Letztes Update am Fr, 30.11.2018 11:35

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Weihnachten

Geschichte des Adventkalenders: Einst Luxus, heute Billigvariante

Schokolade zum Frühstück? Ein Fauxpas! Außer sie kommt aus dem Adventkalender. Auf die 24 Türchen freuen sich nicht nur Kinder, denn immer mehr Kalender richten sich an Erwachsene. Mit der religiösen Tradition haben die jedoch meist nichts mehr zu tun.

© iStockSüße Schritte bis zum Heiligen Abend.



Von Judith Sam

Von drauß’ vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen – es weihnachtet nicht besonders. Wie soll man auch in besinnliche Stimmung kommen, wenn man moderne Adventkalender kauft? Statt Bildchen von Schaukelpferden und Engeln findet man hinter den 24 Türchen Würstelvariationen, Hundekekse oder gar Erotikspielzeug. Keine Spur vom Fest der Liebe. Dabei hat die Tradition des Kalenders völlig anders begonnen.

„In katholischen Gegenden sollten sich Kinder mit guten Taten und Gebeten auf die Geburt des Christkinds vorbereiten“, weiß Tina Peschel vom Museum Europäischer Kulturen in Berlin. Sie hat sich für ihr Buch „Adventskalender“ mit den Sammlungen mehrerer Museen befasst. Würde man Kindern heute die ersten Adventkalender schenken – sie hätten wohl wenig Freude. Um das Jahr 1850 zeichneten protestantische Familien nämlich nur 24 Kreidestriche an die Wand. Um das Warten auf den Weihnachtsabend zu verkürzen, durften die Kleinen jeden Tag einen Strich abwischen. Katholiken legten täglich einen Stroh-Halm in eine Krippe, damit das Jesuskind weich liegt.

Lebkuchen auf Karton genäht

Damals galt der Advent noch als Fastenzeit. Das änderte sich, als die schwäbische Pfarrersfrau Selma Lang die Idee hatte, 24 Lebkuchen auf einen Karton zu nähen, von dem ihr Sohn Gerhard jeden Tag einen ablösen und essen durfte. Diese süße Tradition führte Gerhard, der später als Verleger in München arbeitete, fort. Um das Jahr 1908 produzierte er den ers­ten Türchenkalender, der prompt so viel Anklang fand, dass er rein religiöse Motive ablöste. Kein Wunder, erzeugte Langs Kalender doch erstmals Spannung, weil sich hinter jedem Türchen eine kleine Überraschung versteckte.

Im Zweiten Weltkrieg wären Adventkalender beinahe in Vergessenheit geraten. Hätte nicht ein Stuttgarter im Jahr 1946 diesen Kalender produziert.
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Adventkalender florierten – jedenfalls bis zum Nationalsozialismus. Adolf Hitler verbot sie wegen der herrschenden Papierknappheit und um diese christliche Tradition aus der Erinnerung der Menschen zu verbannen.

Ohne Erfolg. Zum Glück. Nach dem Krieg verhalfen der Zufall und der Stuttgarter Verleger Richard Sellmer den Kalendern zu einer Renaissance. „Sellmer plagte damals die Sorge, wie er seine Familie ernähren sollte. Weil seine Idee, Postkarten zu drucken, keinen Erfolg zeigte, riet ihm ein Freund, es mit Adventkalendern zu versuchen“, erzählt Annette Sellmer, die Frau des aktuellen Eigentümers des Sellmer-Verlags, der nostalgische Adventkalender in die ganze Welt verkauft.

Die Sternstunde der Kalender

Gesagt, getan: Nachdem Richard Sellmer seinen Kalender im Wohnzimmer gebastelt hatte, wollte er ihn im Jahr 1946 auf der Frankfurter Messe anpreisen. „Dort angekommen, sprach ihn im Aufzug ein Amerikaner an, was er unter dem Arm trage. Bis dato war die Tradition in den USA unbekannt“, plaudert Sellmer von der Sternstunde moderner Adventkalender.

Auf die Frage, was sie von der kommerziellen Entwicklung seitdem hält, antwortet die Stuttgarterin: „Jeden Tag ein Geschenk? Mal ehrlich: Braucht man’s?“ Weihnachten habe sich gewandelt – vom Fest der Familie zum Business-Event: „Jede Firma überlegt, wie sie ihre Produkte einbinden kann.“ Doch keine Sorge – es gibt einen Hoffnungsschimmer: Sellmer beobachtet ebenfalls, dass sich immer mehr Familien bewusst für nostalgische Kalender entscheiden: „Schließlich bietet kein Fest mehr Tradition als Weihnachten. Viele Familien haben seit Jahrzehnten weder den Christbaumschmuck noch das Essen am Heiligen Abend variiert. Warum sollten sie also moderne Adventkalender kaufen?“

Auch Autorin Peschel sieht die umsatzorientierte Entwicklung kritisch: „Schon Kalenderpionier Gerhard Lang bot einige Varianten mit Schokolade gefüllt an. War der süße Kalender zunächst Luxus für wenige, ist er inzwischen eher die preisgünstige Alternative.“

Sie rät, sich der Kommerzialisierung zu entziehen, indem man den Kalender selbst befüllt. Wie wäre es dabei, auf Gekauftes zu verzichten und stattdessen auf 24 Zettelchen zu schreiben, was man am anderen mag? Individuelle Gedanken sind kalorienarm und dürften länger Freude machen als Geschenkchen, die ohnehin bald in der Ecke verstauben.




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