Letztes Update am Mi, 05.12.2018 09:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Indigene Völker

Ist da noch jemand? Lebenszeichen aus der Abgeschiedenheit

Ein Missionar, der von einem isoliert lebendem Volk getötet wird: kein Filmstoff, sondern die Geschichte von Menschen, die unsichtbar sein wollen.

© AFP/FUNAI/Gleison Miranda2008 entdeckte FUNAI nahe Peru einen unkontaktieren Stamm, der vermutlich auf der Flucht vor Holzfällern war.



Von Theresa Mair

Vergessen und abgeschieden vom Rest der Welt leben Menschen, von denen man nicht viel weiß. Vor allem im Amazonasgebiet in der Grenzregion von Brasilien und Peru, aber auch auf den indischen Inseln in der Andamanen See und in Papua leben indigene Völker, die sich von der Außenwelt völlig zurückgezogen haben.

Das war nicht immer so. Christianisierung, Gewalt und Entführung, Landraub und Zivilisationskrankheiten haben sie seit Beginn der Kolonialzeit eines Besseren belehrt. Das Trauma hat sich festgesetzt, die Stämme isolierten sich.

Auf bedrückende Weise zeigt dies die Geschichte des „Letzten seines Stammes“, die Johann Kandler, Brasilien-Experte beim Klimabündnis, erzählt. Der „Letzte seines Stammes“ ist der einzige Überlebende eines Massakers im Amazonas-Gebiet. 1995 drangen vermutlich Viehzüchter in sein Dorf ein und löschten seine Familie und seine Nachbarn aus.

Ein seltenes Bild von einem Sentinelesen-Mann.
- AFP

Niemand weiß, wie er heißt, keiner kennt seine Sprache. Auf der Internetseite der Schutzorganisation Survival kann man sein Schicksal nachlesen. Der Mann versteckt sich in Bodenlöchern. Kommt man ihm zu nahe, wehrt er sich mit Pfeilen. „Man weiß ungefähr, in welchem Gebiet er sich aufhält“, sagt Kandler.

Da ist noch jemand

Nur wenn etwas passiert, geraten die freiwillig unkontaktierten Stämme, die in Gruppen von bis zu 40 Menschen zusammen und im Einklang mit der Natur leben, mit einem Schlag ins Licht der Öffentlichkeit. Aktuell ist es der Fall des jungen US-amerikanischen Missionars John Chau, der die Existenz eines der ältesten isolierten Völker der Welt, die Sentinelesen, wieder in Erinnerung ruft. Allen Mahnungen zum Trotz drang Chau auf die Andamanen-Insel North Sentinel vor, wo er von den Sentinelesen getötet wurde.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GFBVÖ) schätzt die Zahl der Sentinelesen auf ungefähr 80 bis 100 Personen. Es gibt nur wenige Fotos von den Menschen. Survival vermutet, dass das Volk von den ersten Gruppen des Homo sapiens abstammt. Auf den Andamanen-Inseln siedeln sie demnach bereits seit 60.000 Jahren.

Häufig werde auch deshalb in Zusammenhang mit indigenen Stämmen von Steinzeitmenschen, primitiven oder unterentwickelten Ethnien gesprochen, wie Survival kritisiert. Derart erniedrigende Zuschreibungen würden häufig benutzt von denjenigen, welche die Rechte der Menschen zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen beschneiden wollen.

„Niemand lebt in der Vergangenheit. Manche amazonischen Gruppen hatten sogar Gewehre, bevor sie überhaupt je einem Weißen begegnet sind. Die meisten unkontaktierten Völker benutzen Metallteile, die sie gefunden oder mit ihren Nachbarn getauscht haben. Unkontaktierte auf den Andamanen verwenden z. B. Metall von Schiffswracks“, schreibt Survival.

Gehetzt und ruhelos

Beeindruckend für die Welt war außerdem, dass die Sentinelesen den verheerenden Tsunami im Jahr 2004 beinahe unbeschadet überstanden haben. Die GFBVÖ geht davon aus, dass sie die Warnzeichen – das Zurückweichen des Meeres – erkannt hatten und rechtzeitig in höhere Lagen flüchteten.

North Sentinel ist nach missglückten Annäherungsversuchen – u. a. von Heinrich Harrer 1974 – seit 1996 militärisches Sperrgebiet. Fremde müssen einen Abstand von fünf Kilometern einhalten. Bei der Regelung geht es auch darum, die Indigenen vor Krankheiten, wie Masern oder Grippe, zu schützen, die sie in kürzester Zeit dahinraffen würden.

In Brasilien kümmert sich nach Jahrzehnten absoluter Straflosigkeit seit Ende der 90er-Jahre die staatliche Organisation FUNAI um die Belange der Stämme. Sobald ein Eindringen in die Schutzzone etwa aufgrund von Straßen-, Leitungs- oder Kraftwerksbau geplant ist, versuchen die FUNAI-Leute die isolierten Stämme aufzuspüren, mit ihnen in Kontakt zu treten und ihnen Angebote – z. B. für Schutzimpfungen – zu machen, wie Kandler schildert. Auch die katholische und die lutheranische Kirche sind in den 1960ern von der traditionellen Mission abgerückt und unterstützen die Indigenen inzwischen. Für Konflikte würden jedoch zunehmend die evangelikalen Kirchen mit ihrem Anspruch „Seelen zu retten“ sorgen.

Die größten Sorgen bereitet Kandler aber die Zukunft: Der designierte, rechtspopulistische Jair Bolsonaro kündigte bereits an, den Indigenen ihre Lebensräume nicht mehr garantieren zu wollen.

Die Schutzorganisationen befürchten, dass Bolsonaro das Klima der Straflosigkeit bei Verbrechen gegen die Minderheiten wieder etablieren wird.