Letztes Update am Fr, 07.12.2018 14:30

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Julia Engelmann: „Ich glaube nicht an Grenzen beim Schreiben“

„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein“: Das ist der Anfang dieses einen Textes, welcher Julia Engelmann 2014 zu einer Aufmerksamkeit verhalf, die aus der Psychologiestudentin eine hauptberufliche Dichterin machte. Auch in Innsbruck begeisterte die heute 26-Jährige mit ihrer Show.

© TT/Rudy De MoorJulia Engelmann hat die Show, mit der sie auch in Innsbruck auftrat, gemeinsam mit dem Management, also ihrer Mutter, entwickelt.



Durch einen Auftritt 2013 beim 5. Bielefelder Hörsaalslam wurden Sie auf einen Schlag berühmt. Wie hat sich dank „Eines Tages, Baby“ Ihr Leben verändert?

Im Nachhinein betrachtet hat es sich ziemlich verändert. Ich hatte zwar damals schon geschauspielert, war aber zu diesem Zeitpunkt Psychologiestudentin. Und jetzt darf ich hauptberuflich als Dichterin arbeiten, auf Tour sein und habe eine Leserschaft gefunden. Es hat sich also viel verändert und viel auch nicht. Ich stelle mir immer noch die gleichen Fragen, ich bin immer noch meiner Familie nah, weil sie mich unterstützt und etwa mit mir auf Tour ist.

Ihr Erfolg setzte aber etwas zeitverzögert ein, der Slamauftritt ging erst rund ein Jahr später viral.

Und ich habe mich auch öfter gefragt, warum. Es ist für mich nach wie vor ein kleines Mysterium oder besser ein kleines Wunder. Ich bin mit dem Text schließlich auch woanders aufgetreten, das wurde auch gefilmt, aber das hat damals niemanden interessiert. Da spielt auch das berühmte Glück eine Rolle. Und zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.

Inzwischen sind Sie neben Dichterin aber auch Musikerin oder Illustratorin für Ihre Bücher. Gibt es einen Schwerpunkt? Muss man sich entscheiden?

Ich glaube nicht, dass man sich entscheiden muss. Ich übte immer schon all die Sachen, die ich jetzt auf der Bühne mache, als Hobbys aus, jetzt wurde es professionell. Es gehört für mich aber zusammen.

Das heißt, Sie hatten eine solche Entwicklung schon in Planung?

Nein, eigentlich nicht. Ich wollte früher mal eine Zeitlang Prinzessin werden, dann Anwältin, dann Psychologin, wie auch meine Mutter. Aber ich glaube, ich hätte mich nicht getraut, davon zu träumen, einmal Künstlerin zu sein.

Wie kam die Idee zu solchen Text-Musik-Hybriden, wie Sie sie selbst nennen, die man auf Ihren Alben vorfindet?

Ich dachte beim Schreiben eigentlich nie daran: Oh, jetzt kommt mir etwas Neues in den Sinn. Das war vielmehr ein natürlicher Prozess: Ich habe geschrieben und plötzlich gemerkt, hier fühlt sich etwas nach einer Melodie an. Und zugleich auch nach Text. Das passierte also eigentlich aus Versehen.

Der Rhythmus kommt aber noch aus Ihrer Poetry-Slam-Zeit.

Ja, man eignet sich hier einen gewissen Duktus an. Der aber in verschiedenen Stilen auch anderes sein kann. Der Sprachrhythmus spielt im Poetry-Slam eine große Rolle. Aber auch anderswo, in der Rapmusik etwa. Die Grenzen verschwimmen.

Interessiert Sie der Poetry-Slam noch?

Ich muss zugeben, ich war lange auf keinem mehr. Aber das Konzept reizt mich nach wie vor. Allein im Publikum zu sitzen. Poetry-Slam hat was ganz Magisches. Im Moment finde ich, weil ich auf Tour bin, nur eben nicht so viel Zeit.

Mitsamt Konkurrenzkampf, der ja grundlegend für den Slam ist?

Am Anfang hat es mich angespornt, ich dachte, es ginge vor allem darum. Aber je mehr ich aufgetreten bin, teilweise auch mit gleichen Mitstreitern auf ähnlichen Veranstaltungen, wurde das Konkurrenzdenken eher zur Nebensache.

Glauben Sie, dass Poetry-Slam als Genre mal Einzug in die große Literatur haben wird?

Ich glaube, so etwas wie Goethe ist ziemlich unantastbar in seinem Lebenswerk. Ob das Slammen als Genre bleibt oder nur Phänomen der Zeit ist, ist heute schwer zu sagen. Trotzdem höre ich immer wieder von Schülern, die meine Texte bei ihrer Abiturklausur verwendeten – das macht schon auch stolz.

Gibt es thematisch für Sie noch etwas anderes als den eigenen Mikrokosmos?

Prinzipiell ist für mich alles interessant und ich glaube nicht an Grenzen beim Schreiben. In der Poesie gibt es kein Richtig und Falsch. Ich schreibe gerne über meinen Mikrokosmos, weil ich mich damit auskenne. Ich habe als Mensch eine Verantwortung, versuche, mich im realen Leben gut zu verhalten, und glaube, dass das – hochgerechnet – eine Gesellschaft auch besser machen könnte.

Neben Ihrem musikalischen Debüt „Poesiealbum“ gibt es jetzt auch ein Hörbuch. Wie entstehen Ihre Texte?

Das sind eigentlich alles Texte, die neu entstanden sind, die als Buch veröffentlicht wurden und nun auch als Hörbuch. Meine Texte entstehen aus Notizen und werden dann selten in einem Zug durchgeschrieben. Im Grunde sind es große Collagen, an denen ich ewig sitze und jeden Satz auf die Goldwaage lege.

Gibt es auch Ambitionen für einen längeren Text?

Das könnte ich mir auf jeden Fall vorstellen. Aber aktuell habe ich nichts in der Pipeline, dass ich jetzt schon verraten könnte.

Das Interview führte Barbara Unterthurner




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