler“ unterwegs. Seit 1980 veranstalten sie Publikumsläufe. „Damals gab es das nur vereinzelt in Österreich“, berichtet Simon Wegleiter. Der 29-Jährige läuft, seitdem er zwölf ist, als einer von 100 durch Haiming. „Die Masken kommen alle von einem Schnitzer aus Imst. Schließlich sollen die Krampusse ja ,verwandt’ sein.“ An großen Krampustreffen nimmt man aus Überzeugung nicht teil. „Was man heute alles unter Krampus findet, gefällt uns nicht. Etwa Salzburger Perchten, die eigentlich später im Jahr den Winter vertreiben.“ Auch gibt es klare Verhaltensregeln: Niemand missbraucht die Rute und vor Publikum wird die Maske nicht abgenommen, sonst droht der Ausschluss. Mit Alkoholexzessen und Prügeleien, in denen manche Krampusläufe ausarten, will man nichts zu tun haben. „Natürlich wollen wir das Publikum verzaubern, aber mit Maß und Ziel.“

Dafür, dass der Brauch weiterlebt, sorgen die Jüngsten. „Jedes Jahr müssen wir fünf, sechs Buben vertrösten. Denn ein Kostüm kos­tet 1200 bis 1500 Euro, das kann sich kein Bub leisten. Deshalb haben wir einige Leihkostüme.“

Die Haiminger "Krampeler" ziehen bereits seit 1980 für viel Publikum durch die Straßen.
- Krampusgruppe Haiming/Pohl

Von November an treffen sich die zehn Komitee-Mitglieder im Keller des Obmanns, ehe der große Tag folgt. „Es ist jedes Jahr eine Wahnsinnsgaudi, die Straße zum Gemeindezentrum hinunterzugehen und das Publikum mit den vielen Kindern zu sehen.“


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