Letztes Update am So, 25.11.2018 06:53

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Spiel mir das Lied von der Computertomografie

Der Tiroler Geigenbauer Jakob Stainer wird oft in einem Atemzug mit Antonio Stradivari genannt. Seine Streichinstrumente haben enormen Wert. Und sie werden – unter anderem dank der Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek – heute noch gespielt. Mit dem weltweit ersten Geigen-CT schauen Forscher in ihr Innerstes.

Vesna Stankovic-Moffatt spielt seit Jahren auf einer Stainer-Geige, die sie von der OeNB geliehen 
bekommen hat.

© Vanessa RachleVesna Stankovic-Moffatt spielt seit Jahren auf einer Stainer-Geige, die sie von der OeNB geliehen 
bekommen hat.



Jakob Stainer gehört zu den bedeutendsten Künstlern, die Tirol jemals hervorgebracht hat. Musiker und Museen in aller Welt schätzen die Instrumente des in Absam geborenen Meisters bis heute. Auch schon zu Lebzeiten im 17. Jahrhundert waren Stainers Geigen als Inbegriff barocker Klangschönheit begehrt und seine Zeitgenossen bezeichneten ihn als „berühmtesten Geigenbauer“, dessen Ruhm bis nach Spanien gedrungen war, wo er für den Königshof mehrere Instrumente lieferte.

Heuer oder nächs­tes Jahr – seinen genauen Geburtstag weiß man nicht – wäre der Handwerker 400 Jahre alt geworden. Viel mehr weiß man über das Leben des oft als Eigenbrödler bezeichneten Genies nicht. Nur dass er es sich nicht immer leicht machte, besonders mit der Kirche: Er besaß lutherische Schriften, wurde nach einem Inquisitionsverfahren exkommuniziert und erst nach einer Sühne-Zeremonie wieder in die Kirche aufgenommen.

Diese Stainer-Geige aus dem Jahr 1678 befindet sich im Gemeindemuseum Absam. Ihre Besonderheit ist ein etwas kürzerer Korpus und eine dritte Schallöffnung unter dem Griffbrett.
Diese Stainer-Geige aus dem Jahr 1678 befindet sich im Gemeindemuseum Absam. Ihre Besonderheit ist ein etwas kürzerer Korpus und eine dritte Schallöffnung unter dem Griffbrett.
- Vanessa Rachle

Stainers Fingerfertigkeit litt darunter aber nicht. Experten schätzen, dass der Absamer ungefähr 350 Instrumente gebaut und sich damit bereits einen Namen gemacht hat. „Es kam damals nicht oft vor, dass Menschen unteren Standes zu Lebzeiten schon berühmt wurden anstatt nachträglich“, sagt Matthias Breit vom Gemeindemuseum Absam. Hier sind eine Geige und weitere Artefakte Stainers ausgestellt.

Stainer gilt auch heute noch, 336 Jahre nach dem Bau seiner letzten Geige, als der größte außerhalb Italiens tätig gewesene Geigenbauer. Und auch heute noch spricht der hohe Preis für sich: 250.000 Euro oder mehr zahlen Sammler für eines der wertvollen Ins­trumente.

Bis um das Jahr 1800 zog man den Tiroler sogar selbst den hervorragendsten Vertretern der Cremoneser Schule wie Amati, Stradivari und Guarneri vor. „Im 19. Jahrhundert verlor sein Name aber vorübergehend an Ruhm. Der Grund war, dass die Ansprüche an die Instrumente sich änderten – es wurde in größeren Sälen gespielt, also brauchte es lautere Geigen“, sagt Franz Gratl, Kustos der Musiksammlung der Tiroler Landesmuseen.

Man möchte meinen, dass für neue Ansprüche auf Konzerte in größerem Ambiente einfach auch neue Instrumente gebaut wurden. Aber nein: Auch bereits im 19. Jahrhundert wusste man das einzigartige Handwerk der alten Meister zu schätzen und spielte am liebsten auf ihren Instrumenten.

Die Geigen unseres Absamers seien im Gegensatz zu denen seiner italienischen Kollegen allerdings sehr viel filigraner gebaut gewesen. Das zeichnet sie zwar aus, aber vor allem die dünne Korpusdecke habe es wiederum schwierig bis unmöglich gemacht, sie an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Ein Korpussegment einer Stainer-Geige aus dem Jahr 1671, von "Violinforensic" gescannt.
Ein Korpussegment einer Stainer-Geige aus dem Jahr 1671, von "Violinforensic" gescannt.
- Violinforensic

Ja, genau: Die Geigen der großen Meister wurden so verändert, dass sie in Klang und Lautstärke den Ansprüchen der jeweiligen Zeit entsprachen. „Der Bassbalken musste versetzt werden und der Hals wurde verlängert. So entstand eine wahnsinnig hohe Spannung, die viel Druck auf den Korpus ausübte. Dafür waren Stainers Instrumente nicht geeignet“, erklärt Gratl. Die italienischen Geigen seien im Gegensatz viel robuster gewesen.

Geigen zerlegen

Das Umbauen und Reparieren von Streichinstrumenten war und ist also ganz normal. „Es gibt keine Stainer- oder Stradivari-Geige auf der Welt, die in all ihren Einzelteilen noch ein Original ist“, weiß Gratl. Allerdings ist es gar nicht so leicht, herauszufinden, welche Veränderungen eine Geige im Laufe ihres musikalischen Lebens durchgemacht hat, ohne sie komplett zu zerlegen.

Rudolf Hopfner, Sammlungsdirektor des Kunsthistorischen Museums Wien, hat dafür eine Lösung ge- und erfunden. Vor fünf Jahren rief er in Zusammenarbeit mit Gerhard Weber vom Institut für Anthropologie der Uni Wien das Forschungsprojekt „Violinforensic“ ins Leben. Mit hoch auflösenden computertomografischen Scans werden die Violinen alter Meister untersucht – mit dem Ziel, als weltweit erste Forschungsgruppe Form- und Strukturanalysen der Geigen mittels 3D-Daten durchzuführen.

Der Scan des Stimmstocks der Geige zeigt die Wölbung des Korpus.
Der Scan des Stimmstocks der Geige zeigt die Wölbung des Korpus.
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Das Ergebnis der CT-Analyse einer Geige ist eine Serie von Schnittbildern im Abstand von einem Zehntel Millimetern: „Damit bekommen wir eine anschauliche Sicht des Instruments. So kann man zum Beispiel Holzwurmschäden aufdecken und reparieren, ohne das ganze Instrument öffnen zu müssen.“ Gleichzeitig könne man markante Charakteristika der Bauweise Stainers oder eines seiner italienischen Zeitgenossen identifizieren.

„Bei den klassischen italienischen Arbeiten, vor allem jenen Stradivaris, sind die Deckenstärken in der Mitte und am Rand annähernd gleich“, erklärt Hopfner. „Anders bei Stainer, der einem stärkeren Zentrum einen dünnen Rand gegenüberstellt. Mit Stärken unter zwei Millimeter geht er im Bereich der Hohlkehle an die Stabilitätsgrenze des Fichtenholzes. Physikalisch gesehen ähnelt dieses Konzept einer Lautsprechermembran, die am Rand eine flexible Aufhängung besitzt.“

Wertvolle Sammlung

Mit Unterstützung des Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) konnte das „Violinforensic“-Team um Rudolf Hopfner inzwischen 32 Instrumente von Stradivari, Giuseppe Guarneri del Gesù und Stainer untersuchen. Was die OeNB davon hat, dass alte Geigen von vorne nach hinten gescannt werden, erklärt ihr Direktor Kurt Pribil: „Die OeNB möchte seit 1980 ihrer kulturpolitischen Verantwortung nachkommen. Neben Bargeld, Münzen und Gold gibt es deshalb inzwischen eine große Kunstsammlung in unserem Haus, die aus Bildern und Musikinstrumenten besteht.“

Unter den 44 Instrumenten des klassischen Geigenbaus befänden sich acht Violinen von Stradivari, zwei von Guarneri und eine Violine von Jacob Stainer aus dem Jahr 1671 im Besitz der OeNB. Das Besondere an dieser Sammlung: „Alle Instrumente sind an herausragende österreichische Musikerinnen und Musiker unentgeltlich und dauerhaft verliehen“, sagt Pribil.

Rudolf Hopfner präsentiert ein "Mapping" der unterschiedlichen Dicken einer Stainer-Geige (l.) im Vergleich zur Stradivari.
Rudolf Hopfner präsentiert ein "Mapping" der unterschiedlichen Dicken einer Stainer-Geige (l.) im Vergleich zur Stradivari.
- Vanessa Rachle

Hierbei gehe es in erster Linie darum, ein möglichst hohes klangliches Potenzial mit den hochwertigen Instrumenten zu schaffen. Es gehe aber auch darum, herausragende Talente zu fördern und den musikalischen Nachwuchs Österreichs zu unterstützen. Übrigens: Die Musiksammlung allein hat einen Wert von 81 Millionen Euro.

„Es ist sehr wichtig, dass es solche Sammlungen wie die der OeNB gibt“, sagt Gratl. Für ein Museum käme das Verleihen der Sammlungsstücke nämlich nicht in Frage, da dies nicht dem Zweck einer musealen Sammlung entspräche. Den Instrumenten täte es jedoch gut, gespielt zu werden: „Eine Geige ist wie ein lebender Organismus. Das Material wird müde, wenn es länger liegt. Es dauert dann manchmal eine Weile, bis es wieder aufblüht und der Klang sich entwickelt“, weiß der Musikhistoriker. Deshalb würden auch die Stainer-Geigen aus der Sammlung des Ferdinandeums hin und wieder in Gebrauch kommen, beispielsweise für das Weihnachtkonzert der Innsbrucker Abendmusik am 21. Dezember im Innsbrucker Canisianum - mehr Infos: www.innsbrucker-abendmusik.at (Evelin Stark)