Letztes Update am Mo, 03.12.2018 08:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ahnenforschung

Ahnenforschung: Mehr als 700 Verwandten auf der Spur

Helmut Kuprian verfolgte seinen Stammbaum ein halbes Jahrtausend zurück. Eine Faktensuche rund um 14 Generationen, die ihn vom Dachboden bis zu Seelenverzeichnissen von Pfarren führte.

© KuprianDas älteste Bild von Kuprians Verwandten zeigt Filomena und Anton, die in den Jahren 1833 und 1837 geboren wurden.



Filomena Kuprian starrt in die Kamera. Angestrengt, skeptisch, die Lippen zusammengepresst. Ihre Fingerknöchel treten weiß hervor, so verkrampft hält sie die Hand ihres Mannes Anton. Filomenas Blick scheint zu sagen: „Wofür bitteschön macht man ein Bild von sich selbst? Skurrile Idee.“ Anton, Bauer und Berufssoldat, wirkt entspannter. Doch mit der Leichtigkeit aktueller Portraitfotos hat das Ehepaar auf dem gelbstichigen Bild nichts gemein.

„Kein Wunder, entstand das Foto doch vor gut 150 Jahren. Es ist das älteste, das zwei meiner Ahnen zeigt“, schildert Helmut Kuprian. Der pensionierte Bauingenieur hat seinen Stammbaum ein halbes Jahrtausend zurückverfolgt: „Zweieinhalb Jahre hat die Recherche gedauert, bis ich 14 Generationen erforscht habe.“ Der Löwenanteil dieser 700 Personen lebte in Axams und Innsbruck.

Kuprians Interesse an Ahnenforschung begann früh – darum stellte er bereits seinen Großeltern Anton und Maria Fragen dazu.
- Kuprian

Kampf gegen den Kaiser

Kuprians erste in Unterlagen vermerkte Vorfahren sind Udalriki und Wolfgang, die in den Jahren 1542 und 1546 zur Welt kamen. „Damals tobte in Tirol der Schmalkaldische Krieg, in dem Kaiser Karl V. gegen ein Bündnis protestantischer Landesfürsten vorging“, sagt der Wahlwiener. Er kennt offenbar alle Daten auswendig. Eine stattliche Leistung. Handelt es sich mittlerweile doch um drei Bücher mit insgesamt 1300 Seiten, in denen er seine Recherche-Ergebnisse zusammengefasst hat: „Man erfährt im Zuge dieser Arbeit viel über die Ahnen und auch über die gesellschaftliche Entwicklung. Mein Ururgroßvater hatte neun Kinder, der Urgroßvater acht, der Großvater drei und ich zwei.“ Auch die Berufe unterlagen dem Wandel der Zeit: „Anfangs waren alle Bauern. Leibeigene. Ende des 16. Jahrhunderts stand die Bevölkerung von Innsbruck bis ins Sellraintal unter der Herrschaft der Benediktinerinnen von Frauenchiemsee.“ Deren Leibeigenschaft zu entkommen, war quasi unmöglich. Trotzdem gelang es einem von Kuprians Ahnen, dem Axamer Hannß Kuprian, sein vorbestimmtes Bauerndasein hinter sich zu lassen und Uhrmacher zu werden.

Franz, der Cousin von Helmut Kuprians Großvater, gilt als Begründer der Busverbindung von Innsbruck nach Axams.
- Kuprian

Zu dessen Nachkommen zählen vier Innsbrucker Bürgermeister, Geschirrhändler, Pfarrer, Sattlermeister – bis hin zu einigen der bedeutendsten Goldschmiede des Hochbarocks. „Andreas Kuprian etwa war Königlich-Kaiserlicher Wagner, der die Kutsche von Ferdinand II. anfertigte, die Anton Kuprian vergoldete“, erzählt der 65-Jährige mit stolzer Stimme.

Um all diese Informationen zu sammeln, studierte der Hobby-Ahnenforscher Hunderte Dokumente: „Zu den drei Sakramenten – Taufe, Ehe und Tod – werden seit Jahrhunderten Listen angefertigt. Anhand derer kann man sich vortasten. Kennt man etwa ein Ehejahr, geben die Geburtsregister der kommenden Jahre meist Aufschluss über Nachkommen.“

Viele Informationen lassen sich online abrufen. Diesbezüglich hat Ahnenforscher Thomas Scheuringer Erfahrung: „Tirols Kirchenbücher sind online zugänglich. Kostenlos. Ein tolles Service – in Südtirol muss man für Recherchen nämlich das Bozner Archiv aufsuchen, in Deutschland sind einzelne Daten im Internet zugänglich – allerdings gegen Gebühren.“

Gleich mehrere Hürden

Eine weitere Hürde ist der Datenschutz. „Er verhindert den Zugriff auf Daten von Personen, die innerhalb der letzten 30 Jahre verstorben sind, innerhalb der letzten 75 geheiratet haben und innerhalb der letzten 100 geboren wurden. Die Informationen davor sind nicht geschützt“, weiß Scheuringer. Seit 20 Jahren gibt er in Oberösterreich Kurse für Hobby-Ahnenforscher: „Die Zahl der Teilnehmer hat sich inzwischen vervierfacht. Die Menschen werden heimatbewusster und suchen ihre lokale Identität.“

Kein einfaches Unterfangen. Selbst wenn man die Daten gefunden hat, muss man sie erst entschlüsseln: „Vieles wurde in Kurrentschrift geschrieben. Die kann man erst mit etwas Übung lesen. Außerdem sollte man lateinische Grundbegriffe beherrschen.“

Kuprian, der diesen Problemen getrotzt hat, möchte Interessierten einen Tipp auf den Weg mitgeben: „Der erste Schritt ist, Verwandte nach ihren Erinnerungen zu fragen. Halten Sie sich dabei an Frauen, die sind viel zugänglicher. Hätte ich nur Männer in der Verwandtschaft, ich würde heute noch nach Antworten suchen.“ (Judith Sam)